27. August 2025

Alle »kriegsmüde«

Hinweis: Dieser Blogbeitrag ist ein Gastbeitrag. Die Inhalte und Meinungen liegen in der Verantwortung des jeweiligen Autors und stellen nicht zwangsläufig die Auffassung des Teams von 99 ZU EINS dar. Nie ist Krieg den ihn Führenden ein Selbstzweck. Nicht anders verhält es sich in der Ukraine, wo die westlichen Chancen auf einen militärischen Sieg schlecht […]
Sinis
Hinweis: Dieser Blogbeitrag ist ein Gastbeitrag. Die Inhalte und Meinungen liegen in der Verantwortung des jeweiligen Autors und stellen nicht zwangsläufig die Auffassung des Teams von 99 ZU EINS dar.

Nie ist Krieg den ihn Führenden ein Selbstzweck. Nicht anders verhält es sich in der Ukraine, wo die westlichen Chancen auf einen militärischen Sieg schlecht stehen. Das erkennt Trumps Kosten-Nutzen-Rechnung mit dem Wechsel zu Diplomatie gegenüber Russland an. Angesichts dessen wollen sich die Europäer nicht länger einem aufgezwungenen »Darüber-Reden« verweigern – einerseits. Das muss aber nach Merz et al. mit allem, worüber sie außerhalb des Schlachtfelds verfügen, aus einer schon von Helmut Schmidt bekannten »Position der Stärke« heraus, nachdrücklich gestaltet werden. Dazu wird Trump einiges zu bedenken gegeben, das sich unter Inkaufnahme selbstschädigender »Neben«wirkungen doch schon bewährt hat. Erstens ist ein effektiver Wirtschaftskrieg gerade jetzt notwendiger denn je; hier gilt es, noch kreativer zu werden. Weiter so, aber einfallsreich!

In diesem Bereich praktischer Maßnahmen ist zweitens die Einkreisung des Bösen zu intensivieren. Mit noch mehr Truppenverlegungen, Aufmärschen und (willkommenen) Konflikten an dessen Grenzen, mit Seewegbesetzungen (Stichwort »Schatten«flotte) und mit geheim wie offen produzierten »Störfall«provokationen (auf MI6 z. B. ist Verlass). Das beschweigen die Europäer zwar, aber das bisherige Handeln spricht eine deutliche Sprache. (Die machen Chris Donahue und Frau Strack-Zimmermann auch hörbar.) Höchstwahrscheinlich und warum auch nicht: Fortsetzung folgt.Und die wehleidigen Russen sollten aufhören, über bloße Nadelstiche zu jammern; so ist »hardball«, vulgo guter Staatsterrorismus, eben. Dagegen scheint Trump, soweit sich das bei ihm sagen lässt, wenig bis nichts zu haben. Hauptsache, er ist »es« nicht gewesen (»you do it«). Das Schöne an diesen Optionen ist, dass sie selbst bei einer Niederlage der Ukraine möglich bleiben.

Drittens: Trump, der versichert, Putin sei des Kriegs müde, hat Europa zum bisher verweigerten Reden angestoßen. Die Folge ist ein Tonartwechsel. Jetzt, da Trump die militärischen Trauben zu sauer werden und bevor womöglich noch »Gesichts(!)verlust« droht (das können »wir alle« nicht wollen!), also gerade noch rechtzeitig, geht nun auch in Europa »Kriegsmüdigkeit« um; ein Gespenst, dessen Heraufziehen Kapitolgans Baerbock warnend beschnatterte. Aber keine Angst! Zum einen: noch ist die Ukraine nicht verloren. Zum anderen: wenn der Sieg nicht militärisch geht, dann sind »wir« nach Schlucken der Verhandlungskröte und während der Fortführung des oben Genannten eben friedensgeneigt; für einen Frieden, der – und da gibt es kein Zurückstecken – sowas von gerecht sein muss.

Am besten wäre natürlich, wie Merz Trump nahelegte, ein bedingungsloser Waffenstillstand zur Erholung der guten »Streit«kräfte. Nun, wenn das vom Tisch ist und sich auch kein vorteilhafter Gebietsschacher erhandeln lässt, dann muss in Gottes Namen eben darüber geredet werden, wie eine Nachkriegsukraine zumindest und vor allem »für uns« aussehen muss.

Somit viertens: Sicherheitsgarantien für die Ukraine!! Die ist umso sicherer, je weniger Sicherheitsgarantien Russland bekommt. Dafür trommelt schon einmal das »Germany Today« der SPD aka IPG vom 21.08.25: »Nur Stärke schafft Schutz. Die einzige echte Sicherheitsgarantie gegen Russland ist eine starke ukrainische Armee.« Nun ja – Dauerdusche sollte helfen –, die Hetzpostilleder Friedrich-Ebert-Stiftung kommt ihrem Solidaritätsauftrag nach, auch die letzten Unpatrioten zur Einsicht in den gerechten Imperativ zu bekehren. Ohne eine kriegstaugliche Ukraine – »the sky is the limit« – kann und wird es Frieden einfach nicht geben. Das wäre undenkbar.

Also: Diese Prophylaxe hat es in sich und wird ein Hauptstreitpunkt redender Auseinandersetzung sein. Auch bei einem verlorenen Krieg darf eine Ukraine zukünftiger Abmessungen auf keinen Fall »finnlandisiert« werden. Sie darf nicht wie ehemals Österreich verifizierbar neutral werden. Das Höchste, worauf Russland hoffen können soll, ist ein Teile des Donbass umfassendes Glacis. Daran anstoßen soll dann ein Gebiet, eben eine neue Ukraine, in der sich westliche Aufsicht, mit mehr und weniger offen positionierten Waffen, Personal und Kapitalverwertung, exklusiv für den Westen, frei betätigt. (Ex-Jugoslawen könnte das irgendwie bekannt vorkommen.)

Mit Modalitäten davon wird sich Russland nach Kriegsende unaufhörlich – »Friktionen« garantiert – herumschlagen müssen (Trump würde sagen »Good luck!«). Es mag zwar die Schlacht gewinnen können, aber was ist mit dem Krieg? Auch wenn die Schlacht in ein »prekäres Austarieren« mündet, so wird der Westen eine weitere Landmine gelegt haben. Die kann er auch wieder hochgehen lassen – bei »Handlungsbedarf«.

Fünftens noch etwas Hoffnungsfrohes: Weil es kann, macht Deutschland währenddessen in seinem Inneren das, »was wirklich zählt«. Es repariert, nach »O-Plan D«, seine Gesellschaftsbereiche so, dass sie fugenlos zu seinem Sicherheitserfordernis passen und als kleine wie große Räder geölt ineinandergreifen. Der Kriegsgott ist nicht wählerisch. Er macht zwar mobil, bei Arbeit, Sport und Spiel, aber da geht noch mehr. Wehrverwertbarkeit kann überall blühen. Endlich gibt sich die Nation für das ihr gebührende Format den schon von Roman Herzog geforderten Ruck: »Wer hat Angst vor Putin?« – »Keiner!« – »Wenn er aber kommt?« – »Soll er doch!«

Für diese Antwort gibt es 99 Punkte (und Masala kann beruhigt sein).

Sinis
Author: Sinis

Autor

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
0 Comments
Älteste
Neueste Beste Bewertung
Inline Feedback
Alle Kommentare anzeigen

Kommentare suchen

Tödliche Wunschzettel
Bin anderer Meinung, was die Darstellung des Verhältnisses ...
Der Mann im Kapitalismus - mit Herbert Auinger - 99 ZU EINS - Donauwalzer
Kein Kommentar: Der gefährlichste Ort im Leben einer Frau ...
Die nationalsozialistische Herrschaft
Nationalsozialistische HerrschaftAufzeichnung:https://www.y...
Barbaren ante portas
„Kultur & Bildung… blablabla…. Zuminde...
Zitatezettel zu Antisemitismus - falsch erklärt: Adorno & die kritische Theorie
Zitatezettel – Dialektik statt Psychologismus (aus Horkhei...
Episode 478: Nach der Wahl... - Senf - Trio Infernal Februar
Macht doch bitte mal ein direktes Video an Dekarldent oder f...
Der Begriff des Antisemitismus
99 ZU EINS über Rassismus und Antisemitismus:1. Rassismus ...

0
Jetzt kommentierenx