– Das Manuskript zur Folge „Die Nationalsozialistische Herrschaft mit Herbert Auinger – 99 ZU EINS – Donauwalzer“
Samt einigen Ergänzungen zur Restlverwertung im Nachhinein und zu den Auschwitzlügen
Die Trigger-Warnung
Eine korrekte Analyse der nationalsozialistischen Herrschaft enthält eine unvermeidliche Heimkehr. Das Dritte Reich kehrt zurück: Ins Reich der Geschichte, ins Reich der Politik, ins Reich des (Kultur)Staates, der Zivilisation, der Nation – heim nach Deutschland. (Die Beteiligung der Österreicher immer mitgedacht.) Das könnte verstörend wirken; wer sich ebenso schaudernd wie wohlig in das offizielle Horror-Geschichtsbild eingehaust hat, könnte sich unbehaglich fühlen. Eingehaust in ein Geschichtsbild, das lautet:
Hitler war ein Wahnsinniger, der aufgrund bis heute ungeklärter Umstände nicht in der Klapse, sondern an der Staatsspitze gelandet ist; das deutsche Volk hat zwar vorher und nachher als normales Volk funktioniert, zwischendurch hat es aber aufgrund eines bis heute ebenfalls ungeklärten Aussetzers beim Führer mitgemacht. Mehr muss – und kann? – man über jene „Entgleisung“ nicht wissen.
Alternativ zu solchen Glanzleistungen wird nun das politische Programm des Nationalsozialismus erklärt, für das die NSDAP das deutsche Volk gewinnen konnte – richtig gelesen: Das politische Programm.
Vorweg: „Unerklärlich“ – aus Liebe zu Deutschland!
Die Erklärung des „Unerklärlichen“ kommt anschließend. Die Erklärung des Bedürfnisses nach Unerklärbarkeit – im Nachhinein –, die geht so: Dies Bedürfnis folgt aus der Liebe zu Deutschland. Wenn nämlich feststeht, dass die „Deutschen nicht so sind“, dass der Völkermord also unmöglich eine Tat des deutschen Staates und seiner Bürger gewesen sein kann – und wenn ebenso feststeht, dass der Völkermord die Tat des deutschen Staates und seiner Bürger gewesen ist, was weniger an der Tat liegt, sondern mehr am erzwungenen deutschen Bekenntnis zur Kriegsschuld nach der Niederlage – dann liegt ein riesengroßes, unlösbares Rätsel vor, denn es gilt und muss gelten: „So sind wir nicht, auch wenn wir so waren!“ Das Motiv der Unerklärbarkeit ist ganz schlichter, primitiver Nationalismus. Nur vordergründig widerspricht diese Rätsel-Version des Nationalsozialismus der ergänzenden Schuld-und-Sühne-Version: Befreite Deutsche, also unschuldige auch-Opfer des Nationalsozialismus, die schämen sich als gute Deutsche vorbildlich für das Unerklärliche, das in „Deutschem Namen“ verbrochen wurde, wodurch ganz, ganz kurzzeitig der gute Ruf Deutschlands gelitten hat, was lang vorbei ist. Die Analogie dieser Denkfigur zur guten alten katholischen Beichte ist unverkennbar: Das Bekenntnis zur Sünde wird mit der Absolution belohnt, verwandelt ein demonstrativ vorgeführtes schlechtes in ein gutes Gewissen.
Die politisch korrekte Frage: „Wie waren Hitler und der Nationalsozialismus möglich?” unterstellt eben diese eigentliche Unmöglichkeit und erzeugt so das Rätsel. Ein kleines Beispiel: Eine populäre Antwort pinselt diese Unmöglichkeit aus, indem ebenso kontrafaktisch wie lächerlich insinuiert wird, EIGENTLICH sei ein Industriestaat mit kultureller Tradition ebenso eine „Brandmauer“ gegen Völkermord wie eine Mehrheit der Deutschen, wie eine rechtsstaatliche Tradition und eine technisch-wissenschaftliche Leistungsfähigkeit:
„Bei der Eroberung der Macht durch die Nationalsozialisten gab es ein Ineinandergreifen von Gewalt und Verführung. Der Terror gegenüber politisch Mißliebigen und Juden war eine Seite des Regimes. Die andere war ein Eingehen auf Sehnsüchte und Hoffnungen breiter Massen der Bevölkerung. … Wie konnte er (Hitler) mit seiner Massenbewegung einen hoch entwickelten und modernen Industriestaat mit einer großen kulturellen Tradition unter seine diktatorische Gewalt bringen? Wie war es möglich, daß die überwiegende Mehrheit der Deutschen sich mit diesem Unrechtsregime arrangiert hat? Wie konnten sich in einer solchen Gesellschaft mit ihrer rechtsstaatlichen Tradition und ihrer technisch-wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit derartige kriminelle Verfolgungs- und Vernichtungsenergien entfalten, wo doch die Kriminalitätsrate dieser Gesellschaft bis dahin nicht höher war als die in den anderen europäischen Ländern? … zu einzigartig und unvorstellbar sind die Massenverbrechen, die vom nationalsozialistischen Deutschland begangen wurden. Auch wenn die Fakten längst bekannt sind, wird es immer schwer sein, die nationalsozialistische Eroberungs- und Vernichtungspolitik begreiflich zu machen, sie mit unseren sprachlichen und wissenschaftlichen Mitteln zu erklären, ohne sie dabei zu verharmlosen.“ (Informationen zur politischen Bildung (Heft 251) Nationalsozialismus I, Bundeszentrale für politische Bildung 2003)
Da werden einige Phänomene aufgelistet, die man an und in Deutschland schätzen soll – hoch entwickelter und moderner Industriestaat, überwiegende Mehrheit der Deutschen eigentlich gegen Nationalsozialismus, kulturelle Tradition, rechtsstaatliche Tradition, technisch-wissenschaftliche Leistungsfähigkeit, niedrige Kriminalitätsrate –, und daraus „fake news“ gemacht, nämlich das Dogma, diese Phänomene seien mit Nationalsozialismus unvereinbar, womit ein unlösbares Rätsel vorliegt.Um die von Hitler – der war kein Serienmörder, sondern Oberbefehlshaber – und seinen Followern bedienten Sehnsüchte und Hoffnungen breiter Massen der Bevölkerung geht es im Folgenden; die Gefahr, eine Erklärung könnte in Richtung einer Verharmlosung entgleisen, erledigt sich nebenbei auch.
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„Die Betonung des Antisemitismus diente dazu, den angeblich totalen Bruch zwischen dem Dritten Reich und der BRD zu unterstreichen. Eine Auseinandersetzung mit der gesellschaftlichen und strukturellen Wirklichkeit des Nationalsozialismus, die 1945 nicht plötzlich verschwunden war, wurde so vermieden. Es ist bezeichnend, daß die westdeutsche Regierung an Juden ‘Wiedergutmachungszahlungen’ leistet, jedoch nicht an Kommunisten und andere verfolgte, radikale Gegner der Nazis. Mit anderen Worten, was den Juden geschah ist instrumentalisiert und in eine Ideologie zur Legitimation des gegenwärtigen Systems verwandelt worden. … Ein antinazistischer Umschwung der Massen stand jedoch nicht auf der Tagesordnung. Das Ziel war … eine Normalität, die ohne Auseinandersetzung mit der Vergangenheit erreicht werden sollte.“ (Moishe Postone, Antisemitismus und Nationalsozialismus, aus: Deutschland, die Linke und der Nationalsozialismus. Politische Interventionen, ca ira 2005)
Allerdings wurde so eine „Auseinandersetzung“ im Sinn Postones für den Wiederaufbau der BRD gar nicht gebraucht – alles Wichtige wurde durch das Diktat der Sieger fixiert; und das war er schon, der „totale Bruch“! Anschließend war Legitimation angesagt; also die „Erzählung“, der Wiederaufbau sei einem antifaschistischen Auftrag und einem diesbezüglichen Grundkonsens gefolgt. Dann war eine „starke Identifikation mit der Vergangenheit“ im Alltag von Demokratie und Kapitalismus offenbar kein Problem; ein Alltag auf Basis einer totalen Niederlage, des Diktats der Sieger und der damit praktischen Überwindung der „Vergangenheit“.
Der Kalte Krieg war die eigentliche, die politisch-faktische, die imperialistisch produktive praktische Rehabilitierung Deutschlands und der Deutschen, die Rückkehr in den Kreis der zivilisierten Völker. Nicht die Verrenkungen der Umerziehung und Vergangenheitsbewältigung, das Aufwachsen als Frontstaat gegen das Reich des Bösen im Osten, abgerundet durch die „Wiedergutmachung“ an Israel – das hat Deutschland moralisch auf die Seite des Guten gestellt und damit das deutsche Nationalbewusstsein wieder aufgemöbelt. Die Deutschen wurden gebraucht, und durch die deutsch-alliierte Kooperation bei der Abwicklung der Schuldfrage – Sündenbock Hitler plus ein paar Schauprozesse gegen handverlesene Kriegsverbrecher – wurde die Masse der Deutschen juristisch und moralisch rehabilitiert, in dem Sinn weißgewaschen. „Befreit“ worden waren sie ja ohnehin, worauf der bekannte Historiker Friedrich Merz neulich insistiert hat.
Goldhagen wirft dem Stand der deutschen Forschung zurecht das Dogma vor,
„dass die Täter ihren Handlungen zumindest neutral, wenn nicht sogar ablehnend gegenüberstanden. Die Deutungen laufen also auf die Frage hinaus, wie man Menschen dazu bringen kann, Taten zu begehen, denen sie innerlich nicht zustimmen und die sie nicht für notwendig oder gerecht halten. Dabei ignorieren, leugnen oder verkleinern diese Interpretationen die nationalsozialistische oder andere von den Tätern vertretene Ideologien, die Bedeutung ihrer moralischen Werte oder die Vorstellungen über die Opfer als Quelle für die Mordbereitschaft der Täter.“ (Daniel Jonah Goldhagen, Hitlers willige Vollstrecker – Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust, Pantheon Verlag 2012, S. 27)
Das – die Bedeutung ihrer moralischen Werte oder die Vorstellungen über die Opfer als Quelle für die Mordbereitschaft der Täter – ist die Aufgabe.
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Das nationalsozialistische Programm
„Deutschland wird Weltmacht sein oder gar nicht“
„Lebensraum im Osten“
„Gemeinnutz geht vor Eigennutz“
Deutschland muss wieder Weltmacht werden …
Der Nationalsozialismus ist ein politisches Projekt, eine Variante von Politik im Dienst der Nation: In Gestalt der Weimarer Republik nach dem Ersten Weltkrieg war Deutschland auf dem besten Weg zum „failed state“, wie man heute sagt; war nach damaligen und heutigen Maßstäben in der Dauerkrise, völlig desolat. Einige Erinnerungen an den Vertrag von Versailles:
- Deutschland verlor in Europa ca. 10% Volk und 13% Raum, an Dänemark, Frankreich, Belgien, die neuen Staaten Polen und Tschechoslowakei. Die Kolonien wurden vom Völkerbund als „Mandatsgebiete“ an Siegermächte vergeben. Reparationen als „Wiedergutmachung“ der Kriegsschäden waren zu zahlen – Reichtum fließt einseitig ab, die neue Republik muss ihre Enteignung teilweise durch Kredite finanzieren, für die Enteignung also auch noch Zinsen zahlen. In weiser Voraussicht wurden dem Militär einige Schranken auferlegt:
„Die Stärke der Militärmacht … wurde durch Artikel 160 des Versailler Vertrages geregelt. Die Größe des Landheeres wurde auf 100.000 und die der Marine auf 15.000 Berufssoldaten begrenzt. Der Unterhalt von Luftstreitkräften, Panzern, schwerer Artillerie, U-Booten und Großkampfschiffen war dem Reich untersagt.“
(https://de.wikipedia.org/wiki/Weimarer_Republik)
- „Die Revision des Versailler Vertrages war ein Ziel, auf das sich … alle Parteien der Weimarer Republik einigen konnten. … Stresemann strebte diese Revision mit ausschließlich friedlichen Mitteln (an) … Anders als gegenüber den Westmächten betrieb die Weimarer Republik gegenüber Polen und der Tschechoslowakei keine Verständigungspolitik. … In einem Brief … bekannte sich Stresemann zum Ziel einer ‘Wiedergewinnung von Danzig, vom polnischen Korridor und eine Korrektur der Grenze in Oberschlesien’“. (ebd.)
Gegen die Folgen der Niederlage – gefasst im Kürzel „Versailles“ – gab es also einen breiten politischen Konsens, auch die Ansprüche gegen Polen und die Tschechoslowakei waren allgemein anerkannt; die Vorstellung, diese Ziele mit friedlichen Mitteln erreichen zu können, das war eine Trennlinie der anderen Parteien zur NSDAP.
- „Teile der Arbeiterschaft beließen es im Zuge des Kapp-Putsches nicht bei passivem Widerstand … Im sogenannten Ruhraufstand kam es zu bürgerkriegsähnlichen Kämpfen zwischen der ‘Roten Ruhrarmee’ und Einheiten der Putschisten … Die Spaltung in Sozialdemokraten, die auf Erhaltung der Republik setzten, und Kommunisten, die ihre Zerschlagung betrieben, gehört zu den von Anbeginn wirksamen schweren Belastungsfaktoren des Weimarer Staatswesens.“ (ebd.)
Auch eine z.T. staatsfeindliche, kämpferische Arbeiterbewegung war damals unterwegs; der Führer hat den Unterschied zwischen staatstragenden Sozialdemokraten und Kommunisten übrigens nie gelten gelassen.
- „Der die Weltwirtschaftskrise einleitende Kurssturz … der New Yorker Börse im Oktober 1929 hatte in Deutschland besonders gravierende Auswirkungen. … Im Sommer 1931 kulminierten Kredit- und Staatsfinanzkrise in der deutschen Bankenkrise … die deutsche Währung wurde für die nächsten Jahrzehnte eine Binnenwährung.“ (ebd.)
Weltwirtschaftskrise, Wirtschaft kaputt, Währung kaputt.
- „Die Aufteilung“ – der politischen Parteien – „nach Interessengruppen und Sozialmilieus wie Arbeiterbewegung oder Katholiken wurde als Partikularismus gescholten. Im Reichstag, dem Parlament, waren zeitweise bis zu 17 und selten weniger als 11 verschiedene Parteien vertreten. In 14 Jahren gab es 20 Kabinettswechsel. Elf Minderheitskabinette waren von der Duldung durch Parteien abhängig, die nicht zur Regierungskoalition gehörten. … Seit dem Sommer 1932 verfügten die republik- und demokratiefeindlichen Parteien, neben der NSDAP die rechtskonservative Deutschnationale Volkspartei (DNVP) und die linksradikale Kommunistische Partei Deutschlands (KPD), zusammen über eine negative Mehrheit im Reichstag.“ (ebd.)
Mit einem Wort, Deutschland war unregierbar, und zwar durch die demokratischen Mechanismen. Diese waren und sind eben keine verlässlichen Verfahren, die einen Konsens aller politischen und ökonomischen Strömungen und Interessen, und damit ein kohärentes Staatsprogramm herstellen könnten. Der berühmte „Konsens der Demokraten“, eine von allen Parteien geteilte und anerkannte Staatsräson muss schon gegeben sein, wie nach 1945, damals war alles wichtige vorentschieden: Kapitalismus als Wirtschaftsweise, Demokratie als Staatsform, Souveränität beschränkt, nationale Perspektive nur als Frontstaat gegen den Ostblock. Ein universell anwendbares, unschlagbares Mittel zur Herstellung einer nationalen Einheit sind Wahlen, Parteien und Parlamente jedenfalls nicht. Das praktiziert der heutige „Populismus“ auch.
So die Lage im „failed state“. Wie geht es weiter, das war die zentrale Frage in „Weimar“. Wie wird wieder was aus Deutschland? Was tun, „to make Deutschland great again“? „Über alles“! Vorschläge, Strategiepapiere und „Denkschriften“ zirkulieren. Die nationalsozialistische Bewegung formiert sich und formuliert einen nicht kompromissfähigen Vorwurf an die politische Konkurrenz: Auf Basis der europäischen Nachkriegsordnung, unter Anerkennung der Folgen der Niederlage ist da nichts zu machen. Deren friedliche Revision ist unrealistisch; der nächste Waffengang muss leisten, was der vorige vergeigt hat. Der Vorwurf an die anderen Parteien lautet, dass die den deutschen Wiederaufstieg mit untauglichen Mitteln anstreben, oder überhaupt resigniert hätten. In den damaligen Auseinandersetzungen profiliert sich Hitler als Realpolitiker, indem er anderen Projekten eine Absage erteilt, z.B. der „wirtschaftsfriedlichen Eroberung“:
- „Da alle großen Völker heute Industrievölker sind, ist die sogenannte wirtschaftsfriedliche Eroberung der Welt nichts anderes als der Kampf mit Mitteln, die solange friedlich sein werden, solange die stärkeren Völker mit ihnen siegen zu können glauben, d.h. aber in Wirklichkeit mit friedlicher Wirtschaft die anderen töten zu können. Denn das ist das wirkliche Resultat eines Sieges eines Volkes mit wirtschaftlichen Mitteln über ein anderes Volk. Das eine Volk erhält durch sie die Möglichkeit zum Leben, und dem anderen werden sie dadurch entzogen.“ (Hitlers zweites Buch, zit. nach Konrad Hecker: Der Faschismus und seine demokratische Bewältigung, München 1996, S. 196)
Offenbar ein Visionär – der Mann hat damals schon die Globalisierung sehr skeptisch betrachtet; der Weltmarkt ist keine Veranstaltung zum Nutzen aller Beteiligter. Daher ist auch eine deutsche Zukunft als Billiglohnland mit Überbevölkerung – heute: als Schwellenland – nicht akzeptabel:
„So würde eine Konkurrenzfähigmachung der deutschen Exportwaren durch Senkung der Erzeugungskosten etwa infolge eines Abbaus unserer sozialen Gesetzgebung … uns nur dorthin bringen, wo wir am 4. August 1914 gelandet waren.“ (ebd. S. 122) „Das Brachliegenlassen von Millionen menschlicher Arbeitsstunden ist ein Wahnsinn und ein Verbrechen, das zur Verarmung aller führen muß.“ (ebd. S. 83)
„Deutschland kann mehr“, war sich Hitler sicher. Der „wirtschaftsfriedlichen“ Konkurrenz muss ein Land gewachsen sein, was Deutschland nicht war. Wenn etwas Hitlers Einschätzung bestätigt, dann der deutsche Aufstieg nach 1945 durch die „wirtschaftsfriedlichen Eroberungen“ einer Exportnation, die ein Wirtschaftswunder hinkriegt: Auf Basis einer „Anschubfinanzierung“, einer üppigen Kreditierung durch den Marshall-Plan – statt des einseitigen Abflusses von Reichtum in Form der Reparationen; auf Basis der von den USA erteilten Erlaubnis zur Teilnahme am gerade gegründeten Weltmarkt mit offenen Märkten; auf Basis von Währungskrediten und einer fixen Parität zum Dollar als Kalkulationsgrundlage der Exportwirtschaft – so geht „wirtschaftsfriedliche Eroberung“!
- Der damals schon grassierenden Paneuropa-Idee, um der aufstrebenden Weltmacht USA eine europäische Union entgegenzustellen, stand Hitler ebenfalls skeptisch gegenüber, warum sollten auch die Siegermächte und Konkurrenten ausgerechnet ein vereintes Europa als Vehikel eines deutschen Wiederaufstiegs zulassen? Abgesehen davon, dass sich der Führer das berechnende Aufgeben von Souveränität in einem Bündnis, um eben diese Souveränität zu stärken, nicht gut vorstellen konnte:
„Der Versuch aber, durch einen rein formalen Zusammenschluß europäischer Völker den paneuropäischen Gedanken zu verwirklichen, ohne in jahrhundertelangen Kämpfen von einer europäischen Vormacht erzwungen zu werden, würde zu einem Gebilde führen, dessen gesamte Kraft und Energie genauso durch die inneren Rivalitäten und Streitigkeiten absorbiert würde, wie einst die Kraft der deutschen Stämme im deutschen Bund. Erst als durch die Übermacht Preußens die innere deutsche Frage endgültig gelöst war, konnte ein vereinter Krafteinsatz nach außen erfolgen.“ (ebd. S. 198)
Hitler wäre also EU-Skeptiker gewesen; nach herrschender Meinung laboriert Europa schon immer an inneren Rivalitäten, und wegen „Trump“ und „Putin“ heute erst recht.
- Die damals auch propagierte Revision des Kriegsergebnisses allein war dem Realpolitiker wieder viel zu wenig, der Status quo ante reichte doch nicht, als Basis für Deutschland, bewiesen durch die Niederlage im Weltkrieg; dieses Projekt bringt nur wieder den Krieg mit den Westmächten:
„Die Grenzen des Jahres 1914 bedeuten für die Zukunft der deutschen Nation gar nichts … Der Abstand von England wird nicht verkürzt, die Größe der Union wird nicht erreicht; ja, nicht einmal Frankreich würde eine wesentliche Schmälerung seiner weltpolitischen Bedeutung erfahren.“ (ebd. S. 185) „Sie (diese Revision) bringt uns zwangsläufig in Konflikt mit allen Staaten, die am Weltkrieg teilgenommen haben.“ (Hitlers zweites Buch, nach Hecker ebd.)
… durch die Eroberung von „Lebensraum im Osten“
Die durchschlagende „Lösung“ Hitlers ist unter dem Titel „Bodenpolitik“, besser als „Lebensraum im Osten“ bekannt. Wenn Deutschland zu klein ist, wenn die wirtschaftsfriedliche Eroberung nicht geht, dann muss es eben die kriegerische Eroberung bringen:
„Das sind die Räume, die nach der militärischen Entwicklung bis weit nach Russland hinein, bis weit in den Ural, einmal als Rohstoffbasis mit Arbeitern für große, auch Kulturaufgaben (zur Verfügung stehen), die als Heloten … für uns eingesetzt werden müssen.“ (Reinhard Heydrich, ebd. S. 107 f.)
So sollte die deutsche Macht entscheidend zulegen, und auf dieser Basis perspektivisch dann wieder wirtschaftsfriedlich konkurrenzfähig werden, um mit Großbritannien und den USA „auf Augenhöhe“ umgehen zu können.
Die Art und Weise der Einverleibung des Ostens bis zum Ural, die war nach heutigen Maßstäben einer „Osterweiterung“ von NATO und Europäischer Union nicht korrekt; heute bemühen sich diese Länder ja selbst um ihre wirtschaftsfriedliche Eroberung durch den Westen und seine Konzerne. Damals allerdings galt der Kolonialismus als Goldstandard des Imperialismus; Eroberung, Ausrottung mindestens der dortigen Eliten, Sicherung des deutschen Nutzens dieser Territorien durch Deutsche vor Ort, nämlich durch die Gründung von Siedlungen in den eroberten Gebieten; pure Erweiterung des deutschen Herrschaftsgebietes: Vorbild Großbritannien!
„Der russische Raum ist unser Indien, und wie die Engländer es mit einer Handvoll Menschen beherrschen, so werden wir diesen unseren Kolonialraum regieren.“ (ebd. S. 108)
Der Führer war bekanntlich ein großer Bewunderer britischer Staatskunst. Aber, warum ausgerechnet nach Osten? Im Osten haust die Sowjetunion, die hat sich zwar konsolidiert, die Interventionen nach der Revolution überstanden; die wird aber als Paria-Staat von allen relevanten Mächten angefeindet, steht allein und ohne Verbündete da. Diese Option war übrigens ein Grund, aus dem Antikommunisten in den Westmächten dem Aufstieg des Dritten Reiches unter Hitler durchaus sympathisierend gegenüberstanden: Deutschland und Russland reiben sich perspektivisch wechselseitig militärisch auf, halten sich gegeneinander nieder. Dass Demokraten prinzipiell etwas gegen faschistische Machthaber hätten, war damals so gelogen wie heute; die gehen sehr berechnend miteinander um.
Dieses angepeilte Programm nach Osten „setzt ebenfalls große militärische Machtmittel zur Durchführung voraus, bringt aber Deutschland nicht unbedingt in Konflikt mit sämtlichen europäischen Großmächten.“ (ebd. S. 198) Mit der Eroberung dieses „Lebensraums“ hat Hitler jedenfalls ein Ziel anvisiert, das dem imperialistischen Kräfteverhältnis und der Schwäche Deutschlands Rechnung tragen sollte. Der Zweifrontenkrieg hätte „nicht unbedingt“ wiederholt werden müssen – seine damalige Lehre aus der vergangenen Niederlage. Diese Konfliktvermeidung hat im Resultat dann doch nicht geklappt. Warum?
Zur ersten Phase der Wiederherstellung von Deutschlands Größe gehörte bekanntlich die Heimholung aller Deutschen ins Reich, als Verbesserung der Ausgangslage, durchaus unter Berufung auf das „Selbstbestimmungsrecht der Völker“, von den Siegern zur Zerschlagung der österreichisch-ungarischen Monarchie propagiert. Der Umgang mit Südtirol dabei weist Hitler wieder als Realpolitiker aus: Italien unter Mussolini war die verbündete Macht, deren territoriale Integrität zu respektieren war; die Südtiroler erhielten daher das Angebot, durch Auswanderung „heim ins Reich“ zu kommen. Nicht wenige haben dieses Angebot angenommen, deswegen gibt es heute nicht nur in Städten in Nordtirol Stadtteile, die „Südtiroler-Siedlung“ heißen. Den schon vorher erledigten territorialen Anschluss Österreichs hatten die Siegermächte akzeptiert, die Abtrennung des Sudetenlandes im Münchner Abkommen selbst unterschrieben, den Einmarsch in die „Rest-Tschechei“ trotz „Garantieerklärung“ hingenommen – wir erinnern uns: Über diese Projekte der Wiedervereinigung bestand ein Konsens im demokratischen Weimarer Deutschland, ebenso darüber, dass Danzig eine abgetrennte urdeutsche Stadt ist.
Angesichts dieser Erfolge haben sich manche Deutsche während des und nach dem Krieg den Kopf über der Frage zerbrochen: „Warum Polen?“ Warum wurde ausgerechnet die Heimholung polnischer Gebiete zum casus belli? Nun, dem Einmarsch in die Rest-Tschechei hatten die Westmächte entnommen, dass Deutschland seine europäische Neuordnung nunmehr auch ohne Rücksicht auf ihre Interessen voranzutreiben gedachte. Frankreich und Großbritannien hatten auch eine „Garantieerklärung“ für Polen abgegeben, also für das von ihnen eingerichtete Kriegsergebnis – heute würde man von einer „Beistandspflicht“ sprechen; und nach dem Angriff auf Polen erklärten diese Staaten dem Deutschen Reich den Krieg. Warum? Warum „mourir“, also „sterben“ „für Danzig“? Natürlich starb und stirbt kein Franzose je „für“ Danzig. Er stirbt ausschließlich für das Recht Frankreichs, die Ordnung Europas auch in „Danzig“ mit zu bestimmen. So eine „Garantieerklärung“ muss im Fall des Falles übrigens nicht allzu viel bedeuten, welcher „Beistand“ dann jeweils fällig ist, entscheiden Staaten in der Regel ad hoc, anlassbezogen.
Allerdings hatten kurz vor dem deutschen Angriff auf Polen die Herren Ribbentrop und Molotow den sogenannten „Hitler-Stalin-Pakt“ unterzeichnet. Der beinhaltete eine sowjetische Neutralitätserklärung bezüglich des deutschen Angriffs auf Polen – die Sowjetunion würde den Krieg gegen Polen (noch) nicht als Angriff auf sich interpretieren, als Beginn des deutschen Projekts „Lebensraum“. Das deutsche Interesse war klar: Hitler war der Meinung, Deutschland war noch nicht so weit, in Sachen Aufrüstung, war noch nicht kriegsbereit gegen die Sowjetunion. Das geheime Zusatzprotokoll in diesem Abkommen über die Aufteilung Osteuropas in Einflusssphären war, wie die Bezeichnung nahelegt, geheim – die Sowjetunion hat sich auf dieser Basis Estland und Lettland einverleibt, bald darauf auch Litauen –, aber das Resultat dieses Paktes war auch ohne Zusatzprotokoll unmissverständlich: Die Westmächte hatten in Europa nichts mehr zu melden, im Grunde war dieser Pakt das Ende der Nachkriegsordnung von „Versailles“, der Sieg im Ersten Weltkrieg war aus Sicht der Sieger verspielt, verloren. Die wohlwollend zur Kenntnis genommene Perspektive des Krieges zwischen Deutschland und der Sowjetunion war durch den Pakt hinfällig, auch wenn Hitler nur Zeit gewinnen wollte, aber wer konnte das schon wissen.
Auf dem Weg zur Weltmacht: Der deutsche Mensch in seinem Drang
„Gemeinnutz geht vor Eigennutz“
Zur Heimholung der Deutschen ins Reich gehört die radikale Umgestaltung der inneren Ordnung. Das anspruchsvolle Programm der Eroberung von Lebensraum im Osten als Weg zur deutschen Weltmacht erheischt das Zusammenschweißen des deutschen Volkes zur Kampfgemeinschaft, die wie ein Mann hinter dem Führer steht. Die vielen Einzelheiten bei der Nachzeichnung der Gleichschaltung und Säuberung nach der nationalsozialistischen Regierungsübernahme, die sind überall nachzulesen; die große Linie geht so: Der damalige Volkskanzler hätte den heutigen österreichischen Bundespräsidenten energisch bekämpft, wenn dieser behauptet, in der Nation ginge es pluralistisch zu, und das gehöre sich auch so: „Und das Volk, das sind wir alle. … Und wir sind unterschiedlich. Und unterschiedliche Dinge sind uns wichtig. Deshalb wählen wir auch unterschiedliche Parteien. Und niemand kann alleine das ganze Volk für sich beanspruchen.“ (Van der Bellen) Genau darinhat der Volkskanzler 1.0 seine Aufgabe gesehen: Die nationale Einheit herzustellen! Ein Volk, ein Reich, ein Führer – demokratisch gewählt oder nicht! Der Faschist will vereinen, nicht spalten, indem die spaltenden Elemente im Volk eliminiert werden. Diese sind:
(1) Die politische Spaltung in Parteien – gemeint sind die konkurrierenden Politiker, die nur ihre Partikularinteressen vertreten und daher gegeneinander arbeiten, statt gemeinsam fürs Vaterland –, die kommen auf „Fahndungslisten“ und gehen ins KZ. (2) Die Spaltung in gegensätzliche Klassen – die Organisationen der Arbeiterbewegung werden aufgelöst, die Führer der Arbeiterbewegung wandern ins KZ. (3) Die völkische Spaltung – die ist noch zu erläutern. Das Ergebnis ist die nationale Einheit: Wer sich nicht hinter dem Volkskanzler einreiht, gehört eben nicht zum Volk, wird ausgegrenzt und eliminiert. So geht Volkskanzler! Noch einmal in Absetzung gegen Van der Bellen: „Wir“, in unserer Eigenschaft als „Volksgenossen“, sind nämlich nicht „unterschiedlich“, da sind wir alle gleich, und „uns“ sind auch nicht „unterschiedliche Dinge wichtig“. „Wir“ sind das Volk, und deswegen letztlich nur mit einem „Ding“ beschäftigt, haben nur einen Beruf, nämlich „unsere“ Behauptung, „unsere“ Durchsetzung gegen andere Völker – nur das ist „uns“ wichtig!
Damals die Forderung: „I. Die deutsche Armee muss in 4 Jahren einsatzfähig sein. II. Die deutsche Wirtschaft muss in 4 Jahren kriegsfähig sein.“ (Denkschrift Hitler 1936, nach Hecker S.146.) Deutschland setzt sich also (schon vorher) über die militärischen Restriktionen der Siegermächte von „Versailles“ hinweg, die Ökonomie wird staatsdirigistisch auf Kriegswirtschaft eingestellt.
Die berühmte nationalsozialistische „Massenbewegung“:
Woher aus der Klassengesellschaft kommen die Follower des Führers?
Die linke und die bürgerliche Forschung hat gefragt, woher denn die devianten Anhänger des Führers gekommen sind, die ihm nie hätten folgen dürfen. Alle Abteilungen der Klassengesellschaft sind durchgesehen worden: Von links hat man die ganz oberen und die ganz unteren Schichten entdeckt – das Finanzkapital, die Schwerindustrie und das sog. „Lumpenproletariat“ unterhalb des anständigen Teils der Arbeiterschaft; mehr bürgerlich gestimmte Forscher sahen das Proletariat zumindest in seiner Eigenschaft als Arbeitslosigkeit in der Verantwortung; bei Linken wurde das sog. „Kleinbürgertum“ entdeckt, denn die Proletarier sollten es ja nicht gewesen sein usw. Der Witz am und der Grund für den Erfolg des Nationalsozialismus ist ein anders akzentuierter Charakter, ein klassenübergreifender Typ: der „Citoyen“ nämlich, ist gleich der Patriot, ist gleich der Nationalist, oder auf faschistisch: der Volksgenosse. Dazu ein kleines Bildungselement:
„Wo der politische Staat seine wahre Ausbildung erreicht hat, führt der Mensch nicht nur im Gedanken, im Bewußtsein, sondern in der Wirklichkeit … das Leben im politischen Gemeinwesen, worin er sich als Gemeinwesen gilt, und das Leben in der bürgerlichen Gesellschaft, worin er als Privatmensch tätig ist, die andern Menschen als Mittel betrachtet, sich selbst zum Mittel herabwürdigt und zum Spielball fremder Mächte wird. … Die Differenz zwischen dem religiösen Menschen und dem Staatsbürger ist die Differenz zwischen dem Kaufmann und dem Staatsbürger, zwischen dem Taglöhner und dem Staatsbürger, zwischen dem Grundbesitzer und dem Staatsbürger, zwischen dem lebendigen Individuum und dem Staatsbürger. … In dem Staat dagegen, wo der Mensch als Gattungswesen gilt, ist er das imaginäre Glied einer eingebildeten Souveränität, ist er seines wirklichen individuellen Lebens beraubt und mit einer unwirklichen Allgemeinheit erfüllt.“ (Karl Marx, Zur Judenfrage, MEW Bd. 1)
Wir führen ein doppeltes Leben, wir existieren alle im Doppelpack, als Bourgeois und als Citoyen – mit „Bourgeois“ ist hier jedes Mitglied der kapitalistischen Erwerbsgesellschaft angesprochen, also klassenübergreifend Taglöhner, Kaufmann, Grundbesitzer, die ihre jeweilige Einkommensquelle bewirtschaften. Der citoyen, der Staatsbürger, das ist der Deutsche, der Österreicher, der Franzose etc. Die Massenbasis des Nationalsozialismus sind die Massen in ihrer Eigenschaft als Deutsche, die damaligen Österreicher immer mitgedacht – denen gelten die Appelle „Deutschland erwache!“, „Deutschland über alles“! Es gibt in der modernen Welt nicht den Arbeiter, den Kapitalisten, den Bauern – es existiert der italienische Arbeiter, der österreichische Bauer, der britische Kapitalist, der französische Arbeitslose. Jeder ist in Personalunion Bourgeois und Citoyen, Mitglied einer nationalen und einer Klassengesellschaft. Und so wie zur Klassenlage muss man sich auch zum jeweiligen nationalen Verein positionieren; zustimmend, ablehnend, gleichgültig …
In welchem Verhältnis stehen der Bourgeois und der Citoyen zueinander? (Citoyen hier mit „Nationalist“ übersetzt, auch identisch mit Patriot.) Nun, um überhaupt als Bourgeois, als Mitglied einer modernen geldverdienenden Gemeinde tätig werden zu dürfen, muss man zuerst mal als Citoyen, als Rechtsperson vom jeweiligen Staat mit den dafür gültigen Rechten und Pflichten zugelassen und ausgestattet sein. (Mag sein, dass das relativiert ist, indem diverse Sorten von Ausländern in Europa zum Gelderwerb berechtigt sind – das ändert aber nichts daran, dass es sich dabei um diskriminierte Ausnahmen von der Regel handelt: Wer nicht Vollwertstaatsbürger ist, muss mit befristeten Bewilligungen und rechtlichen Beschränkungen und Schikanen zurechtkommen. Und wird auch mal zum Objekt passender Säuberungen, derzeit speziell, aber nicht nur in den USA zu beobachten.)
Um nun als Deutscher in und von, und in diesem Sinn durch Deutschland existieren zu können, muss der Bürger ab und an auch bereit sein, für Deutschland zu leben und gegebenenfalls dafür zu sterben. Sobald nämlich Deutschland in Not ist. Spätestens wenn es um das Sterben für das Vaterland geht, führt sich zwar die Vorstellung von einem Erwerbsleben in und von und durch Deutschland endgültig ad absurdum, die vorgebliche Gewissheit, der Staat sei das Lebensmittel der Bürger, die schlägt praktisch ins Gegenteil um – der Bourgeois tritt im Fall des Falles zurück, geht im Citoyen bzw. im Volksgenossen auf und ist nur noch für Deutschland tätig! Anders gesagt: Wer bis zum Krieg alles mitmacht, macht i.d.R. auch im Krieg alles mit!
[Der Verweis auf Marx ist sachlich überflüssig, ein triviales Faktum. Seitenhieb gegen Marxologen, die das nationale Fundament jeder Klassengesellschaft ignorieren bzw. für nicht weiter wichtig erachten und die den Nationalsozialismus oder zumindest den Antisemitismus aus der Marktökonomie bzw. einer verzerrten, „verkürzten“ Vorstellung der Marktökonomie erklären wollen.
Der citoyen ist „mit einer unwirklichen Allgemeinheit erfüllt“. Über das „materielle“, das „wirkliche individuelle Leben“, das Marx in der „Kritik der Politischen Ökonomie“ in Grund und Boden kritisiert hat, kann man ein andermal diskutieren. In einer klassischen Variante liest sich der Zusammenhang vom gewöhnlichen Zustand in der Erwerbsgesellschaft und der Bereitschaft zu außerordentlichen Aufopferungen so, m.E. korrekt:
„Unter Patriotismus wird häufig nur die Aufgelegtheit zu außerordentlichen Aufopferungen und Handlungen verstanden. Wesentlich aber ist er die Gesinnung, welche in dem gewöhnlichen Zustande und Lebensverhältnisse das Gemeinwesen für die substantielle Grundlage und Zweck zu wissen gewohnt ist. Dieses bei dem gewöhnlichen Lebensgange sich in allen Verhältnissen bewährende Bewußtsein ist es dann, aus dem sich auch die Aufgelegtheit zu außergewöhnlicher Anstrengung begründet.“ (Hegel, Rechtsphilosophie § 268)
Wer sich im „gewöhnlichen Zustand und Lebensverhältnis“ die aufgezwungene Einstellung erarbeitet, das „Gemeinwesen für die substantielle Grundlage und Zweck“ zu halten, für die absolute Bedingung seiner Existenz, weil er als Deutscher nur von und durch Deutschland leben kann, ist dann auch zu den „außerordentlichen Aufopferungen“ bereit, wenn das Leben für Deutschland zu opfern ist.]
Der deutsche Mensch
Das wesentliche Mittel des deutschen Aufbruchs zur Weltmacht war, in Ermangelung anderer, die Einsatzbereitschaft des deutschen Volkes. Im deutschen Menschen sah Hitler ein ganz großartiges Potential für die nicht-wirtschaftsfriedliche Eroberung von Lebensraum. Das musste er auch, etwas anderes als das Kommando über die Leute hatte er nicht. Damit stellt sich für den Nationalsozialismus die entscheidende Frage: Wer ist ein Deutscher und was macht ihn aus? Wer ist geeignet bzw. würdig, bei diesem anspruchsvollen Programm dabei zu sein?! Hitlers Antwort:
„Dieser Aufopferungswille zum Einsatz der persönlichen Arbeit und, wenn nötig, des eigenen Lebens für andere ist am stärksten beim Arier ausgebildet. Der Arier ist nicht in seinen geistigen Eigenschaften an sich am größten, sondern im Ausmaße der Bereitwilligkeit, alle Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinschaft zu stellen. Der Selbsterhaltungstrieb hat bei ihm die edelste Form erreicht, indem er das eigene Ich dem Leben der Gesamtheit willig unterordnet und, wenn die Stunde es erfordert, auch zum Opfer bringt. … das innerste Wesen jeder Organisation beruht darauf, daß der einzelne auf die Vertretung seiner persönlichen Meinung sowohl als seiner Interessen verzichtet und beides zugunsten einer Mehrzahl von Menschen opfert. … Die wunderbarste Erläuterung dieser Gesinnung bietet sein Wort ‘Arbeit’, unter dem er keineswegs eine Tätigkeit zum Lebenserhalt an sich versteht … aus ihr allein heraus kann man verstehen, wie so viele ein kärgliches Leben in Redlichkeit zu ertragen vermögen, das ihnen selber nur Armut und Bescheidenheit auferlegt, der Gesamtheit aber die Grundlagen des Daseins sichert. Jeder Arbeiter, jeder Bauer, jeder Erfinder, Beamte usw., der schafft, ohne selber je zu Glück und Wohlstand gelangen zu können, ist ein Träger dieser hohen Idee, auch wenn der tiefere Sinn seines Handelns ihm immer verborgen bliebe.“ (Mein Kampf S. 326 f.)
Das mag bombastisch klingen, doch Hitler beherrscht wie seine demokratischen Kollegen das elementare Politikerhandwerk: Er verlegt sein Projekt und damit seine Ansprüche an das gute deutsche Volk in selbiges hinein; er erklärt sich und sein Vorhaben zur Inkarnation dessen, was das Volk will: So sind wir, sagt der spätere Führer! Der Arier ist vielleicht nicht der Hellste – er ist nicht in seinen „geistigen Eigenschaften“ großartig –, aber in Sachen Opferbereitschaft kann ihm keiner das Wasser reichen! Das, was der Nationalsozialismus mit Deutschland vorhatte und den Deutschen abverlangte, Dienst, Opferbereitschaft, das eigene Leben im Krieg hinzugeben, damit Deutschland lebt, womit der tote Volksgenosse dann im Deutschtum weiterlebt – das liegt im Arier fix und fertig vor; der ist geradezu der Auftrag an den Staat, ihm diese, seine Lebensart zu gewähren.
Dieses Dienen, die Bereitschaft zum Opfer, die gilt nicht erst im Krieg, sondern schon im Frieden: Arbeit ist beim Faschisten eine moralische Kategorie, Arbeit ist praktizierte Selbstlosigkeit und kann, zumindest beim Arier, mit der banalen Produktion für den Lebensunterhalt nicht verwechselt werden; Arbeit, das ist der Aufbau der Nation auf Kosten derer, die sie aufbauen. Woher kennt Hitler so viel edle Gesinnung? Aus der Anschauung des wirklichen Lebens im Kapitalismus; Arbeit und Kapital sind die Arbeitsbeauftragten der Nation – in der Demokratie wie im Faschismus! Hitler führt in Sachen Arbeit wieder vor, was jeder demokratische Politiker beherrscht: Das, was er vorhat, ist im Volk als dessen Streben längst verankert. Das „innerste Wesen jeder Organisation beruht auf Verzicht“ – dass sich Leute zusammentun und zweckmäßig organisieren, um ihre gemeinsamen Interessen voranzubringen, das kann nicht sein. Faschistisch gesehen.
Irgendwo steht: „Die Proletarier haben nichts zu verlieren als ihre Ketten. Sie haben eine Welt zu gewinnen!“ Dem ersten Teil hat Hitler begeistert zugestimmt – sie haben nichts, haben daher nichts zu verlieren. Sie haben auch nichts zu gewinnen, denn ein „kärgliches Leben in Redlichkeit, Armut und Bescheidenheit“ – das ist ihre Bestimmung. Darum sollten sie es gar nicht erst versuchen, sondern gleich dem Höheren dienen, dem nationalen Wesen, das größer ist als sie selbst. Ihr schönster Lohn besteht in der Ehre, als deutscher Arbeiter an Deutschland mitwirken zu dürfen. Also ist es das große Verbrechen und die Todsünde des Kommunismus, die Proletarier damit zu konfrontieren, dass da schon mehr drinnen wäre; dass da womöglich etwas „zu gewinnen“ wäre. Sie müssten bloß einer Wirtschaftsweise eine Absage erteilen, die den Arbeitenden ein „kärgliches Leben in Redlichkeit, Armut und Bescheidenheit auferlegt“! – Soviel zum Unterschied zwischen „rot“ und „braun“.
Was Hitler am Arier erläutert, das ist, in heutiger Diktion, die nationale Identität, damals als Rasse gefasst und gleich ins Blut naturalisiert, heute auch als Identität oder als Kultur bekannt. Das, was einen Menschen ausmacht, was sein Wesen definiert, das ist seine Zughörigkeit zu einem national bestimmen und unverwechselbaren Haufen, als inwendige Eigenschaft: Man kann qua Natur, also (damals) durch das Blut verbürgt, gar nicht anders als mitzumachen, und zwar vor und unabhängig von jeder eigenen Entscheidung, vorgelagert vor jedem willentlichen Entschluss; das Individuum ist determiniert, bestimmt, völlig unfrei im Verhältnis zur Nation – aber bestimmt durch sich selbst, durch sein deutsches Wesen, durch seine eigene Art. Die Verlegung äußerlicher nationaler Ansprüche und Pflichten in die innere Natur verbürgt die bedingungslose Benutzbarkeit, indem sie gerade nicht erzwungen und aufgenötigt sein will, sondern als Naturzustand gilt: Dass der Deutsche für Deutschland ist, und zwar total, das muss kein Politiker verlangen oder erzwingen, weil das eben so ist – und das ist ihm nicht vorzuwerfen, eben weil das so ist. Es ist die Verabsolutierung nationaler Ansprüche an das Individuum. Diese Vorstellung einer „nationalen Identität“ ist wieder eine der vielen Gemeinsamkeiten von Demokratie und Faschismus; obzwar die Bezeichnung Rasse heute politisch nicht korrekt ist. Adorno hat mal notiert: „Das vornehme Wort Kultur tritt anstelle des verpönten Ausdrucks Rasse“ … (Schuld und Abwehr)
Was ist los mit den Deutschen?
Mit dieser Gewissheit blickt der spätere Führer auf Deutschland, und ist am Verzweifeln: Land und Leute sind in keiner Weise für dieses anspruchsvolle Aufbruchsprogramm geeignet. Der Staat ist schwach, das Volk verwahrlost bis verkommen. Egoismus statt Gemeinsinn dominiert, viele denken nur an sich und an das eigene Durchkommen. Überall „zersetzende“ Strömungen – wie Liberalismus, Hedonismus, Individualismus, erst recht Internationalismus, Kommunismus, Sozialismus, eine entartete Kultur oder auch nur Leute, die sich um Deutschland nicht kümmern. Sogar die Reproduktion des deutschen Menschen durch die deutsche Frau war unzulänglich.
Der Nationalsozialismus hat angesichts des Weimarer Sauhaufens auf seine Weise die Frage gestellt: „Wie ist dieses – eigentlich Unmögliche – nur möglich?“ Denn fest steht: „So sind wir nicht!“ Angesichts der miserablen Lage der Nation, angesichts der glasklaren Konsequenzen – deutscher Freiheitskampf gegen „Versailles“ um „Lebensraum“ und „Weltmacht“ –, angesichts dessen, dass jeder anständige normale Deutsche die Welt doch genau so sehen müsste wie der Nationalsozialismus und an den deutschen Zuständen genauso leiden müsste – wie ist es da möglich, dass der Nationalsozialismus nur eine Minderheitenposition ist? Desinteresse, Defätismus, Pazifismus nach dem verlorenen Krieg, und schließlich: Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Klassenkampf, sozialistische und kommunistische Parteien – lauter eigentlich unmöglich Phänomene, zumindest in Deutschland, weil „so sind wir nicht“! Die Selbstverständlichkeit, dass der Deutsche die Welt konsequent durch die nationale Brille besichtigt, auf deutsche Interessen und Rechte fixiert ist, den Nationalismus im Blut hat und angesichts der tristen Lage an Deutschland leidet und für Deutschland kämpfen will – das alles war kaum gegeben. Der spätere Führer schaut sich also um und fragt: Was ist los mit den Deutschen? Was stimmt nicht mit den Deutschen? Wenn die Frage so gestellt wird, ist die Antwort im Grunde genommen schon auf Schiene. Das Deutschtum war verunreinigt und zersetzt, das bedingungslos deutsche Fühlen, Denken und Streben war ziemlich beschädigt:
„Und damit ergibt sich die Tatsache, daß zwischen uns eine nichtdeutsche, fremde Rasse lebt, nicht gewillt und auch nicht im Stande, ihre Rasseneigenarten zu opfern, ihr eigenes Fühlen, Denken und Streben zu verleugnen und die dennoch politisch alle Rechte besitzt wie wir selber.“ (Hitler. Sämtliche Aufzeichnungen 1905 – 1924 S. 88, Hrsg. E. Jäckel, nach Hecker S. 134)
Das ist er, der erste Schritt zum Völkermord, er besteht in der Identifizierung von Juden als Angehörige eines Volkes; da sind nicht einfach Individuen unterwegs, die selber oder deren Vorfahren auch so einem Monotheismus huldigen oder auch nicht – und es spielt auch keine Rolle, ob die sich selber als Juden verstanden haben. Sie sind jedenfalls Teile eines anderen Volkskörpers, eines anderen Volkstums, einer anderen „nationalen Identität“, eben eines „Judentums“.
Das Hindernis Deutschlands: Ein feindliches Volk im Inneren
Wie ist es denn nun beieinander, dieses Volk bzw. diese Rasse; hier synonym zu verstehen? Der jüdische Volkscharakter, worin besteht er? Der Jude ist das Gegenteil des Ariers. Dem fehlt nämlich die Bereitschaft zur Aufopferung und der richtige Begriff der Arbeit. Die Staatenbildung setzt Idealismus und Opferbereitschaft voraus, das ist nicht gegeben, und das macht sich geltend, zersetzend, mitten im Weimarer Deutschland.
Eine kurze, notwendige Zwischenbemerkung: „Zu den meisten Kriegsverbrechen, Massakern und Schlächtereien in der Geschichte gibt es eindeutige Stellungnahmen. Ein Massaker im Rahmen eines kolonialen Krieges wird entweder mit dem Hinweis auf militärische oder politische Notwendigkeiten gerechtfertigt oder aus humanitären Gründen verurteilt. Der Sinn eines solchen Massakers ist aber auch seinen Kritikern einsichtig. Man verurteilt das Verbrechen, weiß aber, warum es stattfindet. Bei Auschwitz stellt sich das anders dar. Die Verurteilung des Massenmordes an den europäischen Juden ist (fast) einhellig. Dafür wird in der Regel davon ausgegangen, daß sich in diesem Fall das letztendliche Motiv für dieses Verbrechen der Kenntnis und der Nachvollziehbarkeit der Kritiker entzieht.“ (Stephan Grigat, Ökonomie der „Endlösung“? „Weg und Ziel“ 1997, https://contextxxi.org/okonomie-der-endlosung.html)
Geht vorläufig und an der Stelle nur um den letzten, wahrhaft gespenstischen Satz: „Bei Auschwitz entzieht sich das Motiv der Kenntnis und der Nachvollziehbarkeit“. Wie denn das? – Immerhin hat der Nationalsozialismus das deutsche Volk mit seinen, den damals praktisch gültigen Motiven flächendeckend und ohne Unterlass bekannt gemacht, und das sogar ohne social media. Was jetzt und hier kommt, ist das sog. „victim blaming“: Die Täter beschuldigen die Opfer, und indem sie das tun, geben sie ihre Motive bekannt – man müsste sie halt zur Kenntnis nehmen, auch wenn das verpönt oder politisch unkorrekt ist. Vielleicht – kann vorkommen – sind die Beschuldigungen auf den ersten, zweiten Blick schwer nachvollziehbar; das ändert aber nichts daran, dass man sie mal kennen müsste! Es geht – nach Goldhagen – um die „moralischen Werte oder die Vorstellungen über die Opfer als Quelle für die Mordbereitschaft der Täter“. Die Notwendigkeit der Kenntnisnahme liegt auf der Hand: Mit seinen Hasspredigten, damit und nur damit, hat Hitler das gute deutsche Volk überzeugt, was anderes wurde den Deutschen nicht geboten; aber so hat Hitler alles angesagt und angekündigt, auf Punkt und Beistrich:
„Den gewaltigsten Gegensatz zum Arier bildet der Jude. … Denn wenn auch der Selbsterhaltungstrieb des jüdischen Volkes nicht kleiner, sondern eher noch größer ist als der anderer Völker, wenn auch seine geistigen Fähigkeiten sehr leicht den Eindruck zu erwecken vermögen, daß sie der intellektuellen Veranlagung der übrigen Rassen ebenbürtig wären, so fehlt doch vollständig die allerwesentlichste Voraussetzung für ein Kulturvolk, die idealistische Gesinnung. Der Aufopferungswille im jüdischen Volke geht über den nackten Selbsterhaltungstrieb des einzelnen nicht hinaus. … Sein Aufopferungssinn ist nur ein scheinbarer. … Daher ist auch der jüdische Staat – der der lebendige Organismus zur Erhaltung und Vermehrung einer Rasse sein soll – territorial vollständig unbegrenzt. Denn eine bestimmte räumliche Fassung eines Staatsgebildes setzt immer eine idealistische Gesinnung der Staatsrasse voraus, besonders aber eine richtige Auffassung des Begriffes Arbeit. … Da der Jude niemals einen Staat mit bestimmter territorialer Begrenzung besaß und damit auch nie eine Kultur sein eigen nannte … ist und bleibt (er) der ewige Parasit, ein Schmarotzer, der wie ein schädlicher Bazillus sich immer mehr ausbreitet; sowie nur ein günstiger Nährboden dazu einlädt.“ (Mein Kampf S. 329 ff.)
Das war damals die gängige Auffassung, das damals übliche Bild „des Juden“, des „Judentums“: Das staatenlose Volk. Der jüdische Staat ist „territorial unbegrenzt“ – wo also ein Jude unterwegs ist, ist er als Agent eines „Judentums“ tätig. „Rasse“ ist da wieder die Überhöhung des Volkes ins Naturgegebene, ins Naturgesetzliche; jenseits so wolkiger religiöser Bekenntnisse. Ein Jude ist als Agent des Judentums tätig, mit der gleichen Zwangsläufigkeit, mit der gleichen Unerbittlichkeit, die – unter Anleitung des Führers – der Arier an den Tag legt. Und diese Rassenkunde war keine Besonderheit des Nationalsozialismus: Dass die Juden „ein Volk“ sind, mit dem etwas nicht stimmt, weil ohne eigenen Staat, dieses Bild haben sich die europäischen Nationalisten, und zwar quer durch Europa im 19. Jh. im Zuge ihrer eigenen Staatsgründungen, ihrer nationalen Einigungen, erarbeitet. (Die alten religiösen Geschichten – Juden schlimm wegen Schuld am Tod des Herrn Jesus – sind Quatsch; es geht hier um den neuen politischen Antisemitismus.) Die politische Bezeichnung „Antisemit“ in Absetzung zur Religion wurde damals als Selbstbezeichnung von einem deutschen Publizisten erfunden; Hannah Arendt hat notiert, dass es politische „antisemitische Bewegungen“ erst seit dem letzten Drittel des 19. Jhdt. gibt.
Dieses Bild vom „Juden“ ist nicht mit sachlichen Auskünften über ein reales „Judentum“ zu kontern, im Sinn von – die wären eh’ gar nicht so. Ausgangspunkt von Hitlers Rassenkunde ist die elende Lage Deutschlands, die Forderung an die guten Deutschen, endlich zu Kämpfen, und das vorfindliche Desinteresse der Landsleute, alles auf Basis des nationalistischen Dogmas „so sind wir nicht!“ Daraus folgen auch keine Vorurteile, das sind handfeste, ernste Feindschafts- und Kriegserklärungen, weil sich der nationale Verstand auf die Suche nach Schuldigen macht! Nach der Oktoberrevolution und den (Welt)Wirtschaftskrisen wurde dieses Bild entscheidend elaboriert. Das, was der Staat braucht und wovon die Gesellschaft lebt – also unsere, die nationale Wirtschaft – ist eine notwendige und nützliche Einrichtung; wenn sie krisenhaft zusammenkracht bzw. wenn da welche den Klassenkampf ausrufen, dann als Folge fremden, auswärtigen Einflusses, denn wieder gilt: „So sind wir nicht“, „wir“ machen doch nicht „unsere“ Wirtschaft kaputt. Aus einem Buch über den Austrofaschismus:
Judentum = Bolschewismus
„Der Antisozialismus in Form des Antimarxismus war bei der Christlichen Arbeiterbewegung immer auch mit antisemitischen Motiven durchmischt. In allen ihren programmatischen Äußerungen – insbesondere auch im Linzer Programm der christlichen Arbeiter Österreichs 1923 waren Antimarxismus und Antikapitalismus durch den Antisemitismus verknüpft. Die marxistische Form des Sozialismus und die liberale Form des Kapitalismus waren für die Theoretiker der Christlichen Arbeiterbewegung gleichermaßen Produkt des internationalen Judentums, dessen Einfluß zu bekämpfen war.“ (Anton Pelinka, Christliche Arbeiterbewegung und Austrofaschismus, in: Talos / Neugebauer, Austrofaschismus, Wien 1984, S. 130) Ebenso:
„Ein Naziplakat bietet ein plastisches Beispiel für diese Wahrnehmung: Es zeigt Deutschland – dargestellt als starken, ehrlichen Arbeiter – das im Westen durch einen fetten, plutokratischen John Bull bedroht ist und im Osten durch einen brutalen, barbarischen, bolschewistischen Kommissar. Jedoch sind diese beiden feindlichen Kräfte bloße Marionetten. Über den Rand des Globus, die Marionetten fest in der Hand, späht der Jude. Eine solche Vision war keineswegs Monopol der Nazis. Der moderne Antisemitismus ist dadurch gekennzeichnet, daß die Juden für die geheime Kraft hinter jenen Widersachern, dem plutokratischen Kapitalismus und dem Sozialismus gehalten werden.“ (Moishe Postone, Antisemitismus und Nationalsozialismus, aus: Deutschland, die Linke und der Nationalsozialismus. Politische Interventionen, ca ira 2005) „Das Problem jener Theorien – wie der Max Horkheimers –, die sich wesentlich auf die Identifizierung der Juden mit dem Geld … beziehen, besteht darin, daß sie nicht imstande sind, die antisemitische Vorstellung einzufangen, Juden stünden hinter Sozialdemokratie und Kommunismus.“ (Postone ebd.)
Das ist er, der Zusammenhang von Antimarxismus und Antikapitalismus: Das Judentum! Der moderne Antisemitismus, so Postone, ist in der Tat ein Produkt der Moderne, die „Moderne“ in Gestalt des Nationalstaates nämlich, der durch internationales Kapital und durch die internationale Arbeiterbewegung bedroht ist. Immerhin gab es damals noch eine Kommunistische Internationale! Ein paar Beispiele, ohne Anspruch auf Vollständigkeit.
„Was dem Marxismus die staunenswerte Macht über die breiten Massen gegeben hat, ist keineswegs das formale, schriftlich niedergelegte Werk jüdischer Gedankenarbeit, als vielmehr die ungeheuerliche rednerische Propagandawelle …“ (Mein Kampf S. 528).
„Indem ich den Juden als Führer der Sozialdemokratie erkannte, begann es mir wie Schuppen von den Augen zu fallen. … die Partei, mit deren kleinen Vertretern ich seit Monaten den heftigsten Kampf auszufechten hatte, lag in ihrer Führung fast ausschließlich in den Händen eines fremden Volkes … Je mehr ich den Juden kennenlernte, um so mehr musste ich dem Arbeiter verzeihen.“ (ebd. S. 64 ff.)
„Nur die Kenntnis des Judentums allein bietet den Schlüssel zum Erfassen der inneren und damit wirklichen Absichten der Sozialdemokratie.“ (ebd. S. 54)
„Das Finanzjudentum wünscht … nicht nur die restlose wirtschaftliche Vernichtung Deutschlands, sondern auch die vollkommene politische Versklavung. Die Internationalisierung unserer deutschen Wirtschaft, d.h. die Übernahme der deutschen Arbeitskraft in den Besitz der jüdischen Weltfinanz, läßt sich restlos nur durchführen in einem politisch bolschewistischen Staat. Soll die marxistische Kampftruppe des internationalen jüdischen Börsenkapitals aber dem deutschen Nationalstaat endgültig das Rückgrat brechen … (ebd. S. 702) Im russischen Bolschewismus haben wir den im zwanzigsten Jahrhundert unternommenen Versuch des Judentums zu erblicken, sich die Weltherrschaft anzueignen …“(ebd. S. 751)
„Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht die Bolschewisierung der Erde und damit der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa.“ (Hitler, Rede 30. 1.1939, zit. nach ‘Die Zeit’ 30.1.2019)
„Für Hitler waren das kommunistische wie gleichzeitig auch das kapitalistische System jüdisch dominiert, im Fall der Sowjetunion aber der ‘jüdische Bolschewismus’ die unmittelbare Gefahr. Es ging ihm nicht nur um Eroberung und Ausbeutung, sondern ganz konkret um Vernichtung.“ (Hans Rauscher, „Standard“ 19.6.2021)
Der Zusammenhang und Zusammenschluss von Judentum und Bolschewismus ist in der nationalsozialistischen Weltanschauung durchgängig, der ist nicht zu übersehen, sofern man sich damit befasst. Wie alle Leistungen „des Menschen“ und der „Menschheit“ sind aus völkischer Sicht auch politische und geistige Strömungen völkisch zuzuordnen. Nicht „der Russe“, schon gar nicht „der Deutsche“, sondern „der Jude“ war aus dieser Sicht der Erfinder und Aktivist des Bolschewismus, und Russland war aus damaliger deutscher Sicht vom Judentum in seiner Ausprägung als Bolschewismus beherrscht. Der Nationalsozialismus hat „das Judentum“ nicht nur als gemeinschaftsunfähig punziert, weil nicht opferbereit, er hat es – noch einmal, war damals der damalige Mainstream! – auch mit dem Bolschewismus identifiziert. Es gab eine Arbeiterbewegung; die war aus nationalsozialistischer Sicht der aktive, militante Arm des Judentums, das in Deutschland tätig und in der Sowjetunion schon an der Macht war. Der proletarische Internationalismus wurde mit dem jüdischen Internationalismus identifiziert, der sozialistische Proletarier als „vaterlandsloser Geselle“ mit dem staatenlosen, dem international tätigen „Volk“ zusammengeschlossen. Ebenso das internationale Finanzkapital. Deutschland war Opfer einer negativen Sozialpartnerschaft von jüdischem Kapital und „marxistischer Kampftruppe“: Der jüdische Kapitalist – oder der deutsche Kapitalist als „Nachahmungstäter“ –, die lassen den deutschen Arbeiter verkommen, dann kommt der jüdische Bolschewist und hetzt den Arbeiter auf, gegen Deutschland. Der Nationalsozialismus hat die Lage der Nation konsequent völkisch gedeutet; alles, was Deutschland schadet – denn: „So sind wir nicht!“ – muss von außerhalb kommen, denn die Volksgemeinschaft – oder gleich: der Volkskörper – ist ein in sich homogener Verband, dessen Mitglieder gar nicht anders können, als gemeinsam, kooperativ, miteinander ihre deutsche Agenda abzuarbeiten.
Falls eine Faschismusforschung nun zum Ergebnis kommen sollte, das alles sei nicht ernst zu nehmen, dann wäre das schon zu begründen, einfach ignorieren gilt nicht. Immerhin wurde damit das deutsche Volk flächendeckend und permanent zugeschüttet. Das Zeug ist jedenfalls ernst zu nehmen, und nicht von vornherein als absurder, deplatzierter Schwachsinn abzutun. Man darf das auch gern für Wahnsinn halten, für eine Verschwörungstheorie, aber dann stellt sich erst recht die Frage: Wie geht Wahnsinn und warum ist die Verschwörungstheorie politikfähig? Denn dass „die Theorie zur materiellen Gewalt wird, wenn sie die Massen ergreift“, das gilt leider auch für wahnsinnige Theorien.
(Dazu auch: „Die Juden – Opfer sinnloser Verbrechen“, in: https://www.vsa-verlag.de/uploads/media/VSA_Gutte_Huisken_Alles_Bewaeltigt_nichts_begriffen.pdf)
Drei Ergänzungen zum damaligen internationalen Standard der „Judenfrage“:
Erstens: In Evian findet 1938 eine Konferenz statt, über die damalige jüdische Flucht und Migration, die teilnehmenden Staaten stellen sich die Frage: „Was machen wir mit denen?“ – Die Antwort war: „Wir wollen sie auch nicht“. Eine Analogie zu den aktuellen Flüchtlingen bzw. illegalen Migranten. Leute wurden bekanntlich sogar über den Atlantik wieder zurückgeschickt. Die deutsche Presse berichtet begeistert aus Evian: Juden sind überall unbeliebt.
Zweitens: Die deutsche Wehrmacht hatte zwischen Frankreich und der Ukraine keine Schwierigkeiten, lokale Hilfswillige für das Einsammeln und den Abtransport der lokalen jüdischen Bevölkerung zu rekrutieren. Ausnahmen – Dänemark – und individuelle „Einzelfälle“ mögen die Regel bestätigen; an einer Verweigerungshaltung der jeweiligen anderen zivilisierten Völker ist da nicht viel gescheitert.
Drittens: Der Stellenwert der Vernichtungslager für die Alliierten. Die waren den Westmächten seit 1942 bekannt, und während die Gräueltaten des Feindes normalerweise propagandistisch ausgeschlachtet werden, waren die Alliierten diesbezüglich ungefähr so diskret wie das Dritte Reich selber. Erst nachher, im Zuge der Umerziehungs-Gehirnwäsche, wurde „Auschwitz“ hochgespielt und instrumentalisiert. Eine vulgäre Frage der Zeitgeschichte lautet: Warum wurden die Bahnlinien nach Auschwitz nicht bombardiert?! Die schlichte Antwort: Die Rettung von Juden war kein Kriegsziel. Auch Postone erwähnt den „Eifer der rumänischen, ukrainischen, kroatischen, flämischen und französischen Antisemiten und Faschisten, die die Nazis bei der Verfolgung und Vernichtung der Juden unterstützten. Gleiches gilt für die Politik ‘passiver Duldung’, wie sie von den Amerikanern und Briten vollzogen wurde.“ (Postone, ebd.)
Der Zusammenschluss von Judentum und Bolschewismus wurde nach 1945 aufgelöst, wegen der neuen Frontstellung im Kalten Krieg: Der Kommunismus war der weiterexistierende Gegner, die Sowjetunion nach wie vor des Reich des Bösen. Manche überlebende Juden haben sich um eine für den Westen strategisch nützliche Staatsgründung bemüht, die eine ähnliche Stellung als Frontstaat gegen den arabischen Nationalismus eingenommen hat, wie Deutschland gegen den Ostblock. Deutschland hat sich nach 1945 ausdrücklich als Rechtsnachfolger des Dritten Reiches aufgestellt, von einem totalen „Bruch“ konnte in diesem Sinn dann nicht die Rede sein, demokratische Nachfolge war angesagt, und zwar so: Deutschland zahlt die vom Dritten Reich verursachten Schäden, natürlich nur ausgewählte Adressen, als „Wiedergutmachung“ – und erhebt Ansprüche auf die Außenstände des Dritten Reichs, gegen die Sowjetunion, in Gestalt der DDR. Wieder nach Postone: Wiedergutmachung wurde an Juden, aber nicht an Kommunisten und andere Gegner gezahlt – und das ist ungenau. Die „Wiedergutmachung“ für die einen wurde – über die „Rechtsnachfolge“ – zum Hebel gegen die anderen! Insofern konnte die materielle Wiedergutmachung und der moralische Opferbonus nur Juden zugutekommen, wg. Israel, aber nicht Kommunisten, wg. DDR und der Sowjetunion:
„Es wäre auch gar zu albern gewesen, hätte die Bundesregierung mit ähnlichen Zahlungen womöglich genau die Sowjetunion für den Verlust von 20 Millionen Bürgern ‘entschädigen’ wollen, der von der BRD ihr Interesse an einer verbündeten DDR bestritten und vom Westen ein atomarer Weltkrieg angedroht wurde. Und mit gleichartiger ‘Großzügigkeit’ gegen die genau so konsequent ausgerotteten Zigeuner Europas hätte die BRD weder ein beachtenswertes diplomatisches Zeichen gesetzt – noch die USA bei der Alimentierung ihres nahöstlichen Vorpostens entlastet …“ (Hecker, ebd. S. 275)
*
Die Bewältigung: Völkermord zwecklos, daher unrechtfertigbar!
Abschließend noch einmal zurück zur Frage der Erkennbarkeit bzw. der Unerklärbarkeit:
„Zu den meisten Kriegsverbrechen, Massakern und Schlächtereien in der Geschichte gibt es eindeutige Stellungnahmen. Ein Massaker im Rahmen eines kolonialen Krieges wird entweder mit dem Hinweis auf militärische oder politische Notwendigkeiten gerechtfertigt oder aus humanitären Gründen verurteilt. Der Sinn eines solchen Massakers ist aber auch seinen Kritikern einsichtig. Man verurteilt das Verbrechen, weiß aber, warum es stattfindet. Bei Auschwitz stellt sich das anders dar. Die Verurteilung des Massenmordes an den europäischen Juden ist (fast) einhellig. Dafür wird in der Regel davon ausgegangen, daß sich in diesem Fall das letztendliche Motiv für dieses Verbrechen der Kenntnis und der Nachvollziehbarkeit der Kritiker entzieht.“ (Stefan Grigat, Ökonomie der „Endlösung“? „Weg und Ziel“ 1997)
In der Tat: „Kriegsverbrechen, Massaker und Schlächtereien in der Geschichte“ – da gehört Auschwitz hin, von Einzigartigkeit bislang also keine Rede. Die Gegenüberstellung – ein Massaker wird entweder gerechtfertigt oder verurteilt–, die stimmt nicht: Beides ist der Fall, die Veranstalter rechtfertigen, und die Opfer oder Unbeteiligte verurteilen. Es stimmt auch nicht, dass jedes Massaker, sobald es durch eine militärische oder politische Zweckmäßigkeit begründet ist, damit auch schon gerechtfertigt ist: Das hängt eben von der Parteienstellung des Betrachters ab, das gilt schnörkellos nur für die je „eigene“ Seite, für die Nation, die den Veranstalter gibt; da gilt: zweckmäßig gleich gerechtfertigt; das gilt auch nicht nur für die meisten, sondern für alle „Kriegsverbrechen“. Auf der anderen Seite gilt die Umkehrung, dem Massaker der Gegner wird jeder politische oder militärische Zweck, damit auch jedes Verständnis verweigert bzw. abgesprochen. Übrig bleibt dann „das Böse“ im Feind – eine moralische Konstruktion, das grundlose Massaker um seiner selbst willen, also ohne jene Rechtfertigungen und ohne das Verständnis, das die je „eigenen“ Schlächtereien und Folterungen üblicherweise genießen.
Der Unterschied zwischen den üblichen Massakern und „Auschwitz“ liegt in obiger Darstellung nicht in der Sache, sondern erst mal in der mangelnden „Kenntnis und Nachvollziehbarkeit“ durch die Kritiker.Beides ist bei Auschwitz angeblich nicht gegeben.Wenn man den Grund für ein Massaker nicht kennt, dann ist das eine Auskunft über die Kenntnisse der Beobachter, und nicht über die Sache. Eine offenkundige Gemeinsamkeit von „Auschwitz“ mit anderen Massakern, Schlächtereien etc. ist durchaus vorhanden, wird hier allerdings ignoriert: Auch dieser Völkermord wurde gerechtfertigt, von seinen Veranstaltern nämlich, die ihre Motive ausführlich geäußert haben, und das gute deutsche Volk damit erfolgreich agitiert haben. Hitler hat seine Motive unermüdlich breitgetreten, hat sich den Mund fusselig geredet und bei jeder Gelegenheit seine Hasspredigten verbreitet, kennen könnte man das Motiv schon, es lautet „feindliches Volk“, man müsste es halt zur Kenntnis nehmen – und die Nachvollziehbarkeit, also die Frage, ob das Motiv auch in die eigenen Vorstellungen von Politik passt, ist ohnehin eine andere. Wenn man nun glaubt, die breit geäußerten Motive der Täter hätten mit der Tat nichts zu tun, dann wäre das natürlich zu erläutern. Obige Darstellung ist insofern ein Dokument der Ignoranz; die erwähnte (fast) einhellige Verurteilung und die daraus folgende „Unkenntnis“ des Motivs, die ist kein Befund distanzierter Beobachter, die ist ein Resultat der Niederlage des Dritten Reichs, sie tritt nachher in Kraft. Die nationalsozialistischen Rechtfertigungen waren halt nach der Niederlage verboten, und das Verbot wird in dieser Betrachtung so interpretiert, dass sich mit dem und durch das Verbot auchdas Motiv jeder Kenntnis entzieht. Nochmal zum Unterschied:
„Mit ihrer Auffassung, die Shoah sei nur im Rahmen der umfassenden, weitere Vernichtungen einschließende Modernisierungspläne der Nazis zu begreifen, laufen sie (Aly/Heim) Gefahr, den Unterschied zwischen der antisemitisch motivierten Massenvernichtung in Auschwitz einerseits und dem imperialistisch-rassistischen Feldzug gegen die sonstige Bevölkerung andererseits einzuebnen. Selbstverständlich gab es diese umfassenden Vernichtungspläne bezüglich Russen, Polen und anderen slawischen Völkern. … Bei den Vernichtungsplänen gegen Russen, Polen etc. ging es um klar definierte Zwecke. Die an ihnen begangenen Untaten fallen in jene eingangs erwähnte Kategorie von Verbrechen, bei denen auch dem Kritiker die Ziele dieser Taten offen vor Augen liegen. … Daß die deutsche Wehrmacht auch dabei mit in der Geschichte fast beispielloser Brutalität vorging darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß diese Handlungen zweckgebunden waren. Eine endgültige Vernichtung des ‘Russentums’ war nie genuines Ziel der nationalsozialistischen Ideologie.“ (ebd.)
Was als subjektives Unwissen des Kritikers eingeführt wurde, ist nun objektive Bestimmung: Keine Ziele, keine Zwecke, damit keine Gründe – es gibt nichts zu wissen. Nun gut – wenn man es nicht wissen will …
Aber – warum und aus welchen Motiven erwächst überhaupt das Bedürfnis, zwischen den diversen Leichenbergen, die das Dritte Reich produziert hat, noch einmal zu selektieren? Sozusagen Opfer erster Güteklasse von Opfern minderen Ranges zu unterscheiden – wobei der Unterschied in den Zielen und Zwecken liegt, aus denen Russen, Polen, etc. getötet wurden; Juden angeblich aber nicht. Staaten, auch das in dieser Hinsicht ganz normale Dritte Reich, die gehen halt über Leichen, wenn es ihnen militärisch, strategisch etc. nützt – weltfremd will der Autor offenbar nicht erscheinen, und dass die vom „eigenen“ Staat produzierten Leichen für dessen Anhänger auch gerechtfertigt sind, ist ihm auch bekannt.
Nachdem aber der deutsche Patriot seit 1945 seinem „natürlichen“ Rechtfertigungsbedürfnis nicht nachgeben darf – Deutschland musste sich schließlich zur Schuld am Völkermord bekennen, das war die conditio sine qua non für den deutschen Neubeginn unter den Fittichen der USA –, dann ist diese Unterscheidung der Güteklassen der Opfer eine unterstützende Hand- bzw. Hirnreichung: Wenn es denn wirklich sinnlos, zwecklos, nutzlos ist, das massenhafte Umbringen von Juden, dann ist damit jedem deutschen Rechtfertigungsbedürfnis die sachliche Grundlage entzogen: Bedingungslose Verurteilung – auch durch die deutsche Politik – erfordert die absolute Zwecklosigkeit. Der superdeutsche Verstand sichert sich gewissermaßen durch die berühmte „Einzigartigkeit“ ab – die Verurteilung der sog. „Verbrechen“ wird erst durch die Unerkennbarkeit wasserdicht. Womöglich hat das neudeutsche Nationalbewusstsein instinktiv den Verdacht, die Verurteilung, die kompromisslose Ablehnung wäre durch die Kenntnisse der Motive gefährdet. Wenn das Massaker einen – irgendeinen! – Zweck hätte, wäre die bedingungslose Verurteilung in Schwebe, das Verstehen könnte in Verständnis übergehen. Vielleicht wirklich einzigartig ist in dem Fall allerdings nur, dass, was üblicherweise für den Feind gilt – keine Gründe, also böse –, in diesem Fall für die deutsche Befassung mit dem „Betriebsunfall“ der deutschen Geschichte gilt; man darf im Rückblick daher keine Interessen, keine Ziele und Zwecke entdecken.
Dieses Bedürfnis der Unterscheidung zwischen den diversen Leichenbergen des Dritten Reiches ist keine Erfindung dieser superdeutschen Debatte und dieser Kritiker, sondern eine praktische deutsche Errungenschaft: Die „Wiedergutmachung“ an ausgewählte Opfer.Daraus hat der nachkriegsdeutsche nationale Standpunkt offenbar auf die Singularität von Auschwitz geschlossen: Die BRD hätte tatsächlich nachher noch einmal rein moralisch selektiert, und die Opfer des Nationalsozialismus nach dem Kriterium „zweckmäßig und zielgerichtet“ bzw. „völlig sinnlos“ sortiert, und den „völlig zwecklosen“ – sozusagen den reinen, den gänzlich unbefleckten – eine Vorzugsbehandlung angedeihen lassen …
Das andere Ergebnis dieser Grund- und Zwecklosigkeit besteht darin, dass man analytisch, in Sachen Erkenntnis, buchstäblich auf Null gelandet ist. Man weiß nichts und man kann nichts wissen – d.h. es ist damit rein gar nichts kritisiert, diskreditiert, kompromittiert, nichts ist in Misskredit gebracht. Kein Stück Staat, Politik, Nation ist tangiert. Das nicht-wissen-können ist der implizite Freispruch für Staat, Politik, Nation, und obendrein: Wer theoretisch auf Null ist, ist damit praktisch handlungsunfähig. „Wehret den Anfängen“ ist ja ein netter Spruch – aber den Anfang eines grund- und zwecklosen Phänomens zu erkennen und ihm zu „wehren“? Wie denn? Dabei sind diffuse Ahnungen schon vorhanden:
„Prinzipiell ist der Hinweis von Aly/Heim auf die Bedeutung des Kriegsbeginns und später des Angriffs auf die Sowjetunion für die Radikalisierung der antisemitischen Maßnahmen richtig. … Durch den Krieg erlangten die von den Nazis selbst erneut reproduzierten Figuren des ‘Monopol-’, ‘Kollektiv-’ und letztlich auch ‘Liberalitätsjuden’ in den Augen des nationalsozialistischen Staates reale Gestalt und verfügten in Form der alliierten Kriegsgegner nun über ein tatsächliches Bedrohungspotential. Der beginnende Krieg erschien als existentieller Entscheidungskampf gegen die Juden. So gesehen wurde die Judenvernichtung mit dem Krieg rational, aber nicht im wirtschaftlichen Sinne, sondern rational innerhalb des faschistischen Wahns.“ (Grigat ebd.)
Stimmt, der Krieg gegen das „Judentum“ war ein Teil des Zweiten Weltkriegs, so wie der Völkermord an den Armeniern ein Teil des Ersten Weltkriegs war, aber das behält man ev. besser für sich, weil das womöglich als Verharmlosung empfunden wird, bei guten Deutschen, die sich wohlig in der „Einzigartigkeit“ eingehaust haben, in der Entpolitisierung ausgerechnet des Völkermordes, wo es doch für „Kriegsverbrechen und Massaker … eindeutige“ – und damit impliziert rechtfertigende – „Stellungnahmen“ gibt. Der Beschluss zur „Endlösung“ wurde um die Jahreswende 1941/42 gefasst, die „Wannsee-Konferenz“ datiert Anfang 1942. Damals war klar, dass das mit dem Blitzkrieg gegen die Sowjetunion nichts geworden ist, dass sich die Schlächterei in die Länge zieht. Hitler hatte den USA den Krieg erklärt, die Vermeidung des Zweifrontenkriegs hat nicht geklappt, es kündigt sich der Endkampf an, der deutsche Existenzkampf. Also fällt die Entscheidung zur Vernichtung des Bolschewismus auch im Inneren des deutschen Machtbereichs: Auch Völkermord ist ein Stück Realpolitik. Das öde Rätsel, wieso an der Front benötigte Transportkapazitäten für die Transporte nach Auschwitz verwendet wurden, ist keines: An beiden Orten wurde derselbe Feind bekämpft.
Der Rede vom „faschistischen Wahn“, innerhalb dessen die Judenvernichtung „rational“ wurde, der ist ja zuzustimmen. Im zitierten Aufsatz wird aber „rational“ mit „ökonomisch nützlich“ identifiziert; was nicht ökonomisch nützlich ist, ist dann irrational gleich unerklärlich. Das ist eine Themenverfehlung, ökonomisch nützlich war das Abschlachten von Polen, Russen etc. auch nicht. Es handelt sich schon um einen Wahn; allerdings um den ganz normalen Wahn namens Politik, Volk, Staat, Nation, Volksgemeinschaft. Die Konstruktionsprinzipien des Wahns, innerhalb dessen die Judenvernichtung „rational“ wurde, die sind im staatsbürgerliches Grundwissen enthalten, es sind nationale basics: Was ist ein Volk, was ist sein Charakter, was ist seine nationale Identität; dazu das nationaldogmatische „so sind wir nicht!“
Abschließend noch Hinweis auf einen tatsächlichen Unterschied, den „zwischen der antisemitisch motivierten Massenvernichtung in Auschwitz einerseits und dem imperialistisch-rassistischen Feldzug gegen die sonstige Bevölkerung andererseits einzuebnen. Selbstverständlich gab es diese umfassenden Vernichtungspläne bezüglich Russen, Polen und anderen slawischen Völkern. … Bei den Vernichtungsplänen gegen Russen, Polen etc. ging es um klar definierte Zwecke. Die an ihnen begangenen Untaten fallen in jene eingangs erwähnte Kategorie von Verbrechen, bei denen auch dem Kritiker die Ziele dieser Taten offen vor Augen liegen.“ (ebd.) Die Russen, Polen etc., die waren das Menschenmaterial feindlicher Staaten, und deswegen „versteht“ der bürgerliche Verstand noch die monströsesten Vernichtungspläne gegen diese Völker in dieser Material-Eigenschaft. Krieg bedeutet Vernichtung, u.U. auch Völkermord zwecks Säuberung eines Territoriums im Verlauf eines „kolonialen Krieges“ von den Bewohnern, das ist klar und nachvollziehbar. Aber wenn ein Volk ohne staatliche Führung, also „nur“ vom Feind als solches definiert und behandelt wird, wenn die betreffenden Betroffenen gar nicht als Menschenmaterial von einer Herrschaft kommandiert und eingesetzt werden – dann versteht der Kritiker nur mehr Bahnhof. Genau den Unterschied haben die Nazis nicht geduldet, der ist für konsequent völkische Beobachter irrelevant – indem jeder Jude genau wie jeder Deutsche zwangsläufig und naturgegeben Träger und damit Agent seines Volkstums ist, der gar nicht anders kann, als eine Art jüdische raison d’etat zu vollstrecken: Als Angehöriger seines Volkes eben, das sich zwar normalerweise im Staat eine Organisation schafft, gewissermaßen als seinen „Überbau“ der völkischen Substanz – oder auch nicht, wenn doch die Staats-Unfähigkeit die spezielle Charakteristik dieses speziellen Volkes ist.
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Die neudeutsche Begeisterung über die positive deutsche Identität via „Auschwitz“ ist längst etabliert. Auschwitz spricht eindeutig für Deutschland, via „Erinnerung, Reue, Verantwortung im Gestus (sic!) des Geläuterten“. Natürlich ziehen „wir“ uns in periodischen Ritualen den „Horror“ rein, zur Vermittlung von „Halt, Sinn und Werten“ – als Auftakt zur Feier unserer guten Laune! In den 90er Jahren, nachdem Deutschland ein Stück „greater“ geworden war, wurde darüber debattiert, ob das neue Deutschland das alte Zeug noch immer als Säule seiner Identität kultivieren sollte; der Dichter Walser et al. waren seinerzeit der Meinung, Deutschland hätte diesen Umweg über die Darstellung seiner „Schande“ nicht mehr nötig. Man könne doch Deutschland einfach so gut finden, als Land der Deutschen, und fertig. Ihnen wurde u.a. so Bescheid gestoßen:
„‘Auschwitz’, um die Kurzformel zu gebrauchen, ist längst zum konstitutiven Bestandteil dieser Republik, ja zum Teil ihrer Verfassung geworden. … Dieses Deutschland, das glücklichste in der Geschichte, bezieht merkwürdigerweise auch seine positive Identität aus dem Menschheitsverbrechen. Wie das? Die Liste ist endlos. Die Verfassung? Nie wieder Weimar. Staatsbürgerrecht? Nie wieder wie bei den Nazis. Menschenrechte? Damals wurden sie zertrampelt, jetzt sind sie unantastbar. Pressefreiheit? Natürlich, als Bastion gegen die Totalitären. Außenpolitik? Stets in der Gemeinschaft, damit die Deutschen nie wieder dem Hegemonialwahn verfallen können. Erinnerung, Reue, Verantwortung sind Teile der ungeschriebenen Verfassung. Anfänglich hat man es dem Ausland zuliebe getan, so wie Adenauer kühl kalkulierend die Wiedergutmachung beschloß, um den USA zu gefallen. Aber daraus ist ein Stück raison d’état geworden. So stellt sich das ‘bessere Deutschland’ dar – nicht im kollektiven Flagellantentum, wie die Walsers wähnen, sondern mit dem Gestus des Geläuterten, der einen moralischen Anspruch zu verkörpern sucht. … Wenn die Nation am 9. November der ‘Kristallnacht’ gedenkt … formiert sie sich in einem Ritual, das wie alle Rituale Halt, Sinn und Werte vermittelt: Wir erinnern uns an den Horror und zelebrieren so dessen Überwindung. Wer das wie Walser als ‘Lippengebet’ verhöhnt, verkennt die lebenswichtige Funktion von scheinbar ‘leeren’ Ritualen. Müßig hinzuzufügen, daß dies auch realpolitischen Zins zuhauf abgeworfen hat.“ (Josef Joffe, Süddeutsche Zeitung 12./13.12.98)
Unpassend war wirklich nur Walsers „Hohn“ – denn ein „Lippengebet“, in welchem „wir uns“ an uns delektieren, das kann nicht „leer“ sein.
Heute hingegen ist Deutschland nicht mehr glücklich, und die westliche Gemeinschaft existiert nicht mehr; das zwingt Deutschland nun zu einer „Führungsrolle“ in Europa, was mit „Hegemonialwahn“ in östlicher Richtung nicht zu verwechseln ist. Dass die deutsche Vergangenheit eine Bremse beim imperialistischen Aufbruch sein könnte, ist höchstens eine kokett zitierte, lächerliche Befürchtung. Die „Vergangenheit“ bewehrt sich ganz anders: Seit Mai 1945 kämpft Deutschland bekanntlich vehement gegen Hitler und dessen „Ungeist“, deswegen gehört Deutschland längst zu den Siegermächten über das Dritte Reich, aus welchen schon die Sowjetunion exkommuniziert wurde – und wenn Deutschland permanent gegen Hitler bzw. den Ungeist kämpft, dann steht jeder Politiker, der Deutschland im Weg ist, eben in deren Tradition.

