Das Manuskript zur Folge „Der Mann im Kapitalismus – mit Herbert Auinger – 99 ZU EINS – Donauwalzer“
Hinweis: Dieser Blogbeitrag ist ein Gastbeitrag. Die Inhalte und Meinungen liegen in der Verantwortung des jeweiligen Autors und stellen nicht zwangsläufig die Auffassung des Teams von 99 ZU EINS dar.
Zur Geldfrage:
Es ist schon seltsam: Zur Dauerdiskussion des „Gender-Pay-Gap“ gehört die Behauptung ebenso wie die Widerlegung der Vorstellung, eine Differenz bei den Einkommen der Geschlechter sei eine Diskriminierung, also eine ungerechtfertigte Differenz. Anders ausgedrückt: Wenn Frauen den überwiegenden Teil der „unbezahlten“ Arbeit leisten, wie ständig betont wird, ist damit auch geklärt, warum sie – im Durchschnitt – weniger Geld verdienen. Alles fertig.
[„Beim bereinigten Gender-Pay-Gap wird also der Teil des Verdienstunterschieds herausgerechnet, der auf strukturellen Unterschieden (Ausstattungseffekten) wie Ausbildungsgrad, Beruf, Qualifikation, Arbeitserfahrung u. ä. von Männern und Frauen beruht. Daher ist der bereinigte Gender-Pay-Gap im Normalfall deutlich (im einstelligen Prozentbereich) kleiner als der unbereinigte. Neben den genannten beobachtbaren Ausstattungsunterschieden kann es weitere Unterschiede geben, die unbeobachtbar oder schwer messbar sind (z. B. Erwerbsunterbrechungen aufgrund von Schwangerschaft, der Geburt von Kindern oder der Pflege von Angehörigen) und ebenfalls einen Teil der Lohndifferenz erklären. Demnach ist der bereinigte Gender-Pay-Gap als das maximale Ausmaß („Obergrenze“) der Lohndiskriminierung zu verstehen. “ (Wikipedia)]
Absurd: „unbeobachtbar oder schwer messbar (z. B. Erwerbsunterbrechungen aufgrund von Schwangerschaft, der Geburt von Kindern oder der Pflege von Angehörigen)“
Stichworte, quer durch den Gemüsegarten, aus dem Gedächtnis:
„Erwerbsbiographie“: Unterbrechungen durch Mutterschutz, Karenz, dann Teilzeit; durch Betreuungspflichten weniger mobil und flexibel; weniger Beförderungen („Karriere“), und ob nach der Karenz die nahtlose Fortsetzung im Job gelingt, wenn sich die Vertretung inzwischen bewährt hat, ist auch die Frage.
„Unbezahlte Arbeit“ – genau genommen eine verkehrte Bezeichnung, Beistands- und Sorgepflichten (ob mit oder ohne Trauschein) sind keine Gelegenheiten zum Geldverdienen, so als würde ständig auf die Bezahlung vergessen. Bezahlte Arbeit wird für jemanden verrichtet, der sie deswegen bezahlt, wer ist das? Bezahlte Arbeit kann Frau auch kündigen. Wenn Frau mit „Care-Arbeit“ Geld verdienen will, darf sie nicht Mutter werden, sondern: Lehrerin, Kindergärtnerin, Tagesmutter … Außerdem: Anspruch auf Naturalleistungen qua Unterhaltspflicht des Teils, der bezahlte Arbeit verrichtet.
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Frau darf beim Vorstellungsgespräch nicht nach Schwangerschaft und Kinderwunsch gefragt werden (geschieht natürlich dennoch), und sie darf im Fall das Falles sogar lügen … Klar, die drohende Mutterschaft ist ein Konkurrenznachteil, ein Minuspunkt.
Frau berichtet in einem Forum, wie froh sie ist und wie gut sie es getroffen hat: Nette Kollegen, netter Chef, die ihre Restriktionen (Kind krank, Kindergarten sperrt zu, Schule ruft an …) nicht gegen sie verwenden, sondern ihr helfen! Glück gehabt!
Auf LinkedIn eine Debatte, ob Frau im CV angeben soll: Familienplanung abgeschlossen bzw. kein Kinderwunsch – und bezeichnende Reaktion: Das sei unsolidarischer Versuch, sich einen Konkurrenzvorteil zu sichern – ja klar, darum geht es doch in der Konkurrenz der Lohnarbeiter!
Koalitionsverhandlungen in Österreich: Der Wirtschaftsminister will Unternehmen ermuntern, Leistungen individuell zu honorieren, also Unterschiede zu machen, um den Leistungswillen anzustacheln, Unternehmen sollen die Konkurrenz der Lohnarbeiter anheizen; Prämien, Boni will er daher steuerlich begünstigen. Alles das zusätzlich zur Lohndifferenzierung qua Kollektivvertrag oder interner Lohnhierarchie. Gleicher Lohn für gleiche Arbeit – von wegen, die Firmen sollen Unterschiede bei der Leistung machen; übrigens, dazu brauchen sie die Aufmunterung durch den Minister nicht.
Frau entdeckt, dass sie weniger verdient als ein Kollege: Kapitalistischer Alltag; wenn ein Mann dergleichen entdeckt, kann er sich halt nicht wegen geschlechtsspezifischer Diskriminierung beklagen, er kann sich beim Betriebsrat informieren, ob die Firma das darf – in der Regel darf sie.
Die Vorstellung von „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ ist sach- und weltfremd. Wenn zwei Leute in etwa dieselbe Tätigkeit erledigen, muss das nicht viel heißen: Die Lohnhierarchie ist eine komplexe Angelegenheit, deswegen bietet die Gewerkschaft ihr Hilfe bei der „Einstufung“ in dieselbe an, wobei Gesichtspunkte wie Ausbildung, Vordienstzeiten, Erfahrung überhaupt, Betriebszugehörigkeit … eine Rolle spielen. Und wenn ein Betrieb Leute braucht und abwerben will, legt er auch mal was drauf, ohne sich um Gerechtigkeitsfragen zu kümmern. Kommen dazu die früher mal „atypischen“ Beschäftigungsverhältnisse: Man kann in etwa dieselbe Tätigkeit erledigen als Angestellter, freier Dienstnehmer, neuer Selbständiger (keine Ahnung, ob es das noch gibt), als Ein-Personen-Unternehmen mit Gewerbeschein, als Leiharbeiter, per Werk- oder Projektarbeit – da sollen sich die Unternehmen die Rosinen herauspicken, und alle diese Varianten haben unterschiedliche arbeits- und sozialrechtliche Folgen, ebenso bei der Entlohnung. Das Geld kommt nämlich nicht „aus“ der Arbeit, „aus“ der Leistung; es gibt keine Verbindung von einer konkreten Tätigkeit hin zu einem bestimmten Geldbetrag – der Lohn kommt aus dem Interesse dessen, der ihn zahlt, weil er einen Arbeitsplatz einrichtet, weil dieser sich für den Einrichter lohnen soll, nach dem Prinzip, dass sich die Arbeit für den Anwender um so mehr lohnt, je weniger er dafür zahlen muss. Und dieses Interesse mündet allemal in bzw. setzt voraus eine Beurteilung der Person, die diese Leistung bringen soll, in einen Befund über die Tauglichkeit des Individuums für diese eigentliche Leistung, sich für den Anwender lohnen zu müssen. Betreuungspflichten sind eine Konkurrenznachteil.
Botschaften wie „Frauen erledigen die gleiche Arbeit und verdienen 20% weniger“ – sind eine schlicht falsche Interpretation von Statistiken, so als wäre der Durchschnitt eine Summe: Wenn es so wäre, würden die teureren Männer bald durch billigere Frauen ersetzt bzw. diese zum Lohndrücken benutzt. Warum sollte eine Firma einem Mann mehr zahlen, wenn eine Frau billiger ist? Bloß weil er ein Mann ist?
Bericht aus Betrieb (leider nicht gespeichert): Gibt Mitarbeiter im Außendienst, bislang Männern vorbehalten (länger unterwegs am Abend, auch Übernachtung außerhalb, besser bezahlt, Frauen wegen häuslicher Pflichten nicht abkömmlich). Weibliche Sachbearbeiterin geht zum Chef und sagt, sie will auch. Chef denkt kurz nach, und stimmt zu. Warum? Nun, er kann seine Belegschaft nun flexibler einsetzen, und die Männer verlieren bisherigen Konkurrenzvorteil. Wenn Frauen bisherige „Männerberufe“ ausüben, sinkt angeblich das Lohnniveau – kein Wunder, Angebot und Nachfrage!
Fazit „Motherhood Penalty“
Der Grund für diese Differenz, und nicht Diskriminierung, ist der „Motherhood Penalty“, die Strafe für die Mutterschaft. Gemeint ist der Konkurrenznachteil für Personen mit Sorgepflichten. Das ist auch allgemein bekannt – jede Frauenministerin, die sich für die „Vereinbarkeit“ von Beruf und Familie einsetzen will, unterstellt eben diese Unvereinbarkeit bzw. die Benachteiligung von Menschen mit Sorgepflichten beim Geldverdienen.
Die gute Nachricht: Wenn dieser „Gap“ das Ärgernis ist, dann gibt es eine konkrete, praktische Lösung: Öffentlicher Dienst (Bundesdienst) und keine Kinder; im Bundesdienst gilt in Österreich positive Diskriminierung, bei gleicher Qualifikation kriegt die Frau die Position; ohne Kinder entfallen auch die Unterbrechungen bzw. Teilzeit!
Was leistet die seltsame Debatte? Ausgerechnet wenn es ums Geld geht, kommt die Ökonomie nicht vor, höchstens in Form einer unsachlichen Gerechtigkeitsvorstellung! Was ist Wirtschaft? Wirtschaft ist, es gibt Männer und es gibt Frauen – und es ist ungerecht! Der Zweck – Geldvermehrung –, und das Subjekt – der Kapitalist –, kommen nicht vor oder bestenfalls als Randerscheinung. Statt dessen die Vorstellung, der Kapitalismus könnte eine noch viel gerechtere Veranstaltung sein, wenn nur die Kapitalisten rücksichts- und vorurteilslos gegen das Geschlecht der Arbeitskraft zugreifen würden …
Wenn schon Unzufriedenheit mit den Erträgen der Arbeit, nun denn – wie viel Geld bräuchte denn Frau für einen anständigen Lebensstandard, wie lange muss Frau dafür schuften, und wie kaputt oder wie munter ist Frau nachher – ausgerechnet diese Parameter kommen nicht vor! Statt dessen die Sicherheit, dass diese Bedürfnisse nicht zählen, und der Versuch, damit umzugehen – Frau braucht also einen allgemein anerkannten Titel für Beschwerden!
Nachtrag und Ausblick auf die Gewaltfrage
Im „Profil“ vom 20.2.2017 skizziert Elfriede Hammerl ein Paar:
Adam und Eva haben beide studiert, danach haben sie beide einen Job bekommen und gut verdient, Adam allerdings etwas besser als Eva, denn wie das Leben so spielt, hat ihm sein Studienabschluss bald eine Leitungsposition beschert, Eva hingegen nicht. … Adam hat wie Eva einen Abschluss in Betriebswirtschaft, aber aus nicht näher definierten Gründen war Eva offiziell nicht Abteilungsleiterin, obwohl sie de facto ihre Abteilung geleitet hat. Nach Evas Abgang wurde diese offenkundige Ungerechtigkeit auch prompt korrigiert, ihr Nachfolger bekommt jetzt ein Abteilungsleitergehalt; Eva wurde also gewissermaßen im Nachhinein rehabilitiert, was sich allerdings blöderweise nicht auf ihrem Konto niederschlägt. Seit Adam und Eva Kinder haben, ist aber ohnehin alles ganz anders, denn Eva arbeitet jetzt Teilzeit. Das (die Teilzeit) entspricht nicht ganz ihrem ursprünglichen Plan, der vorsah, dass sie ihre Karriere auch als Mutter fortsetzen würde, doch die Realität weicht eben manchmal von dem ab, was man sich in jugendlicher Ahnungslosigkeit so alles ausmalt. In der Theorie schien es ganz einfach: Adam und sie würden sich Haushalt und Kinderbetreuung gerecht teilen und ihre Berufstätigkeit gleichermaßen darauf abstimmen. Hat jedoch nicht funktioniert. Die Arbeitswelt ist auf Halbe-Halbe nicht eingerichtet. Bei mir heißt es ganz oder gar nicht, sagte Adam, der in seiner Firma gar nicht erst nach anderen Lösungen fragte, weil er wusste, dass es sie nicht geben würde. Und dann bezog er ja auch das höhere Gehalt. Es zu gefährden, wäre verrückt gewesen.
Da spielt nicht „das Leben“, da spielt der Kapitalismus, und die vermeintliche „Ungerechtigkeit“ ist keine. Alle haben alles richtig gemacht: Die Firma hat die Frau Eva nicht befördert, weil es für den Betrieb nichts bringt, eine Frau zu befördern, die sich möglicherweise in den Mutterschutz, in die Karenz und in die Teilzeit zurückzieht. Der Herr Adam hat auch alles richtig gemacht, er hat gar nicht erst nach Karenz oder Teilzeit gefragt, weil er wusste, damit macht er sich in seiner Firma unbeliebt, und das in einer Lage, in der die Familie wg. Kind mehr Geld braucht und die Frau weniger verdient, er sich also keine Extratouren leisten kann. Frau Eva hat auch alles richtig gemacht, indem sie sich nach einer völlig gleichberechtigten Diskussion mit dem Göttergatten für die Teilzeit entschieden hat. (Es gibt die These, nach der Geburt würden eigentlich längst überkommene „Rollenbilder“ die Frau in die Kinderbetreuung drängen – nun, da liegt m.E. ein pragmatisch-praktischer Umgang mit den Umständen vor, nichts weiter; darüber hinaus gibt es Frauen, die dezidiert „Mütter“ sein wollen, sich also auch um ihre Kinder kümmern wollen; und nicht diese gleich wieder abgeben, um arbeiten zu gehen, um sich die Kinder überhaupt leisten zu können. (Erinnerung an Nehammer: Wenn die Weiberleut’ mehr Geld wollen, sollen sie halt mehr hackeln, da sollten Mütter moralisch richtiggehend in die Vollzeit geprügelt werden.) Zur Erinnerung: Frau Eva leistet „unbezahlte Arbeit“; sie konsumiert aber auch von ihr nicht „bezahlte Leistungen“, die Herr Adam finanziert. Solange die Beziehung intakt ist, kein Problem, ein und derselbe Lebensstandard; richtig bitter wird es u.U. durch die Trennung und in der Pension.)
Bei allem, was das Paar richtig gemacht hat, einen Schnitzer haben die sich doch geleistet, in der Vorstellung nämlich, „sie würden sich Haushalt und Kinderbetreuung gerecht teilen“ – so als könnten sie das entscheiden, als könnten sie sich die „bezahlte Arbeit“ und die Kinderbetreuung nach ihren Bedürfnissen einteilen; weswegen Gatte Adam erst nachher drauf kommt, dass er in der Firma lieber nicht nach Karenz oder Teilzeit fragt, weil die „Arbeitswelt auf Halbe-Halbe nicht eingerichtet ist“. Komisch, dass Akademiker mit Betriebswirtschaftsstudium das erst mitkriegen, wenn das Kind schon unterwegs ist … („Arbeitswelt“wie immer die nette Bezeichnung für den Kapitalismus unter Abstraktion von der entscheidenden Figur, dem Kapitalisten, und dessen entscheidendem Interesse am Zweck: Geldvermehrung. Das der Einstieg in die Entdeckung diverser „Defizite“, die alle keine sind!)
Den brutalen, den hammermäßigen Fehler machen die beiden allerdings erst nachher, zumindest der Möglichkeit nach. Erlaube mir, in dichterischer Freiheit die Geschichte fortzuspinnen, und zwar folgendermaßen: Wenn es sich bei den beiden um hartgesottene, in der Wolle gefärbte Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft handelt, dann liegt eine Verwechslung sehr nahe, nämlich die Verwechslung von Gerechtigkeit mit Bequemlichkeit, Bekömmlichkeit, Gemütlichkeit – oder umgekehrt die Vorstellung, Anstrengung, Belastung, Stress, Erschöpfung bis zum „burn-out“ kämen nicht aus der Doppelbelastung, sondern aus deren ungleicher, ungerechter Verteilung. Dieser hochmoralische Vorwurf gegeneinander stimmt immer, denn wenn der / die andere mehr erledigen würde, dann hätte die / der eine weniger zu tun. Je nachdem, wie ernst bzw. radikal die beiden diese Maxime nehmen und ausleben, desto mehr werden sie sich benörgeln und befetzen. Wer daran schuld ist, sobald es unbehaglich wird, steht schließlich immer schon fest, sind ja nur zwei anwesend. Ebenso steht fest, die beiden müssen sich bald wieder vertragen, sie sind schließlich aufeinander angewiesen. [Unerschöpflicher Stoff für SitComs!]
Wer eine Familie gründet oder nur einen gemeinsamen Haushalt betreibt, betreibt de facto und teilweise de jure ein Zwei-Personen-Unternehmen zur Bewirtschaftung der Reproduktionsnotwendigkeiten der Beteiligten, als da sind der Umgang mit den Restriktionen von Geld, Zeit und Verausgabung von Lebenskraft, die nicht seltene Erschöpfung; mit oder ohne Kinder. Wobei diese Restriktionen alle von außerhalb kommen, und die Notwendigkeiten nach der Arbeit nicht zu Ende sind: Es muss auch dafür gesorgt sein, am nächsten Tag – geschneutzt und gekampelt – wieder antreten zu können. Aber, so und als das, was es objektiv ist – nämlich die Verlängerung und Ergänzung der Arbeitswelt zur Wiederherstellung der Arbeitskraft – so geht niemand in eine Ehe und Beziehung. Die Privatsphäre gilt – nach allen anerkannten und geschätzten Konventionen – nicht als diese Verlängerung und Ergänzung der Erwerbsarbeit, sondern geradezu als Gegenwelt, als Gegenentwurf. Als eine Sphäre, in der gerade keine Notwendigkeiten und Zwänge abzuwickeln sind, und wo jeder nach seiner exklusiven Fasson glücklich werden kann.
Bei diesem partnerschaftlichen Dauergezerre um Gerechtigkeit in der „unbezahlte Arbeit“ stimmt ihnen der Staat bzw. das Eherecht entschieden zu, auch falls die Beteiligten diese in den Details nicht kennen. Macht nichts. Die (standesamtlich geschlossene) Ehe ist nämlich ein „Vertrag“, wie Juristen bei Gelegenheit versichern, auch wenn die Essentials durchaus ohne Standesamt beherzigt werden können, und auch wenn mancher Beteiligter das erst im Zuge der Scheidung so richtig mitkriegt. Allerdings ein Vertrag ganz eigener Art. Die wesentlichen Vertragsinhalte werden nicht von den Vertragsparteien ausgehandelt, sondern vom Gesetzgeber vorgegeben – und von dem ab und an auch reformiert, ohne dass alle Ehepaare, die unter dem vorherigen Recht unterschrieben haben, geheiratet haben, erst noch zustimmen müssten. Und während in Verträgen normalerweise detailliertest über Leistungen und Gegenleistungen kontrahiert wird, wodurch viele Arbeitsplätze für qualifizierte Anwälte benötigt werden, damit bloß keine der vertragschließenden Parteien über den Tisch gezogen werde – davon ist bei diesem skurrilen Vertrag nicht die Rede. In anderen Verträgen beziehen sich in der Regel gegensätzliche Interessen kalkulierend zum je eigenen Nutzen aufeinander, weil jede der Vertragsparteien etwas will, was die andere hat und notgedrungen eine Gegenleistung erbringen muss: Deswegen der übliche Aufwand bei der Vertragsgestaltung, um gegen die gewussten Interessen der Gegenseite abgesichert zu sein. Andererseits enthält die Ehe gerade die Verpflichtung zum Abstandnehmen von den üblichen gegensätzlichen Praktiken und Geltendmachen von Rechten in der Konkurrenzgesellschaft: Die Eheleute sollen nicht aneinander Geld verdienen und abrechnen, was immer auf ein Gegeneinander hinauslaufen wüde. Die Parteien sind zum Beistand verpflichtet, auch zum gemeinsamen Lebensunterhalt; die vertraglich eingegangene Pflicht besteht also darin, gerade nicht eigene Interessen gegeneinander zu verfolgen; sondern im Gegenteil in einer Pflicht zur Selbstlosigkeit, dazu, „füreinander da zu sein“ und füreinander einzutreten und zu sorgen. Aber was das heißt, wer denn nun dafür welche Leistungen zu erbringen hat, das dürfen sich die Beteiligten völlig gleichberechtigt miteinander und gegeneinander ausmachen, und das als Dauerveranstaltung. Wohlgemerkt, dass die beiden wechselseitig Pflichten zu erfüllen haben und aus der eigenen Pflichterfüllung Rechte beanspruchen können, das steht fest, aber wer welche Leistungen zu erbringen hat, da mischt sich das Gesetz nicht ein. (Insofern ist das alles natürlich auch eine Klassenfrage.) Bzw. nur im Groben: Das Eherecht definiert die Ehe als Not- und Elendsbewältigungsgemeinschaft, die beiden müssen sich umeinander kümmern, das steht fest, und das lässt sich erst mal, wie alles im Leben, gehörig idealisieren:
„Ich verspreche, dich nicht zu verlassen, weder in guten noch in schlechten Tagen, weder in Reichtum noch in Armut, weder in Gesundheit noch in Krankheit, und dir die Treue zu halten, bis dass der Tod uns scheidet.“ (www.weddingstyle.de)
Dann kommt es eben schwer darauf an, wie radikal und rabiat sich die beiden Beteiligten gegeneinander als Inhaber von Rechten und Nutznießer von Pflichten aufführen. Denn Wünsche, Bedürfnisse, Interessen sind verhandelbar bzw. können zurückgewiesen werden, Rechte sind die absolut gültigen, im Grunde genommen nicht kompromissfähigen Interessen; die dazugehörige Floskel lautet: „Ich akzeptiere kein nein!“ Je nachdem, wie erbittert sich die beiden als Rechte-Inhaber aufführen, desto giftiger die Atmosphäre. Natürlich hindert niemand die beiden an der Erkenntnis, dass sie sich in ihrer Notbewältigungsgemeinschft mit lauter Restriktionen von außen herumschlagen, für die beide in der Regel nichts können: Wenig Geld, wenig Zeit, kräftemäßig strapaziert – und unter diesen Restriktionen muss die Reproduktion der Arbeitskraft klappen; etwas Spaß in der Freizeit soll auch sein!
Das Bedürfnis, sich dafür die Zuneigung zu sichern, besser: Sich vor allem die damit verbundenen Erlebnisse und Befriedigungen und Leistungen zu sichern, gegen die immer möglichen oder drohenden Fährnisse und Risiken zu sichern, das ist auch ohne Trauschein möglich, denn die Risiken sind bekannt: Beim Bedürfnis nach „Verrechtlichung“ der Beziehung – mal so halbironisch ausgedrückt –, da darf man ruhig annehmen oder unterstellen, dass es den Beteiligten jeweils darum geht, den oder die andere verlässlich festzulegen, während man / frau von sich selbst nicht selten der Meinung ist, die eigenen Beiträge und Leistungen aus Liebe, die seien ohnehin über jeden Zweifel erhaben und selbstverständlich. Sobald die Pflicht tatsächlich als Pflicht in Kraft tritt – wenn also eine der beteiligten Personen dezidiert nicht mehr will, aber moralisch oder materiell zum Weitermachen gezwungen ist, dann ist die Qualität des Zusammenlebens ohnehin perdu, erledigt, weil einseitig in höchstem Maß widerwillig abgewickelt. Und der „Genuss“ bzw. der Erfolg des anderen Teils, der liegt dann bezeichnenderweise nur noch darin, zu „seinem Recht“ zu kommen, formell das zu erlangen, was ihm „zusteht“, auch wenn das Miteinander trostlos verläuft … Zur Verdeutlichung einige Auskünfte einer Expertin, einer bekannten Wiener Scheidungsanwältin:
Frage: „Was spricht überhaupt für die Ehe?“ Klaar: „Der Wunsch, den Widrigkeiten des Lebens zu zweit zu begegnen, einen Menschen zu haben, der zu einem hält und einen nie verlässt. … Die Ehe ist in ihrer Regelmäßigkeit mit dem Schlossgarten von Schönbrunn vergleichbar, mit seinen gestutzten Bäumen und hübschen Alleen. Die Lebensgemeinschaft ist die Prärie: Es gilt das Recht des Stärkeren. Und das ist nicht immer die Frau.“
Da referiert die Anwältin das gängige Liebesideal, indem sie zwei Phänomene kombiniert, die schlicht inkommensurabel sind; auf Deutsch: die nicht zusammenpassen. Da hätten wir einmal nicht näher spezifizierte „Widrigkeiten des Lebens“, es geht offenbar irgendwie ungemütlich zu im „Leben“, gemeint ist wie immer der Kapitalismus – und daraus folgend der überhaupt nicht zu dieser Diagnose passende Wunsch nach einem Menschen, „der zu einem hält und einen nie verlässt“. Also ohne, dass diese Widrigkeiten näher bestimmt wären und ohne dass der Mensch, der zu einem halten und einen nie verlassen soll dann wenigstens auch die Mittel oder die Qualifikationen hätte, den Widrigkeiten ein Ende zu machen? Die Welt ist schlecht und kalt und grau – und sie kann so bleiben, die Ignoranz gegenüber den „Widrigkeiten“ ist mit Händen zu greifen; aber mit dem einen Menschen, der einen nie verlässt, sind die Widrigkeiten auszuhalten? Gerade die Scheidungsanwältin weiß es viel besser, davon lebt ihr Beruf! Der Vorteil der Ehe ist darüber hinaus, dass da eine Ordnung herrscht, während in der Lebensgemeinschaft das „Recht des Stärkeren“ zählt – „das ist nicht immer die Frau“. Nun, die Ehe und das Ausspielen von Stärken und Schwächen – das widerspricht sich gerade nicht, indem die Beteiligten sich ihre wechselseitigen Recht und Pflichten ganz frei untereinander ausmachen dürfen. Und „zwischen gleichen Rechten entscheidet die Gewalt“, das Zitat ist aus dem Zusammenhang gerissen, passt hier auch vorzüglich. Den Zusammenhang zwischen den Widrigkeiten des Lebens im Kapitalismus und und der normalen Ehehölle schilder die Anwältin wie folgt:
Klaar: „Ich bin überzeugt, dass die 40-Stunden-Woche viel dazu beiträgt, dass die Menschen unzufrieden sind. Man kann nicht 40 Stunden arbeiten und daneben einen Haushalt führen und die Kinder unterhalten. … Man ist am Abend müde und geschafft, kocht das Nötigste und lässt die Unordnung Unordnung sein. … Also kommt die Frau drauf, der Mann ist schuld, denn er ist zu wenig da und macht nix. Das stimmt ja meistens. Und der Mann findet, die Frau ist nicht mehr für ihn da, sondern kümmert sich nur um die Kinder.“ Einschub Interviewerin: „Stimmt ja meistens auch.“ Antwort: „Ja. Dann sind beide der Meinung, mit einem anderen Partner ginge es besser. In Wirklichkeit ist es die 40-Stunden-Woche.“
In der Tat, spätestens mit den Kindern geht das frühere Leben den Bach runter, zumindest bei Durchschnittsverdienern. „Man kann nicht 40 Stunden arbeiten und daneben einen Haushalt führen und die Kinder unterhalten.“ Doch, man kann schon – das Unterfangen geht, aber es geht auf Kosten der Beteiligten. Wenn sich herausstellt, wie unvereinbar diese, zum Teil selbstgewählten Widrigkeiten mit allfälligen anderen Wünschen, mit der „Selbstverwirklichung“ oder wenigstens mit dem früheren Leben sind – dann ziehen viele Leute ziemlich gemeine, geradezu verkommene praktische Konsequenzen, die zwar von der Sachlage her absurd, die aber von der Ehe her institutionell angelegt und auf Schiene sind: Sie gehen aufeinander los, sie machen einander wechselseitig für die Belastungen verantwortlich, die sie sich z.T. aus freien Stücken aufgeladen haben und denen sie nicht mehr auskommen, für die sie geradestehen müssen, sie haben sich dazu ja verpflichtet: „Also kommt die Frau drauf, der Mann ist schuld, denn er ist zu wenig da und macht nix. Das stimmt ja meistens. Und der Mann findet, die Frau ist nicht mehr für ihn da, sondern kümmert sich nur um die Kinder. (Interviewerin:) Stimmt ja meistens auch. Ja. Dann sind beide der Meinung, mit einem anderen Partner ginge es besser.“ Ein Erfahrungswert bei der Kundschaft, die sich bei ihr einfindet, sieht so aus:
„Der häufigste Scheidungsgrund ist das zweite Kind. Mit einem Kind lässt sich der Status noch aufrechterhalten. Mit dem zweiten Kind tritt der permanente Ausnahmezustand ein. Sicher, selbst Leute, die zehn Jahre verheiratet sind, kriegen das erste Kind, und schwupp, geht die Ehe den Bach runter. Aber selbst wenn man die erste Krise überstanden hat, kommt mit dem zweiten Kind die größere Krise.“ Frage: „Was sind die Anschuldigungen?“ Antwort: „Kein Sex am Nachmittag. Kein ungestörtes Essen mehr. Keine Gespräche mehr über Literatur und Theater.“
Durch die Kinder ist das frühere Leben kaputt und der frühere Alltag und die vorherige Beziehung sind vorbei. Die Bälger sind halt keine zusätzliche Bereicherung eines erfüllten Lebens, sondern machen sich als Belastungen geltend, ihre Betreuung krempelt alles um. Familie ist ein Zweitberuf, ein Knochenjob. Das genaue Verhältnis von Sex, ungestörtem Essen und Parlieren über Literatur und Theater sei mal dahingestellt. Es gehört allerdings insofern unterstrichen, als sich niemand mit dem Zweck in eine Familie begibt, sie als diese Not- und Elendsbewältigungsgemeinschaft zu betreiben, sondern als – hochtrabend – die Sphäre von Glück und Selbstverwirklichung und Genuss im gelungenen Leben. Deswegen geht auch wesentlich mehr kaputt als bloß ein praktisches Arrangement zur Einteilung der Reproduktionsnotwendigkeiten; die wechselseitigen Vorwürfe eskalieren in die Richtung, der / die andere würde einem selber nicht weniger als das ganze Leben verpfuschen. Wer sollte es denn sonst sein? Sind ja nur die beiden beteiligt …
Es ist schon die Ehe oder eheähnliche Beziehung, die die Beteiligten in einen Gegensatz bringt.
Die Gewaltfrage
Bevor es zur Gewaltfrage im engeren Sinn geht, wieder ein Einwand: Die übliche Definition vom „Femizid“ – getötet, weil sie eine Frau ist –, die stimmt nicht. Sie wird getötet, weil sie eine bestimmte Frau ist, nämlich „seine“, die das nicht mehr sein will, also die „Ex“. Buchtitel von Frau Kastner „Tatort Trennung“ ist da wesentlich näher an der Sache! Was geht da ab? Nun, die Ehe bzw. Beziehung ist zwar objektiv, unter Druck der Umstände, die erwähnte Not- und Elendsbewältigungsgemeinschaft, aber subjektiv wird sie in der Regel nicht mit dieser Zwecksetzung betrieben. Die Privatsphäre ist bekanntlich nicht weniger als die Sphäre des Glücks in Familie, Beziehung, Liebe. Unzählige Ratgeber und große Teile der Populärkultur beweisen das, wobei das „Glück“ wohl weniger klassisch gemeint ist – indem man von positiven Gefühlen geradezu überwältigt wird. Sondern mehr als ein integraler Bestandteil eines erfolgreichen Lebens, das allerdings gerade wegen der speziellen Bedeutung der Familie als einer Gegenwelt zu Konkurrenz, Leitung, Anstrengung, Stress, Hamsterrad, Ellenbogengesellschaft – sie ist der Ort eben, wo man „um seiner selbst willen“ anerkannt, womöglich geliebt wird, wo man nichts leisten, beweisen muss, wo man sich nicht verstellen muss etc. usw.
Dennoch bzw. genau deswegen: Der gefährlichste Ort im Leben einer Frau ist bekanntlich die Wohnung, und die gefährlichste Situation ist die Trennung. Der überwiegende Teil von Mord und Totschlag in der bürgerlichen Welt passiert in der Familie bzw. auf soziologisch im „sozialen Nahbereich“; die Opfer sind überwiegend Frauen.
Noch einmal ein Interview mit der „renommierten Scheidungsanwältin“ Helene Klaar, die „regelmäßig in Abgründe ehelicher Gemeinheit blickt“ (SZ). Sie fasst Erfahrungen zusammen, etwa den Unterschied zwischen häuslicher Gewalt und anderen Untaten:
Klaar: „Natürlich kann man sich überlegen: Wie wird ein Mann gewalttätig? Warum glaubt er, dass die Frau zu guschen hat? Hat er das zu Hause erlebt? Hatte er Vorbilder, die ihm sagten, Probleme löst man mit Gewalt? … Immer nur bei Gewaltdelikten zwischen Männer und Frauen werden alle ganz rührselig und suchen Ursachen im Verhalten des Opfers. Sie war nicht lieb genug zu ihm, sie hat ihn abblitzen lassen oder er war halt eifersüchtig. Der gewöhnliche Hühnerdieb hat dieses Verständnis nie.“
Wieso sollte denn die vorerst ganz neutrale Frage nach der Ursache quasi automatisch den jeweiligen Täter entlasten? Wieso sollte denn die Ursachenforschung bei dem Typen, der seine Frau verprügelt, automatisch in „Rührseligkeit“ münden, weil sie „im Verhalten des Opfers“ zu suchen und zu finden sei? Der Hammer liegt doch darin, in welchem „Verhalten des Opfers“ da die Ursachen gesucht und gefunden werden! Die Einzelheiten: Sie war nicht lieb genug zu ihm – ja na und? Sie hat ihn abblitzen lassen – ja na und? Er war eifersüchtig – sie hat sich woanders umgeschaut, ja na und? Die Ursachen, von denen da die Rede ist, die liegen sehr offen zutage – es sind die Ansprüche des Täters und sonst nichts! Und diese Ansprüche des Täters, die haben nicht bloß den Status und Stellenwert eines Wunsches oder einer Erwartung – Wünsche werden bekanntlich manchmal erfüllt, manchmal nicht, und Erwartungen werden auch mal enttäuscht. Aber diese seine Ansprüche hält der Täter für seine Rechte und für die Pflichten der Frau, und diese Rechtsansprüche bzw. die mangelnde Pflichterfüllung behandelt bzw. beantwortet der Täter so, wie es im Umgang mit verletzten Rechten und verweigerten Pflichten adäquat ist – mit Gewalt. Auch wenn das rechtlich verboten ist, ist es im Moralhaushalt der bürgerlichen Kultur offenbar tief verankert, und mündet deswegen auch in das erwähnte „Verständnis“ und in die „Rührseligkeit“ in Öffentlichkeit und Justiz. Und dieses Verständnis kommt doch unschwer kenntlich daher, dass es sich zumindest im Fall der Ehe tatsächlich um Rechte und Pflichten handelt, die allerdings gerade nicht in allen Details vorgegeben und aufgelistet sind, sondern die sich die Eheleute ganz gleichberechtigt aushandeln dürfen und müssen. Das wird folgerichtig sehr häufig in höchst unangenehmer Weise zu einer Frage des Kräfteverhältnisses – aber dass sie einander verpflichtet sind und „füreinander da sein“ müssen, in der ganz abstrakten und durchaus totalitären Bedeutung, das steht fest, das ist gesetzt, und das ist der Grund für die ach so verständliche Empörung des Täters und dessen rechtschaffene Brutalität. Bin also schwer dafür, dieses „victim blaming“ nicht zu ignorieren oder empört zurückzuweisen, sondern zur Kenntnis zu nehmen; so äußern die Täter ihre Motive!
Um weiterzudenken: Wenn er sie verprügelt – unwahrscheinlich, dass sie darüber lieb zu ihm wird; wenn er sie verprügelt, weil sie ihn hat abblitzen lassen – unwahrscheinlich, dass er dann bei ihr landet; wenn er sie aus Eifersucht verprügelt, weil sie einen anderen im Auge hat, ziemlich unwahrscheinlich, dass er dadurch attraktiv wird. Irgendeine Variante von Nutzen ist gewiss nicht zu erzielen – aber darum geht es einem Rechtsfanatiker nicht, in seiner „allgemein verständlichen heftigen Gemütsbewegung“, in seiner moralischen Empörung. Im Extremfall bringt er sie um, in der Regel dann, wenn sie nichts oder endgültig nichts mehr von ihm wissen will – wo bleibt da der Nutzen, der Erfolg? Die Frau ist tot, der Täter im Gefängnis – da ist nichts Vergleichbares zu einer illegalen Bereicherung zu entdecken, kein Nutzen und kein Erfolg. Der nicht vorhandene Nutzen ist ja das Einfallstor, um aus der Tat ein Rätsel zu machen, was dann spätestens der Verteidiger unter Assistenz von allerlei Psychologen betreibt.
Möchte zur Gewaltfrage aus didaktischen Gründen über einen kleinen Zwischenschritt einschieben, nämlich den Hinweis auf zwei eher randständige Communities, weil sich von diesen Extremisten bzw. Radikalinskis doch Rückschlüsse auf die Normalität ziehen lassen. Die „Pick-up-artists“ (Aufrisskünstler) sind eine Subkultur, die davon ausgeht, dass sich eine Frau, die ihren Verstand halbwegs beieinander hat, nicht mit Leuten wie ihnen einlassen würde. Nachdem aber ganz wichtig ist, eine „an Land zu ziehen, zu erobern, abzukriegen“, kommt es darauf an, Frauen zu manipulieren oder sonst wie mit Tricks und Tarnen und Täuschen gefügig zu machen. Die Fortsetzung in Richtung von Substanzen wie „Ko-Tropfen“ ist da zumindest naheliegend. Die Subkultur „Incels“ (unvoluntary celebate, unfreiwillig enthaltsam) sind dann quasi die nächste Station, sind die endgültig gescheiterten Aufrisskünstler, die daraufhin einen ehrlichen, aufrichtigen Hass auf „die Frauen“ generell entwickeln, weil diese ihnen durch ihr Desinteresse bzw. ihre Ablehnung das eigene Lebensglück vorenthalten. Was lernen wir daraus?
Nun, diese Communities radikalisieren auf ihre Weise zwei in dieser Gesellschaft verbreitete, als gültig angesehene, womöglich empfohlene Phänomene: Erstens ist der Zugang zu, der Zugriff auf Frauen essentiell, das ist das entscheidende Kriterium eines gelungenen Lebens und damit der Ausweis der je eigenen Erfolgstüchtigkeit, der Fähigkeit, „das Leben zu meistern“ und darüber saturiert zu werden. Zweitens muss man sich das Recht darauf schon verdienen – wodurch, da gehen die Meinungen auseinander –, aber wenn man als gestandenes Mannsbild darauf Anspruch erheben kann, dann sind einem eben „die Frauen“ allgemein viel schuldig … Der von seiner „Ex“ verlassene ist auch eine Variante von „incel“-Existenz, nur richtet sich sein Hass und seine Wut nicht auf „die Frauen“ generell, sondern auf die eine bestimmte, die frühere „Traumfrau“.
Zwischenbemerkung vor den Überlegungen zum Unterschied von Liebeskummer und Eifersucht: Geht um „Geschlechterungleichheit“ (Blick auf Kris). Weibliche Pendants zu diesen seltsamen Idioten-Communities wie Pick-up-artists und Incels sind mir nicht bekannt; halte auch die Frage danach für überflüssig. Wozu sich nach Phänomenen erkundigen, die es nicht gibt? Angesichts dessen, dass das Bedürfnis nach einem gelungenen Leben mit einer Familie oder Liebesbeziehung im Mittelpunkt auch Frauen nicht fremd ist, kann man da erst mal nur konstatieren, dass es Frauen offenbar nicht zu diesen geschilderten Radikalisierungen und Vereinseitigungen bringen, offenbar allfällige Enttäuschungen nicht in dieser Form kollektivieren und kanalisieren.
Zuerst zum Liebeskummer: Nun ja, wenn sich einer in die Vorstellung „hineinsteigert“, ohne seine „Traumfrau“ nicht leben zu können, dann geht es ihm u.U. hundsmiserabel, wenn daraus nichts wird: Das bricht ihm das Herz, wie es heißt. So fühlt er sich zumindest. Die ganz radikale Variante endet u.U. auch tödlich, aber da ist die übliche Folge der Selbstmord. Ansonsten: Dieser Kummer enthält ja auch das Eingeständnis, dass da nichts zu machen ist. Liebe ist ein freies Verhältnis, wenn die / der andere nicht mehr mag, da ist man beschissen dran, aber das war es dann, da gibt’s nichts zu verlangen, und das dauert genau so lange, bis es vorbei ist.
Woher hingegen die Wut, der Hass, die Verbitterung, im Rahmen der Eifersucht? Im Unterschied zum Leidenden am Liebeskummer macht der Eifersüchtige ein schuldhaftes Verhalten für sein Leiden verantwortlich – sie ist schuld, es liegt an ihr, was beim Liebeskummer in der Regel nicht der Fall ist. Soll heißen, sie ist nicht nur beteiligt an seinen unerträglichen Zuständen, indem er sie vergöttert, und sie halt nicht will; sie handelt auch noch, das ist schließlich der Gehalt von „Schuld“, quasi widerrechtlich, sie tut ihm ein Unrecht an. Dadurch gewinnt übrigens das Leid selbst einen ganz anderen Charakter – es ist eben nicht nur sein individuelles Elend, sein Kummer, sondern da fühlt sich ein rechtschaffener Mensch als das Opfer eines Verbrechens an ihm; sie bleibt ihm etwas schuldig. Und zwar etwas, was ihm nach den sittlichen Maßstäben seiner Community womöglich zusteht, und das ist wieder keine individuelle Macke, sondern anerkannt. Sie war der Volltreffer, die Traumfrau, das Einzige. Das Glück eben – und er war für sie da, er hat oder hätte alles für sie getan, wie sich das gehört. Sie aber nicht mehr.
[Da haben sich die Leute für ihre freie Zeit eine separate Welt gesucht und gefunden – jenseits von Lohnarbeit und Warentausch und Leistung, wo selbstsüchtige Privateigentümer gegeneinander agieren. Sie haben beschlossen, auf der Basis von Zuneigung gemeinsame Sache zu machen, vielleicht auch mal Einkommen und Ausgaben zusammenzulegen; es sollte jedenfalls gerade nicht um einseitiges Ausnutzen und um Vorteile gegen den anderen gehen – und wozu bringen sie es nicht selten im Verlauf, und unterm Strich? Zu einer komplizierten, hoch-moralischen Form des Tausches, bei dem oft einem oder beiden Partnern der Ertrag in keinem guten Verhältnis zur eigenen Leistung zu stehen scheint: Sie tauschen vielmehr Selbstlosigkeit, bedingungslose Zuwendung, um vom Partner dasselbe einzutauschen – und achten sehr auf das Verhältnis von Geben und Nehmen. Eine sehr dialektische Angelegenheit: Gerade durch Selbstlosigkeit, durch den Abstand von einseitigen Vorteilsrechnungen soll das Individuum und sein Selbst im Gegenzug auf seine Kosten kommen. Vor allem hat es das Gut, das da wechselseitig beansprucht wird, in sich. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um ein letztlich doch gelungenes Leben: Neben einem sog. Alltag, der einem das Leben mehr oder weniger schwer macht, soll das gemütliche Nest einen für das entschädigen, was der Alltag nicht zu bieten hat. Dagegen ist der übliche Tausch von Waren und Diensten der Individualität äußerlich, abtrennbar, ein begrenztes Ding betreffend, richtiggehend harmloser. Der Tausch unter Eheleuten oder in der Beziehung ist viel besitzergreifender. Und insofern auch gefährlicher. Es gibt eine Formulierung im Zusammenhang mit häuslicher Gewalt, die darauf anspielt: Da sind die Opfer manchmal ein wenig fassungslos, denn der Täter wird als „Seele von Mensch“ beschrieben, der alles für die Familie tut, von dem Frau und Kinder alles haben können – und trotzdem dreht er ab und an durch und wird ausfällig. Nun, das „trotzdem“ ist m.E. durch ein „weil“ zu ersetzen; weil er alles gibt, hat er verdient, im Gegenzug auch alles zu bekommen – da kann manche Enttäuschung nicht ausbleiben.]
Was ist der Stellenwert, worin besteht die Bedeutung von Frauen – was ist das, eine „Frau“, in dem Weltbild? Ohne Frau, ohne Beziehung ist das Leben sinnlos, ohne Bedeutung, das ist die Verabsolutierung von Liebe, Beziehung, Sex, Frau zum Inbegriff des Sinnes des Lebens, zum Glück eben, zur Erfüllung schlechthin. Da hat einer nicht ein Interesse, ein Bedürfnis, also ein bestimmtes – und damit ein begrenztes – Anliegen neben anderen, sondern das ist das einzige, das zählt im Leben. Alles andere ist umgekehrt im Grunde genommen nichtig, unbedeutend, eine Last, unangenehme Verpflichtung, aber keine Erfüllung, belanglos. Ohne Beziehung ist das ganze Leben nichts wert, wüst und leer, sozusagen – also durchaus Grund genug, dem ein Ende zu setzen; Selbstmord ist da die adäquate Fortsetzung. Es ist eine sehr radikale, abstrakt-negative Stellung zum restlichen bürgerlichen Getriebe: Beruf, sonstige Interessen, Hobbies, Bedürfnisse welcher Art auch immer – das taugt alles nicht viel oder gar nichts. Und das kann alles so bleiben, wie es ist – uninteressant, untauglich, unbedeutend, armselig. Aber dadurch, dass etwas dazukommt – im Wesentlichen eine Frau – dadurch ändert sich alles, dadurch kippt das freud- und trostlose Leben doch noch ins Positive. Und diese Stellung zur Welt, die ist keine individuelle Spinnerei, kein exklusiver Einfall von Pick-up-artists und Incels. Die alltägliche Form, in der diese Stellung zur Grundausstattung bürgerlicher Lebensart gehört, die lautet: Die Familie ist das wichtigste! Es ist, als wollten die Protagonisten den alten Adorno-Spruch „Es gibt kein Richtiges Leben im Falschen!“ blamieren wollen. Es muss doch das richtige im falschen geben. Leute, die entschieden dem Hinweis widersprechen, sie würden ein ziemlich fremdbestimmtes Leben führen, im Dienst und zum Nutzen von Staat und Wirtschaft, und zum eigenen Schaden – die sind sich andererseits völlig sicher, dass „das“ nicht alles gewesen sein kann, dass es das für sie richtige Leben geben muss, eben in Liebe und Familie. Die Sehnsucht nach der „Work-Life-Balance“ ist eine Abwandlung dieser Sehnsucht aller „Idioten der Familie“: die Arbeit zieht einen ziemlich runter, da braucht es ein Gegengewicht – das blöde ist nur, die Familie ist kein Gegengewicht, sondern die doppelte Belastung, quasi ein Zweitberuf mit eigenen, anderen Anstrengungen. („Idiot der Familie“ ist der Titel der Biographie, die Sartre über Gustave Flaubert geschrieben hat. Keine Ahnung, nicht gelesen; aber der Titel gefällt mir ausnehmend gut.)
Diese zwei Momente – der absolute Stellenwert von Frau bzw. Beziehung als Inbegriff des Glücks, und die Vorstellung eines Rechtsanspruchs darauf – die sind Allgemeingut, die sind sehr „kulturell bedingte“ Phänomene, das ist keine esoterische, abgehobene Spinnerei eines Verrückten. Der extreme Ausnahmefall ist der „Incel“ insofern, weil er Rache an – im Prinzip – allen Frauen übt, die er für sein heulendes Elend verantwortlich macht, weil sie ihn ignorieren. Der handelsübliche Veranstalter einer „Familientragödie“ bzw. einer „Beziehungstat“, der macht nicht die Frauen schlechthin für sein heulendes Elend verantwortlich, sondern die eine, die bestimmte, für die er da war, die für ihn da zu sein hatte oder hätte, und die ihn nun schmählich im Stich lässt. Dadurch ist das Debakel, das totale Fiasko da, eine beendete Beziehung gehört nicht selten zu den biographischen Katastrophen. Die Ehe bzw. das gängige Beziehungsmodell ist, durch die Organisation als Ensemble von Rechten und Pflichten, eben durchaus eine Art von Besitzverhältnis, und dass die Ehe ein gleichberechtigtes und wechselseitiges Besitzverhältnis ist – mein Mann, meine Frau – nimmt vom Besitzverhältnis halt nichts weg. Ein Beschluss des deutschen BGH aus dem Jahr 2008 besagt diesbezüglich: „Wenn die Trennung vom Tatopfer ausgeht und der Angeklagte durch die Tat sich dessen beraubt fühlt, was er eigentlich nicht verlieren will, entfallen die Mordmerkmale.“ (Film „Frauenmorde – an jedem dritten Tag ein Femizid, ZDF-Doku)
Was passiert da eigentlich? Wieder ein didaktischer Umweg: Verbrecherorganisationen bezeichnen ihre Verein gern als „Familie“; die Mafia. Kleiner Vergleich – da hätten wir erstens Verpflichtung zur Treue, zur bedingungslosen Loyalität; zweitens die Deutung der Illoyalität als Verrat; und drittens die fürchterliche Rache. Ist die Familie womöglich eine mafiöse Struktur? Die Mafia ist sich sicher. Allerdings wird die Rache dann auch professionell vollzogen, so, dass der Täter nicht erwischt wird. Bei der „Beziehungstat“, „Familientragödie“, „Trennungstötung“, beim „Femizid“ eskaliert ebenfalls diese Stufenleiter – Anspruch auf Treue – Verrat – Rache . Das macht solche Taten einerseits so verständlich (Rache) und andererseits unverständlich, denn bei anderen Varianten von Mord und Totschlag ist das Motiv, nämlich der illegal erlangte Nutzen des Täters, offenkundig. Der will sich bereichern, Diebstahl, Raub, Versicherungsbetrug … Davon ist bei der Familientragödie, beim Femizid nichts zu sehen: Nicht zu selten kommt nachher der gescheiterte Selbstmordversuch oder – stehende Floskel – „der Täter ließ sich widerstandslos festnehmen“. Was läuft da, wenn der Täter alle sonstigen vertrauten bürgerlichen Berechnungen, Schaden und Nutzen betreffend, hinter sich lässt? Seinen Schaden gleichgültig in Kauf nimmt? Im „profil“ 17/2021 wird ein Psychiater gefragt, der erzählt interessante Sachen, kann aber nicht viel damit anfangen:
„Oft wird dieser Typ nach der Tat von einem Hochgefühl dominiert, dass jetzt wieder endlich die ausgleichende Gerechtigkeit hergestellt wurde. Bei der Begutachtung beklagen sich manche dieses Typus über ihre Frauen in einer Art und Weise, als ob die sie töten hätten wollen. Für dieses Gefühl der Wiederherstellung ihres Selbstwerts nehmen diese Täter viel in Kauf – Jahre im Gefängnis, in manchen Ländern sogar die Todesstrafe. … Bei Rache spielt vieles mit: Frustration, Hass, Neid, ein angegriffener Selbstwert, eine unheilbare Gekränktheit, die sich zu einer Verbitterungsstörung verhärten kann. Hinzu kommt das Gefühl, dass der Rächer sich immer als Opfer fühlt, sein Gerechtigkeitsgefühl verletzt sieht und es so wiederherzustellen glaubt. … die Achillesferse des Narzissten ist die Kränkung. Eine Trennung empfindet er als Attacke auf seinen Selbstwert.“
Diese Referierung im Konjunktiv weigert sich, die selbst entdeckten Beweggründe seriös zur Kenntnis zu nehmen: Rache ist die Herstellung der Gerechtigkeit, nicht als staatliche Verfolgung und Bestrafung, sondern als individuelle Vergeltung des selbst erlittenen Unrechts! Vergeltung wofür denn nun? Weil die Frau den Täter „hätte töten wollen“, erfährt der Psychiater vom Täter, der sich selbst als Opfer sieht! Natürlich wollte sie ihn nicht physisch töten, sondern mehr seelisch, moralisch; sie hat ihn zerstören wollen, indem sie seinen „Selbstwert“ – das ist die psychologisierte Variante von „Ehre“ oder „Identität“ – „durch die Trennung attackiert“ hat. Dem könnte man immerhin entnehmen, dass die herausragende Aufgabe der Beziehung bzw. der „Ex“ darin bestanden hat, durch ihre Bewunderung und Liebe dieses ominöse Selbstwertgefühl zu bestätigen. Sie hat ihm gefälligst das erhabene Gefühl zu vermitteln, dass er, wenn schon nicht der Größte, so doch immerhin einer ist, der das Wichtigste im Leben geschafft hat, er hat es nämlich zu Weib (und ev. Kind) gebracht – und diese seine Errungenschaften und seine Leistungen spiegeln seine Großartigkeit wider. Sobald dieser Spiegel in Gestalt der bisherigen Partnerin verschwindet, womöglich noch unter Vorwürfen, ist die eigene eingebildete Großartigkeit, ist der Selbstwert im Arsch; das ist sie, die unheilbare Gekränktheit. Nicht viel, aber schon ein Aufschluss über Stellenwert und Aufgabe der Beziehung. Zur Illustration dasselbe nochmal, aus einer ganz anderen Quelle. Mr. Corey Taylor, Sänger und Frontmann von Slipknot, berichtet:
„Es geht tatsächlich mehr um meine letzte Beziehung … Aber diese Beziehung war extrem giftig – für alle Beteiligten. Es hat lange gedauert, bis ich mich daraus lösen konnte. Und als ich draußen war, sind die Depressionen eskaliert. Ich fühlte ich mich verloren, wusste nicht mehr, wer ich als Person, als Vater, als Mann war. Ich wollte den Hass, den ich aufgrund dieser Beziehung entwickelt hatte, loslassen, denn an der Wut festzuhalten, verletzt dich nur selbst. Aber das konnte ich nicht, bis ich anfing, die Songs für dieses Album zu schreiben und die Wut da hinein zu legen.“ (Kurier 15.2.2020)
Es liest sich, als wäre Mr. Taylor nicht sehr weit weg von der „Beziehungstat“ gewesen – bis er dann sein neues Album geschrieben hat. In dieser Formulierung kommt eine gewisse Absurdität in Sachen Selbstdefinition sehr explizit zum Ausdruck: Er wusste nicht mehr, wer er war, 1. als Person, 2. als Vater und 3. als Mann. Ein ihm wichtiges Bedürfnis ist offenbar krachend gescheitert – die Beziehung war giftig, er konnte sich lange nicht lösen. Mr. Taylor interpretiert das nun so, dass nicht etwas, sondern dass er als Person, als Vater und als Mann insgesamt und überhaupt gescheitert ist; besser, er interpretiert das nicht nur so, sondern er erlebt das so, es ergreift ihn, es übermannt ihn und macht ihn fertig: Er wusste nicht mehr, wer er war. Was er bisher über sich und von sich, als Person, als Vater, als Mann geglaubt hatte, ist zerstört. Anders gesagt – seine eigene bisherige Selbstdefinition fällt ihm brutal auf den Kopf, er ist ein Nichts.
Die Rede ist von dem, was in der Regel als das Selbstwertgefühl bezeichnet wird. Auch mit „Selbstdefinition“ und „Selbstbewusstsein“ ist etwas ähnliches gemeint – gemeint ist aber eben nicht die triviale Tatsache, dass man ein Bewusstsein seiner selbst hat, im Unterschied zur Umgebung, man weiß, wer man ist. Gemeint ist, dass man eine gute, womöglich eine hervorragende Meinung von sich selbst hat, dass man sich im Rahmen seiner Möglichkeiten für erfolgreich und daher auch zurecht für allgemein angesehen hält. Es geht um eine entscheidende Akzentuierung wenn Mr. Taylor formuliert, er „fühlte sich verloren, er wusste nicht mehr, wer er war, als Person, Vater und Mann“ – gemeint ist, er wusste nicht mehr, ob er als Person, Vater, Mann auch wirklich so erfolgreich war, so wie er es sich bis dahin eingebildet hat. Es hat sich zwar an ihm, an seiner Person – sowohl an seinen Fähigkeiten, Kompetenzen etc. als auch an seinen Bedürfnissen – nichts geändert, er hat aber offenkundig sein Selbstwertgefühl, das gehobene Selbstbewusstsein, die Selbsteinschätzung, dass er einer sei, der letztlich das Leben meistert, der „was drauf hat“, im weitesten Sinn – das hat er an der Beziehung festgemacht und verloren. Offenbar hat einer modernen Beziehung die Familie bzw. dadurch das jeweilige Gspusi die hohe, edle und geradezu existentielle Aufgabe, den entscheidenden, letztgültigen Beweis des Erfolgs im Leben abzuliefern, auf den der Partner doch wohl ein Recht hat, weil er doch seinerseits auch „alles“ für sie zu tun bereit ist. Dann hätte es nur noch die Vorstellung gebraucht, die „Ex“, die nicht mehr die „Seine“ sein will, die mache das mit Absicht, sie will ihn zerstören.
Das hätte durchaus auch dem weiter oben zitierten Psychiater auffallen können, wenn sein Fachwissen das nicht verhindert hätte. Konstitutiv ist die Gleichsetzung von „gesellschaftlich erwünscht“ mit „psychisch gesund“, und die dadurch zwingende Folgerung einer „Störung“, wenn sich ein Beziehungstäter dermaßen danebenbenimmt. Hier benannt als „Verbitterungstörung“, allgemeiner wäre die „Persönlichkeitsstörung“, eine Störung, von der leider niemand etwas gemerkt hat, vorher. Und diese Störung kommt dann irgendwo aus der Biographie des Täters, bloß nicht aus den Erwartungen, Forderungen und Enttäuschungen des Idioten der Familie. Auf diese Weise wird das selbst konstatierte Motiv der Rache degradiert, sie ist gar nicht der Grund der Tat, sondern bloß die Art und Weise, in der sich die bislang unbemerkte „Störung“ ausdrückt.

