25. März 2025

In Gefahr…

Kürzlich diskutierten unter der Leitung von Vuk Jeremić Jacques Attali und Jeffrey Sachs zur Lage Europas (Horizons Discussion, 21.03.2025). Attali hielt das Risiko, dass Russland Europa mit Krieg zu überwältigen suchen werde, für beträchtlich. Er bezweifelte, dass Putin einer Diplomatie überhaupt zugänglich sei; wie sein Überfall auf die Ukraine zeige, verstehe er (sich) nur (auf) […]
Sinis

Kürzlich diskutierten unter der Leitung von Vuk Jeremić Jacques Attali und Jeffrey Sachs zur Lage Europas (Horizons Discussion, 21.03.2025). Attali hielt das Risiko, dass Russland Europa mit Krieg zu überwältigen suchen werde, für beträchtlich. Er bezweifelte, dass Putin einer Diplomatie überhaupt zugänglich sei; wie sein Überfall auf die Ukraine zeige, verstehe er (sich) nur (auf) die Sprache der Gewalt. Deshalb gebe es zur europäischen Aufrüstung keine Alternative. Sachs wandte ein, dass es diesen Angriffswillen nicht gebe und darum Verhandlungen mit Russland geboten seien. Einig war er sich mit Attali darin, dass Europa sich mit abschreckender Gegengewalt schützen müsse. Natürlich müsse sie strategisch klug aufgebaut sein. Beiden Diskutanten lag daran, zutreffend zu beurteilen, wie hoch der Bedarf an diesem Gut ausfalle und wie viel Bereitstellung von Zerstörungsmaschinen und Vaterlandsverteidigern erforderlich sei. Gewiss würden sich weder Attali noch Sachs zu der Aussage versteigen, Krieg sei der Vater aller Dinge, aber »zumindest« – was für ein Trost! – die Potenz dazu, ihn »bei Gefahr« zu führen und zu bestehen, ist für sie schon unabdingbar. Dass diese schwerwiegende Prämisse keiner weiteren Begründung bedarf, überrascht nicht. Sie versteht sich schließlich »doch von selbst«.

Diese Fraglosigkeit ist Teil der Staatsbürger-DNS; schon jedem Schüler genügt ein Blick in sein Geschichtsbuch, um entlang des roten Fadens von Kriegsabfolgen, sechs Tage oder über Jahrzehnte und Generationen dauernd, Reichs-, Staats- und Nationengründungen einerseits zutreffend als das zu begreifen, was sie sind: Resultate von Gewalteinsätzen. Zugleich aber soll er dem – wie in einem Film mit Happy End – entnehmen, dass Schlimmem eben auch das höherwertige Gute, z.B. (Wieder-) Vereinigung und bis auf weiteres »ewiger Friede« und möglicherweise sogar ein »Ende der Geschichte« (dann bräuchte man ja auch nicht mehr so viele einschlägige Jahreszahlen zu lernen), entspringt. Wieso »braucht« es denn aber die Hervorbringung von Gutem durch Schlimmes? Könnte ersteres nicht einfach direkt – »alle Menschen werden Brüder« – erreicht werden? Ohne das Schlimme?

Nun, diese Wissbegier zu einer »ewigen Menschheitsfrage« ist löblich, aber sie zäumt das Pferd unvollständig auf; es heißt ja schließlich auch noch: »Wo dein sanfter (?) Flügel weilt«. Diesen entscheidenden Zusatz übersehen nicht nur Einzuschulende, sondern jede Menge Erwachsene, die schon mehr und anderes kennen könnten: Gesinnungspazifisten, Widerständler der »letzten Generation«, große Teile der »Fridays«- und »Gut zum Leben«-Nischenbewohner, vom nationalen Verantwortungsbewusstsein der Linken und der Gewerkschaften gar nicht zu reden. Der »sanfte Flügel« weilt am Hindukusch und anderswo. Somit ist das Gute als wechselseitige gewaltbasierte gegensätzliche Benutzungsverhältnisse inklusive Krieg unter Staaten schon »immer und überall«. Wenn nur die äußeren Bösen nicht wären: Attali und Sachs reloaded. Werden innen regierende Böse ausgemacht, so sind sie deshalb welche, weil sie die edle Kunst, als Steuermänner des Besten seit der Erfindung von geschnitten Brot, des Staats, für ihn und damit uns gebührend verantwortungsvoll zu handeln, einfach nicht beherrschen – alles Pfeifen! Wir haben ein Menschenrecht auf Entschlusskraft von jenen, in deren Händen unsere Schicksale gleich dem eigentlichen Wohl der Nation liegen (also beim nächsten Urnengang anders wählen). Diese Gleichsetzung ist zwar gesetzlich kodifiziert und unantastbar, aber ihr wegen »isso« auch noch anzuhängen, ist nicht nur ein Fehler guten Meinens, sondern auch praktisch schädlich.

Der Schaden ergibt sich aus den schon angesprochenen alles andere als gemütlichen Verhältnissen nicht mehr kolonialistisch agierender Staaten zueinander; »wir« haben ein berechtigtes Interesse an Lithium etc. Warum berechtigt? Darum. Also her damit. Warum ist Frankreich nicht mehr unser Feind, wobei es für diese Revision zweier Kriege bedurfte? Weshalb bedroht uns die benachbarte »force de frappe« nicht, wohl aber das russische Arsenal? Ach so, das ist ja gar nicht mehr »europäisch«. Ja dann, auf geht’s. National besoffen ist das schon, ein Fall von »fuckwittage«, in der Sprache unseres Bündnisgenossen jenseits des Kanals formuliert – aber was soll‘s. »Wir« liegen nun mal richtig. Nur darauf kommt es an.

Die spannende Frage, für die auch medial beständig Verständnis geweckt wird, lautet bei den staatlichen Bilanzbuchhaltern des Todes: Wann lohnt »sich« das Umbringen? Im Falle einer Kapitulation ist die einfache Antwort, die Deutschland sich und der Welt schon zweimal erteilen musste: Gar nix hat uns unsere vormals edle Verteidigung gebracht (Mist!). Aber auch Sieger können zuweilen Haare in der Kriegssuppe finden; zum Beispiel Nachkriegsgroßbritannien, nicht seiner »Gefallenen« (oops!) wegen – die waren ja, der Prophezeiung »They shall not grow old« folgend, gut investiert (hooray!) –, sondern vor allem ob der historischen Ungerechtigkeit, vom unterlegenen »hun« mit einem »Wirtschaftswunder« überflügelt worden zu sein (»woe…, shame and scandal in the family«). Und die USA schließlich können es sich, da absoluter Gewinner und Macht Nummer eins, leisten, ihre Kriegsverläufe an ihren unbestrittenen Ansprüchen, an von ihnen frei definiertem Aufwand und Ertrag zu messen. Zum einen war der Ukrainekrieg kein Schuss in den Ofen, da er mit dem »Überdehnen Russlands« dieses einem strapaziösen »Stresstest« unterzog und ihm horrende Verluste abforderte sowie (leider, aber unumgänglich) dem Stellvertreter jede Menge Kollateralschaden bescherte (dies das Plus). Andererseits aber nimmt »les états unis, ce sont moi«- Trump seine Kriegskosten in den Blick und befindet, dass sie seinen Ansprüchen nicht genügen (dies das Minus). Er sieht nun nicht mehr ein, einen Krieg zu finanzieren, den er (nun für einen »Schwenk nach Asien«) als europäischen behandelt. Dabei wird er einer mit der NATO abgestimmten Aufrüstung der EU auf deren Rechnung wohl keine Steine in den Weg legen, »Friedensdeal« hin oder her.

Die kapitalistisch ausgreifend agierenden Staaten der Erde (man kann ihr Verhalten auch einer »unendlichen Menschengier« zuschreiben – egal, das Ergebnis wird dasselbe bleiben) sind die einzig tatkräftigen Umsetzer der Warnung »In Gefahr und größter Not bringt der Mittelweg den Tod«. Um diese Verirrung zu vermeiden, »müssen« sie, zugegeben ein bisschen extrem, für Tod sorgen. Etwas anderes helfe nun mal nicht. Oder? Vielleicht sollte man zur Abwechslung einmal etwas gegen Staatszwecke (statt gegen Pfeifen) haben.

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