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Jenseits des Atlantiks und in ein paar wenig beachteten europäischen Ecken äußern sich in den »(a)sozialen Medien« Stimmen, die so vehement kritisch ausfallen, dass von ihnen aus hiesiger Sicht die Gefahr einer Untergrabung der unbedingt erforderlichen Meinungseinheit ausgeht. In ihrem Vortrag bedienen sich diese Wühlmäuse – z. B. Ex-Colonel Daniel Davis, »Deep Dive«; Patrick Henningsen, »21st Wire«; Glenn Diesen, »Neutrality Studies« –, von denen einige eine hingebungsvolle, stolze militärische Karriere hinter sich haben, häufig mit Akribie zusammengestellter konkreter Dokumente, Aufnahmen und Einspielern, die hierzulande weggelassen oder zu Nebensächlichkeiten herabgestuft bzw. informationstauglich kontextualisiert, »gerahmt« werden. (Ansehenswert, was das angeht, ist z. B. Patrick Henningsens Gespräch mit Mats Nilssen: »Ukraine’s Insane Provocation«.)
In einer Sendung Glenn Diesens – »Russia’s Retaliation / Russlands Vergeltung« (10.06.25) – formulierte Ex-Colonel Douglas Macgregor die Kritik, die auch Kollegen von ihm teilen, fast tiradenhaft, auf jeden Fall aber unmissverständlich. Sie sei hier nun schlagwortartig zusammengefasst:
- Die NATO? Ein Papiertiger: erstens sei sie intern von nationalen Sonderinteressen zerrissen, eine einheitliche Führung gebe es nicht, ganz gleich wie sehr sich Rutte die Realität leugnend in die Brust werfe. Zweitens sei die Truppe in einem im Vergleich zu Russland jämmerlichen Zustand; zum einen in Bezug auf die Quantität der menschlichen Manövriermasse, die es nun einmal bräuchte; zum anderen beklagt Macgregor das Fehlen der nötigen Disziplin bei den zum Kämpfen Bestimmten; und überdies wollten die Zivilgesellschaften den ihnen von ihren Regierungen zugedachten Krieg auch gar nicht. Wenn der deutsche NATO-Vertreter Carsten Breuer in einem BBC-Interview fordert »We must be able to fight tonight« (was auch Großbritanniens Starmer unterschreibt), so bewegt er sich für Macgregor in einem Traumland namens Absurdistan. Kurz: die NATO könne Russland nicht besiegen, und deshalb komme sie um einen Umgang mit dessen Interessen nicht herum. Im Übrigen wollten die Russen nur als Touristen nach Europa oder nur deshalb, um dort Geschäfte zu machen.
Nun, eine militärische Überlegenheit Russlands mag es zwar – wenn vielleicht auch nicht in dem von Macgregor konstatierten Ausmaß – (noch) geben, aber diese Lage ist kein eigenständiges Subjekt, das die von ihm angemahnte »Vernunft«, also die Abkehr von einem Vorhaben, das nur schiefgehen könne, bewirken könnte; die Lage kann das nicht garantieren. Als Kriegssachverständiger weiß er selbst von vielen Fällen, in denen Kriege trotz einer »Perspektivlosigkeit« geführt wurden (er verweist auch auf Afghanistan). Wenn Deutschland/EU sich als NATO-Allianz mit Befehlshabern, die, wie er sagt, nicht mehr wissen, was Krieg bedeutet, auf unabsehbare Zeit die Generalabsolution »to fight tonight« erteilt, dann will es einen Waffengang eingehen können – und zwar »whatever it takes« (Merz; totaler kann man das nicht formulieren). Auch Macgregor bleibt hier nur die Hoffnung, dass es nicht zur »mission impossible« von »Abenteurern« kommen wird. Übrigens: Wenn er von »Niederlagen« wie z. B. in Vietnam redet, so ist ihm selbstverständlich, dass Amerika Kriege führt und geführt hat, bei denen es seinem hegemonialen Land um die Höhe des wahrscheinlichen Siegs ging, jedoch nicht um die Abwehr einer existentiellen Bedrohung, wie Russland sie in der Ukraine angetroffen hat. Weil sein Land so unübertrefflich sieggewohnt ist, gestattet es sich die Freiheit, manche seiner Kriege, in denen feindliche Territorien ruiniert wurden, von sich aus zu Niederlagen zu erklären – als ob ein »Zurückbomben in die Steinzeit« kein Sieg, jedenfalls kein »richtiger« gewesen wäre.
Auch wenn er wiederholt fragt, was die USA denn in diesen oder jenen Gegenden verloren hätten, so ist Macgregor, wie seine Kollegen auch, weder ein Gegner von Imperialismus noch ein Gesinnungspazifist. Das Vorhaben, die Nation wieder groß zu machen, teilt er, und Krieg leuchtet ihm dann ein, wenn er aussichtsreich ist und wenn er gegen Nationen geführt werden muss, weil diese die eigene kulturelle und wirtschaftliche »Integrität« beschädigen (dies im Anschluss an den »clash of civilisations« des von ihm bewunderten Samuel P. Huntington). Die Russen gelten ihm als anständig, die von der NATO vormals/jetzt unterstützten Albaner jedoch nicht, da diese lediglich Drogen und Prostitution verbreitende Verbrecherhorden seien.
- Trump? Innenpolitisch wolle er Richtiges. Beim zustimmend nickenden Kollegen Daniel Davis erinnert sich Macgregor nostalgisch an die gute Zeit, als Los Angeles noch vorwiegend weiß gewesen sei – und wie schaue es jetzt aus?! Die Latinos, deren Eigentum, Recht und Ordnung bedrohende Randale selbstverständlich den Einsatz der Nationalgarde und Gebrauch von Schusswaffen erfordere, seien – das erkenne Trump klar, und es sei auch schon an den Farben der geschwungenen Fahnen abzulesen – eben keine Amerikaner. Und das sei ein abzustellender Skandal an sich. Also: Amerikaner zu sein bedeutet, Patriot zu sein. Anderes ist nicht zu dulden und gehört gewaltsam abgestellt. McCarthys Verfolgung »unamerikanischer Umtriebe« dürfte Macgregor zwar als überzogen anmuten, ihm in der Tendenz aber durchaus sympathisch sein.
Was außenpolitisch notwendige Führungsqualitäten angeht, so ist für Macgregor Trump ein Mängelwesen. Er habe zwar das richtige Ziel, den Ukrainekrieg zu beenden, aber er sei intellektuell unterausgestattet, gefühlsgetrieben (was sich innenpolitisch in einem Zerwürfnis zweier Egomanen, Elon Musk und ihm, äußere), und er sei nicht beharrlich genug, Putin davon überzeugen zu können, dass die USA es zur Abwechslung nach über Jahre vollzogenem Tricksen und Täuschen (Macgregor führt zutreffende Beispiele an) diesmal ehrlich und ernst meinten. Dass Trump, der sich viel zu selten zu Fragen nationaler Sicherheit briefen lasse, sich anscheinend Putin gegenüber davor drücke, etwas zum Angriff auf Putins Helikopter und zu den von der EU bejubelten und wahrscheinlich vom britischen MI6 unterstützten Drohnen auf russische Atombomber zu sagen – vielleicht habe er davon (eine weitere Führungsschwäche) nicht einmal gewusst –, unterminiere gravierend ein erst noch herzustellendes russisches Vertrauen und ein Führen noch ausstehender SALT-Verhandlungen. Trotz all seiner markigen Worte leide Trump an Unentschlossenheit und Inkonsequenz. Er schaffe es nicht, die Abgeordneten zu Gefolgschaft zu verpflichten und die Kabalen eines »tiefen Staats« zu unterbinden. Stattdessen umgebe er sich mit ihre jeweils eigenen Süppchen kochenden Speichelleckern – ein verantwortungsloses Spiel, in dem er nicht die Karten halte, die er eigentlich bräuchte. Deshalb sei er darauf angewiesen, abzuwarten, bis Russlands militärische Erfolge den Nachweis vervollkommneten, dass es, was für Macgregor außer Frage steht, »den Ukrainekrieg gewonnen hat«.
Macgregor beruft sich bei seinem Bloßstellen sinn- gleich aussichtsloser Kriege auch auf die Moral, die jedem anständigen Menschen innewohnt: Kriege wie die von der Ukraine und Israel als einziges Mittel eingesetzten und angestrebten (beispielsweise gegen den Iran) beförderten kein Wohlergehen von Nationen; sonst ergäbe Krieg ja durchaus Sinn. Vielmehr seien sie Ausfluss von Verbrechern an den Schalthebeln der Macht. Er nennt hier Selenskyi und Netanjahu. Denen sei, wofür sich Macgregor in die Bresche wirft, jegliche amerikanische Unterstützung zu entziehen. Würde das Plädoyer der hochdekorierten patriotischen Helden der Besonnenheit umgesetzt, so würde das in der Tat ein Überleben nicht weniger sonst zum Tod Verurteilter bedeuten. Aber wie gesagt: Für das fundamentalistische Gotteskriegertum Europas ist das wehrkraftzersetzendes Pillepalle. Zurück zu Carsten Breuer: »Tonight’s the night«.

