30. September 2025

Leben wir in einem Patriarchat? – mit Kris Adlitz

Willkommen bei einer neuen Folge 99 ZU EINS. Heute habe ich wieder Kris bei mir, hallo.Wir haben vor Kurzen eine gemeinsame Folge mit dem Titel »Geschlechterungleichheit im Kapitalismus« gemacht, die sich auf das bezieht, was du in deinem Buch noch ausführlicher dargelegt hast. Wir gehen für unser heutiges Thema davon aus, dass viele erst mal […]
99 ZU EINS

Wie in der letzten Sendung: Auch heute soll es darum gehen, die Geschlechtermissverhältnisse besser zu verstehen. Ihre Kritik sollte aber meines Erachtens entlang der Sache geschehen, also ohne Parteilichkeit, ohne Glaubenssätze, ohne einen vorher z.B. normativ gewählten Standpunkt oder ohne sich selbst z.B. als Frau oder als Mann zum Ausgangspunkt zu nehmen. Entsprechend steht wieder alles zur Diskussion. Also was ist heute die Sache?

Schon die letzte Sendung fragte im Intro: Leben wir in einem »Patriarchat«? Heute soll es wirklich darum gehen, was das eigentlich heißen sein soll, wenn das jemand sagt. Ein Kritiker meines Vortrags in Hamburg merkte z.B. an: »Das Patriarchat ist älter als der Kapitalismus! Deal with it!«. Das soll im Folgenden geschehen. Dir widme ich diese Sendung.

Ansonsten gab es nach der letzten Sendung auch Beiträge, die nicht nur Glaubensätze äußerten, sondern argumentierten. Sie habe ich schon kommentiert; auf andere wird heute zurückgekommen.

Schon ein Blick in Wikipedia zeigt, dass der Ausdruck »Patriarchat« eine lange Geschichte und sehr viele Verwendungsweisen besitzt. Mich interessiert hier insbesondere die Gegenwart in Deutschland – genauer gesagt: ob oder in welchem Sinne es vernünftig ist, heute und hierzulande von einem Patriarchat zu sprechen und welche Folgen und Funktionen das hat.

Trotz dieses Fokus auf das Hier und Heute ist das Thema riesig. Daher haben wir uns entschieden, die Sendung in zwei Teile aufzuteilen.

Die Frage übrigens, ob ich andere oder vorherige Gesellschaften als patriarchal bezeichnen würde, kann ich aber auch gleich schon mal beantworten. Ja, das kann man unter bestimmten Einschränkungen machen. Ich lehne den Begriff also nicht prinzipiell ab. Aber das würde so ausufern und ist denke ich auch nicht so entscheidend, sodass wir es eben hier weglassen. Aber …

Zum sogenannten Übergang vom sogenannten Matriarchat zu patriarchalen Gesellschaften gibt es unter dem Text eine Fußnote. Diese geht auch ein auf den Übergang des sogenannten Patriarchalismus ins bürgerliche Recht im beginnenden 20. Jahrhundert – hierher speisen sich auch letztlich die Theorien von Öffentlichkeit und Privatheit sowie die Abspaltungstheorien. Wen das also interessiert, kann sich das ansehen, auch gerne kritisch kommentieren oder Fragen dazu stellen. Ebenso wird dort auch die Literatur genannt, auf die wir uns heute beziehen.

Wie oben schon angedeutet, geht es ja nicht um ein prinzipielles Ablehnen der Verwendung des Ausdrucks. Es geht darum, wie er verwendet wird und wozu. Diese verschiedenen Verwendungsweisen will ich im einzelnen betrachten und analysieren. Die allermeisten halte ich für problematisch, sie alle aber gleichzusetzen, macht keinen Sinn. Trotzdem gibt es Gemeinsamkeiten, die ich herausarbeiten will – und daher auch die Gliederung. Anfangen will ich, wie du schon gesagt hast, mit der

1. Alltägliche(n) Verwendung als moralische Kampfparole

Wenn der Ausdruck im (politischen) Alltag verwendet wird, dann zumeist wie eine Parole oder wie das Signalwort in einem Aufschrei. Hier wird was verkündet. Wer sagt, dass etwas patriarchal ist, der oder die erzeugt Aufmerksamkeit. Bei wem? Bei denjenigen, die an die Werte der Demokratie glauben und die Wirklichkeit ihnen weiter anpassen wollen, die quasi eine »wirkliche Demokratie« wollen – eben ohne personale Herrschaftsverhältnisse, wie ein Patriarchat. Der moralische, also an den Werten der Demokratie orientierte, Aufschrei skandalisiert die Verhältnisse. Was ich dagegen habe? Sie affirmieren so die Demokratie und kritisieren die wirklichen Gründe der Geschlechtermissverhältnisse nicht. Indem gegen Männerherrschaft gesprochen oder geschrien wird, wird nämlich implizit für die Ideale der Demokratie geschrien, nämlich für Gleichheit, für Freiheit oder ggf. auch für Geschlechtergerechtigkeit.

Wie in der letzten Sendung versucht wurde zu erklären, sind aber die Demokratie und ihre Wirtschaftsweise, und gerade auch ihre Ideale wie die Gleichheit und Freiheit, die Gründe für die Geschlechtermissverhältnisse. Die kritische Parole stützt also meines Erachtens letztlich den Glauben an die Verhältnisse. Die alltägliche Verwendung des Patriarchatsbegriffs will zwar die Verhältnisse angreifen – stabilisiert sie aber. Und das, ohne dass die KritikerInnen das wollen. Sie machen es aber trotzdem. Soweit mal die These.

Genau. Zuerst einmal zur (ich nenne es) nur praktisch gemeinten Verwendung des Ausdrucks.

Ich habe nichts dagegen, etwas als sexistisch oder patriarchal zu bezeichnen, wenn damit nur eine Gegnerschaft ausgedrückt wird. Wenn etwa jemandem über den Mund gefahren wird, weil er einen ätzenden Witz erzählt. Dann kann das ganz in meinem Sinne sein. Aber ob der Witz sexistisch oder patriarchal war, gemeint war, Ausdruck von irgendetwas sei? Na ja. Das kann man versuchen zu klären, muss und kann man im Alltag, z.B. beim Smalltalk, aber oft auch nicht klären. Das Verhalten einzelner zu erklären und zu missbilligen, das ist aber auch etwas anderes als Gesellschaftstheorie zu machen.

Diese nur praktisch-verurteilend gemeinte Verwendung des Ausdrucks (»So einen Witz zu erzählen, das ist patriarchal«), meint aber meistens mehr: Wenn irgendein Verhalten als patriarchal oder sexistisch bezeichnet wird, soll ja meist auch gesagt werden, dass das Verhalten typisch sei – typisch eben für ein existierendes Patriarchat! Der sexistisch zu bezeichnende Witz ist doch Ausdruck davon, dass Männer sich hierzulande so etwas systematisch herausnehmen können. Es skandalisiert eben nicht nur das Herabwürdigen oder Nicht-Beachten von Frauen, Homosexuellen o.a., sondern sagt auch, dass das grundsätzlich, im ganzen Land sozusagen, nicht so sein sollte. Wenn jemand z.B. sagt, dass etwas typische, sexistische Kackscheiße ist, ist sie oder er gegen Sexismus, klar. Aber mit dem Wörtchen »typisch« wird etwas Weiteres gesagt. Nämlich nichts anderes, als dass hierzulande Sexismus herrsche. 

Noch einmal: Wenn jemand z.B. ein sexistisches Stereotyp verurteilt, dann kann man nicht verlangen, dass die Sprecher_in eine vollständige Erklärung des kritisierten Verhaltens mitliefert. Das muss in einem Konflikt nicht sein, ist eventuell sogar hinderlich. Warum auch? Praxis und Theorie sind oft verschiedene Dinge. Im Folgenden geht es mir auch nicht darum, Ratschläge für eine Praxis, z.B. eine Rhetorik gegen sexistische Arschlöcher zu geben, sondern es geht mir um eine richtige Kritik der Geschlechtermissverhältnisse. Entsprechend geht es auch nur darum, darauf zu schauen, was in solchen Aufschreien und Parolen trotzdem an »Theorie« mittransportiert wird – und nur dagegen soll es im Folgenden gehen! 

Gucken wir sie uns an. Ich kenne vor allem drei Verwendungsweisen. Auf die werde ich eingehen. Und ich vermute, dass diese wohl alle HörerInnen kennen. Wer sie kennt, wer den Duktus der drei Verwendungsweisen kennt, wird mir auch Recht geben, dass hier mehr gemeint ist, als nur eine praktische VERurteilung eines Verhaltens; ich also nicht rum-spekuliere oder hinein-interpretiere.

Ich will zeigen, dass hier eine BEurteilung der gesellschaftlichen Lage vorliegt und diese wird am Ende bei allen drei Varianten dieselbe sein. Diese Beurteilung der Gesellschaft möchte ich als falsch bezweifeln.

Erstens die historische Variante: »Das Patriarchat gab es schon vor dem Kapitalismus. Also muss es auch extra bekämpft und abgeschafft werden« (= »Eurer Anti-Kapitalismus reicht nicht zur Analyse« sagt z.B. auch Ole Liebl, der halt nur statt vom Patriarchat zu sprechen viele komplexe Fremdwörter aufreiht und es »patriarchale Ideologie« nennt.).

Die Aussage ist also: Es gibt EIN überhistorisches Herrschaftsverhältnis, das ziemlich unabhängig vom Kapitalismus sei und die Tendenz hat, sich von selbst fortzusetzen.

Bevor man das prüft, fällt aber nicht nur mir hoffentlich doch etwas auf: Wieso wird eigentlich geglaubt, diese Aussagen würden jemandem sofort einleuchten? Ole behauptet das z.B. einfach so. Lena fragt leider nicht nach und fertig. Also wieso kann z.B. Ole erfolgreich darauf vertrauen, dass man ihm glaubt – ohne jede Begründung und ohne jedes Argument? Welche unmittelbare Einsicht wird da vorausgesetzt? 

Es wird vorausgesetzt, dass ja alle wissen, dass es früher auch Geschlechterungleichheiten zuungunsten von Frauen gab – so wie heute auch. Das sei doch bekannt. Und damit sei ja eh alles klar, wird suggeriert. Es ist aber eigentlich gar nichts klar … weil hier nämlich so was wie ein rhetorischer Trick vorliegt.

Ohne jede Begründung wird nämlich unterstellt, dass all diese tatsächlich offensichtlichen Ungleichheiten und unschönen Erscheinungen in Vergangenheit und Zukunft aus einem einzigen, riesigen Herrschaftsverhältnis resultieren würden, das Epochen-übergreifend sei und alles verursacht. Aber stimmt das – über all die Jahrtausende hinweg? Wohl kaum.

Fest steht: Dies ist definitiv die simpelste und banalste Weise sich die Geschlechtermissverhältnisse zu erklären. Vielleicht leuchtet es manchen deshalb ein. Solch ein Label erspart, gerade unpolitischen und mit Politik wenig befassten Menschen, das weitere Nachdenken – und als Bonus obendrauf zeigt man die »richtige Haltung« und ist ein toller »kritischer Zeitgenosse«.

Behauptet, auch ohne jede Begründung, wird so durch diese Verwendungsweise des Begriffs auch gleich: Die aktuelle Geschlechterungleichheit wird NICHT durch Kapitalismus und Demokratie verursacht. Das wird dadurch explizit ausgeschlossen, weil: Kapitalismus und Demokratie gab es ja früher nicht, das Patriarchat aber schon.

(Was diese Rede vom überzeitlichen Patriarchat auch leistet ist, dass man sich und seine Weltsicht abgrenzt und als eine ganz besondere kenntlich macht. So verschwindet auch, dass solche Urteile ziemlich primitiv sind, weil ja gleichzeitig gesagt wird, dass man wisse: Die aktuelle Gesellschaft ist echt kompliziert, eben beherrscht vom Patriarchat UND z.B. vom Kapitalismus.)

Ich mache gleich weiter mit der zweiten alltäglichen Verwendungsweise, die so ähnlich funktioniert. Nur wird hier räumlich gedacht. Die Aussage bzw. Parole heißt hier: »Das Patriarchat ist international«. Wer hat sie nicht schon auf Demos gehört.

Hier werden alle oder zumindest sehr viele aktuell existierende Gesellschaften gleichgesetzt über eine empirische Gemeinsamkeit: Überall gibt es zwar verschiedene Geschlechterungleichheiten, aber überall laufe es auf ein und die selbe Schlechterstellung von Frauen, von Homosexuellen und weiteren Geschlechtern hinaus – wieder werden mit dem selben rhetorischen Trick die verschiedenen Ungleichheiten gleichgesetzt und zu einem einheitlichen, jetzt internationalem Herrschaftsverhältnis gemacht. Es wird also wie oben gedacht – nur nicht Gesellschaften, die hintereinander kamen verglichen, sondern welche, die zeitgleich existieren.

Auch diese Parole soll offensichtlich für sich sprechen und unmittelbar einleuchten. Es wird unterstellt, dass einem eh klar sein sollte, dass Geschlechterungleichheiten aus ein und demselben Herrschaftsverhältnis resultieren, eben aus dem Patriarchat. Dass das Patriarchat international organisiert sei, macht es natürlich umso riesiger, komplizierter, geheimer und letztlich böser. Aber: Auch nur eine Andeutung, wie das sog. internationale Patriarchat wirklich funktioniert, das fehlt. Was man einer Parole nicht unbedingt vorwerfen muss, ok.

Die Antworten sind dann nach meiner Erfahrung immer ähnlich. Es wird nämlich selten wirklich geantwortet, sondern … es wird von mir Parteilichkeit eingefordert. Eine Analyse oder auch nur ein paar neue Begriffe kriegte ich selten. Vermittelte ich (warum auch immer) vielleicht sogar den Eindruck, es könnte eventuell kein überzeitliches, internationales Patriarchat geben, ja dann kam Empörung auf. Ich sei wohl blind; oder es wurde sogar gesagt, dass ich Teil des Patriarchats sei … ein Mann eben.

Aber zurück zu den beiden Weisen der Verwendung. Ihre implizite Logik funktioniert, wie gezeigt, eigentlich gleich: Erst wird aus empirischen Daten heraus ein Begriff des Patriarchats gemacht (; ein vorgefertigter Aufkleber drauf geklebt). Dann wird dieser Begriff ausgedehnt, historisch und/oder räumlich, so weit, dass kein Widerspruch mehr möglich scheint.

Ja. Die Dritte Variante der Verwendung nun ist nach meiner Erfahrung die häufigste Weise, wie die Diagnose »Patriarchat« verwendet wird. Hier ist Nachfragen nach einer theoretischen Vermittlung oder nach Argumenten auch am schwierigsten, am verpöntesten. Es ist, wenn sexuelle Belästigung oder Gewalt angeklagt wird und neuerdings auch, wenn die Sprache gegendert werden soll. Auch hier wird gesagt, es läge »Herrschaft« vor oder »Macht«. 

Wer sagt, z.B. beim Thema Kindermissbrauch, da gehe es doch um Macht, nur um Macht, so jemandem darf man nicht widersprechen. Hier sei doch damit schon alles Wichtige gesagt. Das sei Herrschaft oder eben Macht und fertig ist die angebliche Analyse.  

Die Parteilichkeit ist wieder der Ausgangspunkt. Hier richtet sich das schon gefällte Urteil, die Anklage, aber nicht gegen die  Gesellschaft, sondern explizit gegen Menschen, die als Einzelne gedacht werden, gegen deren Fehlverhalten und deren mangelhaften Charakter, deren Willen zur Macht oder deren angebliches Krank-Sein. Die Gesellschaft interessiert gar nicht mehr, ist komplett aus der Betrachtung verschwunden. Die Angeklagten werden sofort moralisch verurteilt, ohne Rede von einem internationalen oder überhistorischen Patriarchat. Was rechtfertigt das? Ja, klar, hier liegt ja ein besonders schlimmes Vergehen vor, da braucht man dann gar keine Begründung mehr – noch nicht mal anzudeuten.  

Diese Art anzuklagen, die kennt man ja auch, wenn es um rassistisches, homophobes oder antisemitisches etc. Verhalten geht. Fragt man hier nach, trotzdem man schon weiß, dass man das eigentlich nicht darf, und verlangt eine Gesellschaftstheorie als Rechtfertigung, ja, dann scheint man verrückt oder als Teil des Bösen.

Aber nicht immer. Manchmal erfährt man wieder: Unsere Gesellschaft ist eben ein Patriarchat. Missbrauch, Vergewaltigung oder sexistische Sprache seien eben Ausdruck von diesem. Womit wir wieder bei den Varianten eins und zwei wären mit ihrem Trick, Ungleichheiten und Herrschaftsverhältnisse in Eins zu setzen – zu dieser dünnen bzw. leeren Abstraktion »Patriarchat«.

Ja genau. Dieser Trick setzt sich bei vielen Menschen, die so den Patriarchatsbegriff verwenden, noch weiter fort. Ja, sie entwickeln so ein ganzen Weltbild bzw. ihre Vorstellung der Gesellschaft.

Sie erklären einem, dass es nicht nur das Patriarchat gibt. Sondern ganz viele Herrschaftsverhältnisse. Und deren Zusammenwirken sei sehr kompliziert, hochkomplex sogar, alle diese Ungerechtigkeiten hängen nämlich alle irgendwie voneinander ab …  

Ole Liebl sagt übrigens in seiner Folge zu Beginn über den Queerfeminismus, als er ihn definiert und so verteidigen will, dass dessen Gesellschaftssicht genau so sei. Auch er sagt, die Gesellschaft sei »hochkomplex« – womit natürlich gar nichts gesagt ist, außer eben, dass man selbst toll sei, weil man das nämlich verstanden habe. Aber was hat er eigentlich verstanden? Das sagt er nicht, sondern begnügt sich mit dem Hinwerfen von hochkomplexen Wörtern. Was ist das? Es ist eine Art Esoterik. Man selbst besitzt den Zugang zu geheimem Wissen usw.

Aber zurück zum eigentlichen Gedankenfehler: Das ungemein Praktische dieser gar nicht komplexen Verwechslung von Empirie und Herrschaft ist, dass man sich selbst darin prima verorten kann. Nicht nur die selbst erfahrenen Ungerechtigkeiten, sondern sich selbst kann man nun einordnen. Die ganzen angeblichen Herrschaftsverhältnisse bilden nämlich eine Art großes Raster von z.B. 4×4 oder 7×7 Feldern. Auf diesem Raster findet man seine Position, in die kann man sich dann selbst einordnen kann. Ist man eine schwarze, behinderte Frau, steht man auf Feld D3, ist man ein jüdischer Schwuler, auf Feld E6 usw.

Was man durch so eine Theorie also gewinnt, ist: Jetzt weiß man, wo man ist, hat eine Identität. Und man weiß nicht nur, wo der Feind steht (A1 weißer, alter Mann…), sondern auch, wer einem nahe steht, und kann mit denen feiern oder demonstrieren oder am besten beides gleichzeitig. 

Und man ist tolerant: Alle, die auch an diese hochkomplexen Herrschaftsverhältnisse glauben, dürfen natürlich auch mit ihrer Identität ihre Demos und Feiern machen. Das respektieren wir, weil wir sind bunt ….

Hier wie bei den beiden obigen Verwendungsweisen ist dann ein hermetisches argumentatives System, ja eventuell ein Lebensstil entstanden, was aber auf dem einen oben schon besprochen Gedankenfehler basiert: Aus einer empirischen Ungleichheit wird auf ein Herrschaftsverhältnis geschlossen – oder eben auf vier oder sieben. Und fertig. Glaubst du dran, gut. Glaubst du nicht dran, dann bist du letztlich Teil der Herrschaft, gehörst nicht zu uns; bist intolerant. Es wird einem sogar Aggressivtität vorgeworfen usw. Aber: Wir repräsentieren den Respekt – darauf sind wir stolz, auf uns können wir deshalb stolz sein, sind wir stolz. (Auch wenn wir sonst nichts zu lachen haben, hier sind wir witzig, charmant und eloquent.)

Genau. Und es ist schon extrem seltsam, wenn sich jemand hinstellt und behauptet, diese Gesellschaft zu kritisieren, und dabei kommt nur heraus, dass diese echt komplex ist. Yo.

Alle drei alltäglichen, politischen Verwendungsweisen stellen aus meiner Sicht keine Kritik dar. Sie dienen dafür, moralisch anzuklagen und sich eine eigene politische Identität zu geben. Aber was hat das mit der Demokratie zu tun, wie oben in der These behauptet? Um dies zu verdeutlichen, sei daran erinnert, dass die Rede vom Patriarchat fast immer als eine Art Protest, oder genauer gesagt, als Skandalieren daherkommt.

Wenn man moralisch skandalisiert, ja dann setzt man darauf, dass alle dieselben Werte haben, die man selber hat und hier einfordert. Sonst wäre es kein Skandal. Schreit man, dass etwas ein Skandal ist, jemand ein »sexistisches Schwein« ist, ja dann setzt man darauf, dass das doch eigentlich alle anderen auch verurteilen müssten. Man will die bestehenden Verhältnisse auf diese Weise, also durch dieses Skandalisieren, positiv verändern. Wie? Man stellt sich dazu auf den Boden ihrer Werte – man klagt Gerechtigkeit, Vielfalt, Respekt (oder Gendergerechtigkeit) ein. Dies käme hier zu kurz.

Kritisch über die Verhältnisse nachzudenken wird so aber eigentlich verhindert. Das Urteil über alles ist nämlich, implizit, schon gefällt. Es ist ein Werturteil: Das fragt nur nach dem, wer (es personalisiert) schuld ist (also moralisch angelegt). Es fragt nicht nach dem, warum etwas ist, wie es ist. Das halte ich für problematisch, wenn die Parole vom Patriarchat moralisch verwendet wird.

Erst wenn man von einer Verurteilung zu einer Beurteilung übergehen würde, einer Beurteilung, die den Namen verdient hat, dann käme man zu einer Kritik der Geschlechtermissverhältnisse. Moralisches Anklagen ist keine Kritik bzw. es ist eigentlich schon eine, nämlich genau die Art Kritik, die die Demokratie braucht und die sie sich wünscht, um fortzubestehen.

Genau! Dazu möchte ich etwas ausholen. Womit wir zum Kapitel

2. Das Patriarchat: eine geschichtliche Notwendigkeit?

kommen.

Terra X, die bekannte Dokumentationssendereihe des ZDF, versucht, die aktuelle Forschungslage zum Ursprung des Patriarchats darzustellen. Mit dem Titel »Warum wir im Patriarchat leben« wird nahegelegt, dass wir immer noch in einem Patriarchat leben und dies historisch erklären können. Der Titel unterstellt auch, dass das Patriarchat quasi automatisch bis heute weiter existiert, handelt dann aber vor allem davon, wie das sog Patriarchat entstand. Schaut man sich die Sendung an, dann erfährt man einiges Interessante über die Zeit, als bestimmte Menschengruppen sesshaft wurden, die Zeit des Holozän, und wie sich in ihnen die Geschlechterverhältnisse wandelten. Wie im Titel wird aber im Fortgang der Sendung etwas unterstellt: Nämlich, nicht nur dass dieser Wandel für die Menschheit maßgebend ist, sondern auch, dass dieser Wandel quasi naturwüchsig ablief, also auch das so genannte Patriarchat automatisch entstand und auch irgendwie bis heute weiterbestehen muss – eine geschichtliche Notwendigkeit.

Typisch für die Geschichtswissenschaft … 

Dem ist zunächst entgegenzuhalten, dass Geschichte nicht notwendig, also automatisch oder nach einem Gesetz abläuft. Nur immer im Nachhinein kann jemand, fälschlicherweise, behaupten, dass es ja so kommen musste. Dass das Quatsch ist, das sieht man dann sofort, wenn man dieselbe Person fragt, wie es in der Geschichte denn so weitergehen wird. Dann weiß diese schon nicht mehr weiter. Die Ungleichzeitigkeiten in der Geschichte und die Gesellschaften, in denen kein sog. Patriarchat entstand, zeigen zudem, dass es eben keine Notwendigkeit oder gar ein entsprechendes Gesetz in der Geschlechtergeschichte gibt. Wie sonst auch.

Ich mache dazu mal ein paar Vergleiche. Dass sich Kategorien der Ungleichheit von Gruppen nicht automatisch fortschreiben, dafür gibt es viele Beispiele. Man kann es etwa gut am Gegensatz von Protestantismus und Katholischer Kirche sehen: Im 17. Jahrhundert hat sich noch ganz Europa wegen dieser Frage gegenseitig massakriert – und heute ist der Gegensatz weitgehend bedeutungslos! Ein anderes Beispiel sind die Adeligen, die heute eher belächelt werden und von denen man früher den Kopf abgeschlagen bekam, wenn man nicht gebuckelt hat. Oder, weiteres Beispiel: Wenn man heute den Witz macht, man glaube weder an den Weihnachtsmann noch an den lieben Gott, dann halten das die meisten für einen schlechten Witz, aber man wird dafür nicht gleich umgebracht.

Mein Angebot, meine Gegenthese gegen den Geschichtsdeterminismus, lautet: Nur wenn die aktuell dominante Herrschaft ältere Herrschaftsformen braucht und untergeordnet integrieren kann (und nur dann), dann bestehen sie fort – aber untergeordnet und meist modifiziert. Wenn also der bürgerliche Staat und seine Ökonomie irgendeine personale (=an Personen und ihren Eigenschaften festzumachende) Benachteiligung prinzipiell brauchen würde, dann würde sie fortbestehen. Die perfekte Form der bürgerlichen Herrschaft, die Demokratie, braucht sie aber nicht. Männerbünde wie die katholische Kirche oder türkische Ringervereine sind marginale Ausnahmen – und werden in dieser Hinsicht kritisiert und langsam reformiert. (In bürgerlichen Staaten des Südens oder Ostens mag dies anders sein – was aber auch dort erklärlich ist und kein Argument dafür, dass sich »das Patriarchat« dort, eben international, immer notwendig durchsetzt.)

Hinweisen möchte ich auf eine weitere Auffälligkeit eines solchen deterministischen Verständnis eines Fortbestehens eines uralten Patriarchats. Ist es nicht schräg, wenn einerseits gesagt wird: Das Patriarchat sei irgendwann entstanden und schreibt sich seitdem naturwüchsig fort. Andererseits ist es doch aber so, dass diejenigen die diesen Begriff vom Patriarchat benutzen, es ja abschaffen wollen. Sie sehen sich als Gegner_innen des Patriarchats, bekämpfen es und so ist es doch unlogisch anzunehmen, dass sie davon ausgehen, dass sich das Patriarchat automatisch fortsetzt.

(Diese unlogische Rede von einem historisch-notwendigen, Jahrtausende alten Patriarchat ist aber nicht auf Feministinnen beschränkt. Auch viele Linke und schon Friedrich Engels z.B. in seiner Schrift »Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats« unterstellen, dass die Geschichte deterministisch abläuft. Oder Max Weber, der den Patriarchalismus als eine Herrschaft begreift, die sich aus der Tradition legitimiert. Auch bei Pierre Bourdieus Begriff des symbolischen Kapitals spielt die Tradition eine zentrale Rolle.)

Nicht nur ich halte diese Ideen eines vorbestimmten Wegs oder Ziels der Geschichte für falsch. Hier renne ich vermutlich offene Türen ein, da diese Ansicht vermutlich die meisten linken Menschen teilen. Nur redet trotzdem jeder und jede von »einem tradierten, uralten Patriarchat« als wäre »Tradition« eine Begründung eines eigenständigen Herrschaftsverhältnisses … ist es nicht.

Ja, das ist schon wirklich seltsam. Weil: Diese Antwort, also, diese und jene unschöne Erscheinung zwischen den Geschlechtern, kommt vom Patriarchat, ist die Folge/Ausdruck des Patriarchats, kommt daher, weil wir immer noch in einem Patriarchat leben. Diese Antwort ist ziemlich einfach. Polemisch gesagt: Diese Antwort ist billig: Aufkleber drauf, fertig.   

Schaut man sich nur mal an, wie sich Männer, Frauen sowie weitere Geschlechter und ihr Verhältnis in Europa historisch verändert haben, dann kommen doch eigentlich sofort Zweifel auf, ob es sinnvoll ist, von einem Patriarchat zu sprechen. Gleich geblieben ist da über die Zeit nämlich eigentlich gar nichts: Weder was als männlich galt oder als weiblich, selbst bei den körperlichen Attributen, noch, ob es einen Wechselmöglichkeit des Geschlechts gab oder weitere Geschlechter. Das variiert ziemlich stark. Geht man raus aus Europa und untersucht und betrachtet sog. andere Kulturen sowieso und noch viel mehr. Gesellschaftsübergreifend oder überhistorisch von einem Patriarchat zu sprechen, ist schon ziemlich gewagt – und verhindert das Nachdenken. Es legitimiert auf äußerst zweifelhafte Weise die eigene Identität im feministischen oder queeren Kampf – und wie? Durch ein Plädoyer für Gleichheit, dem Ideal der Demokratie und des Warentauschs. 

(Hinweisen möchte ich hier noch, bevor wir zur akademischen Patriarchatstheorie kommen, auf das Kapitel 3 und den Exkurs zur Frauenbewegung in meinem Buch. Dort wird weitaus genauer als hier gezeigt, wie die weit verbreiteten Patriarchatsvorstellungen mit der Grund dafür sind, dass ein Großteil der feministischen Praxis permanente Widersprüche hervorbringen bzw. demokratische Affirmation endet.) 

Noch eine Zwischenbemerkung: An der parolenhaften Verwendung des Patriarchatsbegriffs setzen ja auch die anti-femistischen Männerrechtler an, genau wie die politisch Rechten, auch rechte Frauen: Sie benutzen die offensichtlichen Probleme der Patriarchatsparolen und machen die Menschen, die sie vertreten, lächerlich. Letztlich verallgemeinern sie dann auf den ganzen Feminismus oder die ganze Linke, um diese zu dissen.

Diese Streits, moralische Vorwürfe hin und her, dieses überflüssige gegenseitige Dissen ist so häufig, kommt so oft vor, ja warum? Weil sich hier rechte BürgerInnen und linke BürgerInnen gefunden haben, im Streit gefunden, man braucht einander. Man macht sich gegenseitig moralische Vorwürfe und stärkt dabei das eigene Ego. Aber darauf will ich nicht näher eingehen. Es nervt mich zu sehr. …

Auch hier soll wieder etwas ausgeholt werden, bevor dann schließlich auch noch mal zur erwähnten, aktuellen Diskriminierungsforschung zurückgekommen wird. Ich nenne das nächste Kapitel

3. Ist »das Patriarchat« ein analytisches Konzept?

nach einem Artikel von Ute Gerhard. Sie war die erste Inhaberin eines Lehrstuhls für Frauen- und Geschlechterforschung in der Soziologie (2004 emeritiert) und ist bis heute eine der prominentesten Feministinnen Deutschlands. Gerhard begreift in diesem Artikel von 2019 das Patriarchat nicht nur als eine sinnvolle Kampfparole, sondern auch als ein analytisches Konzept, wie sie das nennt. Im Folgenden soll »Patriarchat« also als »analytisches Konzept« betrachtet werden.

Gleich vorweg: Bei der Durchsicht der vielfältigen Literatur wird herauskommen, dass der Ausdruck Patriarchat im aktuellen wissenschaftlichen Feminismus nicht mehr so hoch im Kurs steht, wie er es früher tat. Das wird aber nicht gerade laut verkündet, weil es nämlich dem Feminismus bis heute schwer zu schaffen macht, dass er sogar intern in Frage gestellt wurde (Stichwort: Postfeminismus). Der Ausdruck ist ja grundsätzlich mit der Identität des Feminismus verbunden, Grundlage seines politischen Selbstverständnisses. Nächste Sendung … 

Anders gesagt: Wer, wie auch ich den Patriarchatsbegriff in Frage stellt, auch wenn ich noch so sehr gegen die Geschlechtermissverhältnisse bin, der und auch die wird mit kräftigem Gegenwind rechnen müssen.

Ok, kommen wir zur Begründung des Zweifels und schauen uns zentrale analytische Konzepte einmal an – wieder nur bezogen auf das Hier und Heute.

Und fangen wir aufgrund des zu erwartenden Gegenwindes mal ganz langsam an, nämlich da, wo man vermutlich schnell Einigkeit herstellen kann, mit der wörtlichen Übersetzung von Patriarchat, also: väterliche Herrschaft. Diese Bedeutung, dass Väter die Herrschaft hierzulande ausüben, dazu versteigt sich eigentlich niemand. Noch alle wissen erstens ökonomisch, dass Väter im Beruf von ihren Arbeitgebern besser erpresst werden können als Nicht-Väter sowie, dass Väter über dutzende Gesetze gezwungen sind, für den Nachwuchs zu sorgen und so weniger frei sind als Menschen, die keine Familie zu versorgen haben. Zweitens: Auch im Kulturellen ist allgemein bekannt, dass junge Menschen die Schönheitsideale prägen und nicht diejenigen, die in die Jahre gekommen sind. Drittens: Mögen früher die Rechte der Väter, z.B. im Erbrecht, größer gewesen sein als die der Mütter, heute hat der bürgerliche Staat alles, auch das Erbrecht komplett egalitär organisiert. Auch in Fragen der Erziehung haben heute Väter nicht mehr Rechte oder mehr Macht als Mütter. Niemand kann heute noch ernsthaft von väterlicher Herrschaft sprechen. Und auch, wenn es noch so viele Streits zwischen Vätern und Müttern um die elterliche Sorge gibt – auch hier haben weder die einen noch die anderen die Macht. Wer hier einen Rechtsstreit gewinnt, gewinnt ihn nur durch den Rechtsstaat, der herrscht hier. Er kann auch beiden Eltern deren elterliche Sorge entziehen – nach seinen Kriterien.

(Zwischenbemerkung: Ich klammere aus der Fülle an Literatur Weiteres aus, was es auch noch als sog. Patriarchatstheorien gibt: Diese verwenden den Begriff nur für die Familie)

Die Familie sei patriarchal und daraus folge der autoritäre Charakter, heißt es z.B. in der Kritischen Theorie. Oder: Die Familie in bestimmten muslimischen Gesellschaften sei patriarchal. Was theoretisch wieder andere Quellen hat. Oder: Bei Max Weber wird die patriarchale Familie sogar zum typischsten Fall einer besonderen Form von Herrschaft, der traditionellen Herrschaft.

Jeweils wird die Familie allein betrachtet, aber natürlich auch als irgendwie bedingt angesehen – das wird aber meines Wissens jeweils nicht erklärt. Immer bleibt unklar, wie es eine patriarchale Familie geben kann, wenn außen herum aber eine irgendwie anders strukturierte Gesellschaft sein soll. Aufgrund dieser theoretischen Großbaustellen dieser Theorien gehe ich hier erst gar nicht auf sie ein – was nicht heißen soll, dass ich die Fragen nicht interessant finde und man ihnen mal wo anders nachgehen könnte.

Ich will im Folgenden jetzt nicht einzelne AutorInnen einzeln besprechen, die halte ich als Personen für unwichtig. Ich möchte typische Fehler erklären, aber nicht als individuelle Fehler, als Fehler nur von einem/r AutorIn. Es geht mir im Folgenden wieder um die typische, typisch falsche Verwendungsweisen des Begriffs – diesmal in der Wissenschaft.

Es findet sich wieder der von oben schon bekannte Zweischritt. Erst werden die Daten genannt, dann wird behauptet, diese seien Ausdruck des Patriarchats. Nun wird aber eine Vermittlung zwischen beiden behauptet, also eine Erklärung versucht. Dies wird unterschiedlich gemacht.

Schritt eins: Um aber wissenschaftlich und neutral zu klingen, wird zunächst von Sozialer Ungleichheit gesprochen, nicht von Ungerechtigkeiten. So heißt die zuständige Abteilung in der Soziologie. Die Sozialstruktur wird nach Unterschieden durchsucht und so Menschengruppen konstruiert, die statistisch ungleichen Zugang zu sozialen Positionen haben. Ungleiche »Möglichkeiten der Teilhabe« wird das auch genannt, obwohl die Möglichkeitsbedingungen oder Zugangswege gar nicht untersucht werden, sondern nur die unterschiedliche, statistische Teilhabe festgestellt wird – z.B. von Männern und Frauen. 

Jeweils wird aber zunächst zwischen allen Männern und allen Frauen unterschieden und festgestellt, dass die dabei festgestellten Ungleichheiten signifikant häufig vorkommen. Es wird also statistisch ausgezählt, wie viel Geld die beiden Genusgruppen haben; es wird gemessen, wie viel freie Zeit beide Gruppen haben; es wird erfragt, wer erlebt wie viel Gewalt und welche; es wird herausgefunden, wer bekleidet welche Posten, wer studiert was usw. Diese statistischen Daten ergeben zusammengenommen bekanntlich, dass alle Männer zusammen statisch mehr Vorteile hierzulande haben als alle Frauen, zusammengenommen zu einer Gruppe. Anders gesagt: Der so konstruierte Durchschnittsmann hat also mehr Geld, mehr Eigentum, mehr freie Zeit, weniger Erfahrungen sexueller Gewalt usw. als die konstruierte Durchschnittsfrau. Dies ist natürlich nur ein Teil der Soziologie der Soziale Ungleichheit.

Wo ist das Neue? Diese Konstruktion eines Durchschnitts, dieses professionelle Sammeln und Ausrechnen, das unterscheidet diese Forschung vom Alltag und dessen Sammeln von Erfahrungen über Männer und Frauen.

Selbstverständlich gibt es auch Zwischenformen von Alltag und Wissenschaft, in denen alltägliche Erfahrungen und Statistiken kombiniert werden. Die findet man in der Belletristik, sog. Sachbüchern, aber auch wissenschaftlichen Büchern. Letztere betrachten z.B. auch gerne, die Texte ihrer Zunft: Zeigen, wie frauenfeindlich die Altvorderen waren. Aber bleiben wir mal bei der klassischen Theoriebildung, die mit dem Sammeln von statistischen Daten anfängt. 

Es folgt Schritt 2: Die statistischen Durchschnitte werden nun umgedeutet. Sie werden als ein System betrachtet. Da sich jeder Ansatz vom anderen unterscheiden muss, heißt das System dann mal Herrschaftsform, Dispositiv, Rhizom, Regime, hegemoniale Struktur oder Matrix. So wie Moden gibt es da immer wieder was Neues und immer wieder Rückgriffe auf das Alte…

Schritt 3: Die Zahlen werden als Bestätigungen des Systems gesehen, als Ausdruck dessen angesehen. Die Menschen sind Verkörperungen von angeblich vorhandenen Werten, Modellen, Figuren oder es wird noch eine Typologie entworfen. 

In der Psychologie sind diese Konstruktionen in den Menschen hinein verlegt. Es sind Erwartungen, Haltungen oder angeblich vorhandene Stereotype, die uns angeblich so handeln lassen, wie wir handeln. (Auch wieder ein falscher Determinismus.) Aber egal, wie es theoretisch daherkommt, immer findet die Begründung dieser Begriffe so statt, dass sich auf die Statistiken bezogen wird. Sie werden eigentlich nur unterschiedlich aufgeblasen.

Ein klassisches Beispiel, das vielleicht Viele kennen, ist, wenn gesagt wird, dass die Zahlen zur Familie angeblich eine  geschlechtliche Arbeitsteilung seien, dann wird eine Art Rollentheorie für die Familie entworfen: Es wird so getan, als ob es einen großen Plan aller gäbe, allgemeine Erwartungen eben, dass Männer lohnarbeiten gehen und Frauen die Familie plus Teilzeit machen. Dies zeige sich daran …. und dann kommen die Daten wieder neu sortiert erzählt, sortiert nach Mikro-Meso-Makro-Ebene oder wie auch immer. Diesen Masterplan einer sog. geschlechtlichen Arbeitsteilung gibt es aber gar nicht. Und lässt sich z.B. auch in Umfragen nicht finden. Er wird einfach nur aus der Statistik abgeleitet – falsch abgeleitet. Und dann als Erklärung dahergebracht, warum die Statistik so ist, wie sie ist.

Dasselbe gibt es auch zum geschlechtssegmentierten Arbeitsmarkt, wir haben es in der ersten Sendung schon besprochen. Es werden erstens Durchschnittsmännerberufe und Durchschnittsfrauenberufe konstruiert sowie zweitens daraus Erwartungen an die Geschlechter konstruiert. Diese begründen rückwärts dann die angebliche Segmentierung des Arbeitsmarkts. Eine typische Tautologie. 

Problematisch daran ist, dass Männer und Frauen eigentlich keine Gruppen im Sinne eines Herrschaftsverhältnisses sind. Ihr Geschlecht macht sie nicht zu sozialen Gruppen von Herrschern und Beherrschten. Nur wenn sie aus irgendeinem Grund zu solchen Gruppen gemacht würden, eben z.B. durch eine Form von Herrschaft, dann könnte eine Theorie draus werden. 

Hier, wie wir es schon bei den Kampfparolen oben schon kennen, wird aber nur unterstellt, diesen Grund gäbe es. Wenn von Geschlecht als Struktur- oder Ordnungskategorie gesprochen wird, dann sind die Belege rein empirisch: Es wird suggeriert, die Daten zeigen unmittelbar, dass ein Herrschaftsverhältnis vorliegt.

Aber langsam voran: Was ist das? Was ist eigentlich ein Herrschaftsverhältnis – was hier unterstellt wird? Ich versuche mal einen möglichst einfachen, formalen Begriff zu formulieren, um Verständigung zu ermöglichen.

Eine Herrschaft, oder als Fremdwort: ein Archat, ein PatriArchat, einen Zentrismus, einen androZentrismus oder eine Archie, eine hierArchie zu behaupten heißt, einen allgemeinen Herrschaftsmechanismus zu unterstellen, dessen Ziel, bzw. subjektiv gesagt, dessen Zweck die Bevorteilung hier von Männern ist und sei es nur zum Vorteil bestimmter Männer, also eines Teils aller Männer, der sog. hegemonialen oder toxischen Männer. Einen allgemeinen Zweck/ein Gesetz braucht es. Dies gilt es zu begründen. Die Gruppen sind nur die Folge. (Wertgesetz, Kapitalakkumulation, dann Klassen)

Da es ja hier um die Begründung einer personalen Herrschaft geht, werden also entsprechend der Herrschaft typische Postionen, Gruppen konstruiert und behauptet. In diese ist man hineingeboren oder durch andere Mechanismen der Zugehörigkeit, z.B. durch die Religion der Eltern, eingemeindet. Mehr oder weniger eng, restriktiv oder flexibel können dann die Situationen der Einzelnen in den Gruppen sein. Beide Postionen befinden sich aber zueinander in einem Verhältnis von »Herr und Knecht bzw. hier Magd«, daher ja auch die Rede von HERRschaft.

Ja, genau, weil klar ist ja, dass nicht alle Männer böse sind. Viele kann man sogar liebhaben. Aber ist das schon ein Einwand gegen die Theorien männlicher Herrschaft. Nein, so schnell kann man sie nicht kritisieren.

Und die weiß ja auch: Nur weil jemand in irgendeiner Position ist, heißt das ja noch lange nicht, dass er oder sie als diese Position handeln muss. Also kann man solche lieben Männer oder ein bestimmtes Verhalten von diesen nicht als Beweis anführen, es gäbe ja gar kein Patriarchat.

Ich wollte hier nur einigermaßen genau sein und kenntlich machen, dass man mitdenken muss, die Theorien männlicher Herrschaft immer differenzieren zwischen vielen Positionen von Männern und Frauen und neuerdings weiteren Geschlechtern. Nur so kann diese Theorie sich am Leben halten – eben als »hochkomplex«. Sonst wäre sie schon längst unglaubwürdig.

Trotzdem werden in einer Theorie personaler Herrschaft immer eine Größe Nähe der Positionen zu den Personen angenommen. Es wird von Erwartungen, Diskursen oder einfach der Sozialisation gesprochen, um dies angeblich zu belegen.

Vielleicht nochmal: Was passiert da eigentlich, wenn man es mal methodisch betrachtet? Dabei werden die gefundenen Zahlen tautologisch verdoppelt. Die angeblich erklärenden Rollen oder Diskurse sind ja nichts anderes als die Durchschnittswerte oder irgendwelche Konstruktionen von Stereotypen, ob in der Familie, auf dem Arbeitsmarkt oder gesamtgesellschaftlich oder sogar international. Das Verhalten wird als funktional erklärt; aus den angeblichen Verhaltenserwartungen. Die Verhaltenserwartungen sind aber letztlich nichts anderes als aufsummiertes Verhalten.

Dieses Fehldeuten und Mitmachen beim Stereotype-Nacherzählen wird durch solche Vergleiche aktiv MITbetrieben und so eigentlich an den Verhältnissen mitgebaut.

Das wird nicht nur von mir herausgestellt und kritisiert – auch der wissenschaftliche Feminismus hat das teilweise zumindest gesehen und kritisiert. Diese Ansätze heißen sozialer, diskursiver usw. Konstruktivismus und reden immer davon, die Kategorien Mann und Frau zu dekonstruieren. Die Stereotype nachzuerzählen, indem man z.B. von Rollen spricht, davor warnen diese Theorien meiner Meinung nach richtigerweise.

Zwar kann man die Menschen verbal zu zwei oder auch drei oder vier Geschlechtergruppen machen und beispielsweise alle Cis-Frauen Cis-Frauen nennen. Man kann auch von mir aus sagen, dass Hetero-Männer und Hetero-Frauen Gruppen sind, weil sie (wie auch immer) sexuell aufeinander bezogen sind. Oder um es zu karikieren: Man kann sagen, Männer und Frauen sind Gruppen, weil sie unterschiedliche Toiletten benutzen. Kann man schon mal sagen. Aber: Das alles macht sie nicht zu Gruppen im Sinne eines Herrschaftsverhältnisses.  

Es macht sie nämlich nicht zu einheitlichen Subjekten der Gesellschaft. Als Akteur_innen oder Subjekte sind die Geschlechter, welche auch immer, nicht organisiert. Woran sieht man das? Es gibt keine relevante Organisation mehr, in deren Satzung steht, dass sie Männer bevorteilen will oder Frauen ausschließen. Und von einer geheimen Verschwörung zu Herrschaftszwecken ist wohl auch nicht auszugehen – zumal alle Gewaltmittel beim Staat liegen, der Gleichheit befielt. 

Was auch fehlt für eine Bestimmung als Gruppe im Sinne eines Herrschaftsverhältnisses ist, dass kein Begriff der Herrschaft vorliegt, also z.B. nach welchem Prinzip die Ausbeutung der Einen durch die Anderen stattfindet. 

Ich habe es jetzt glaub ich schon mehrfach gesagt: Alle Männer und alle Frauen werden nur durch Statistik gleichgemacht, eine andere Weise, sie theoretisch zu begründen, hat bisher nicht geklappt. Damit meine ich z.B. die Rede von der unfairen Arbeitsteilung in der Familie oder die Rede einer sexuellen Ausbeutung oder die tautologische Behauptung, der geschlechtssegmentierte Arbeitsmarkt sei zentrale Ursache des Gender pay gaps. 

Diese Ungleichheitsforschung schafft vor allem Zahlen.Damit wird aber letztlich und fälschlicherweise nahegelegt, dass »die Männer« Geld, Eigentum, Zeit und Gewalt usw. irgendwie im Griff haben und ihre Besserstellung managen. So wird auch hier eigentlich wieder Nachdenken verhindert und nicht ermöglicht. Genauso wie wenn jetzt doch manchmal der Patriarchatsbegriff ins Spiel kommt – und die ungleichen Rollen Patriarchat genannt werden. Theoretisch kommt da nichts mehr dazu. Das ist dann ja nur noch Parteilichkeit und eigene Identitätssuche. Das hat die (etablierte) Wissenschaft nicht nicht (mehr …) nötig. 

Eine Zusammenfassung

fällt mir hier tatsächlich schwer, weil es darum ging, die vielen verschiedenen Verwendungsweisen des Patriarchatsbegriff zu kritisieren – und dies geschah je nachdem und nicht immer wieder gleich. Trotzdem, mit der Gefahr zu arg zu vereinfachen:

Wenn man Datenreports liest oder Bilder von misshandelten Frauen sieht oder Erzählungen von Diskriminierung hört, dann vertreten viele Feministinnen, das würde alles für sich sprechen. Da sehe frau es doch und selbst Männer könnten es vielleicht begreifen. Ist doch alles ganz einfach und es braucht auch nur ein Wort dafür: Patriarchat!

Es sehen eben aber nicht alle. Das Verweisen auf die Geschlechtsunterschiede und sie zu skandalieren, erklärt sie nicht. Auch wenn man es noch so oft Patriarchat nennt, böse schaut und arrogant tut. Es werden die Daten, Bilder oder Erfahrungen nicht erklärt. Was zu sehen ist, ist die Statistik. Nicht zu sehen ist, warum sie so zustande kommt, warum sie sich verändert hat, warum sie davor noch einmal anders war, was an Maßnahmen nötig wäre, um sie zu verändern oder noch nicht mal welche Maßnahmen zu ihrer Veränderung führten – all das sieht man nicht aus einer Statistik.

Statistik nun parteilich zu interpretieren und die Daten als »Patriarchat« zu bezeichnen, hilft theoretisch nichts. Im Gegenteil. Man sollte sich stattdessen mal fragen: Warum sollte man eigentlich vor der Erklärung der Daten schon parteilich sein? Das sollte mann wie frau nicht! Parteilichkeit kann Resultat einer Kritik sein, aber nicht der Beginn. Am Beginn einer Kritik steht eine Unzufriedenheit. Dann muss man aber erst einmal herausfinden, was diese Unzufriedenheit auslöst, um sie auch abschaffen zu können. Das Vergeben der Aufkleber »Patriarchat« oder »Rassismus«, »Antisemitismus« usw. ist keine Kritik.

Wenn man sich die Datenlage anschaut, dann ist ja nicht zu leugnen, dass der Durchschnittsmann mehr Vorteile wie mehr Geld und Eigentum hat, mehr Männer höheren Posten haben usw. als eine konstruierte Durchschnittsfrau… Nur wenn dem so ist, dann beginnt ja erst das eigentliche Fragen, wie das zustande kommt.

Kann man das wirklich beantworten, dann erst sollte ein Protest beginnen, der sinnvoll Widerstand ermöglicht. Ob er wirklich möglich wird, hängt natürlich nicht allein an einer vernünftigen Analyse. Aber ohne sie kann man eventuell sein Leben lang kämpfen, ohne jeden Erfolg oder nur mit eingebildeten Erfolgen; sich aufregen sollte aber nicht Selbstzweck sein – um sein Ego zu stärken, mag es in der bürgerlichen Welt beliebt sein. Ziel einer linken Politik ist was anderes.

Aber wenn man durch das falsche Schimpfen dann auch noch den wirklichen Gegner stärker macht, statt ihn zu schwächen, dann ist das nicht förderlich, um die Geschlechtermissverhältnisse zu beseitigen; im Gegenteil.

Ich hoffe, dass ich genügend Argumente liefern konnte, einmal darüber nachzudenken, ob wir wirklich in einem Patriarchat leben. Die Argumente stehen zur Diskussion. Ich freue mich über ernstgemeinte Einwände – wie schon bei der letzten Sendung.

Literatur:

Adlitz, Kris: Warum hält sich die Geschlechterungleichheit? (www.geschlechterungleichheit.de)

Bourdieu, Pierre: Die Männliche Herrschaft. Suhrkamp Frankfurt/M. 200

Butler, Judith: Das Unbehagen der Geschlechter. Suhrkamp Frankfurt/M. 1991

Gerhard, Ute: Patriarchat – Patriarchalismus. Kampfparole und analytisches Konzept. In: Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung (2019). Hrsg. v. Kortendiek/Riegraf/Sabisch, S.221-230

Mitchell, Juliett: Woman’s estate, Harmondsworth. Penguin, 1971

Weiterhin:

Creydt, Meinard: Zur Kritik feministischer Wirklichkeitskonstruktionen (auf dessen Internetseite)

Nymoen, Ole/Schmitt, Wolfgang M.: Braucht der Kapitalismus das Patriarchat? – Ep. 191 des Podcasts Wohlstand für alle.

Posster, Kim: Kritik des kapitalistischen Patriarchats. (https://kimposster.blackblogs.org/)

Schuster, Georg: Frau und Mann. 5 Teile. Bei: Heise/Telepolis.de ab 15.1.2021

Wirth, Margret: Die Frauenfrage. Verschiedene Vorträge

Kate Millett, Ernest Bornemann, Christine Delphy, Heidi Hartmann, Sylvia Walby, Hartsock, Michelle Barrett, Martha Gimenez, Frigga Haug, Mariarosa Della Costa, Maria Mies, Roswitha Scholz, Margarete Stokowski, Emilia Roig, Anna von Zora …

Ich spreche hier auch von anderen journalistischen Beiträgen und Büchern, die neuere, archäologisch Forschungsergebnisse präsentieren und pro-feministisch sind. Sie widerlegen z.B. den Mythos, dass es eine strenge Arbeitsteilung gab, wonach die Männer gejagt haben und die Frauen gesammelt. Ein Mythos, den schon viele angezweifelt hatten, weil es schlicht unlogisch ist, dass nicht alle, die konnten, jagen gegangen sind. Aber auch der Mythos eines alten, guten Matriarchats lässt sich nicht halten und für die nomadische Frühzeit des Menschen ist wohl eher von einer Gleichstellung auszugehen, trotz zu vermutender matrilinearer Vererbung. Dafür sprechen Ausgrabungen von Körpern, die ähnlich genährt waren oder auch die Sitzordnungen in ausgegrabenen Versammlungsorten.

Meist haben Bildungsbürger in der Archäologie oder in der Anthropologie ihre Geschlechterstereotypen in die Vorgeschichte hineinprojiziert und über die Schulbücher und andere Medien wurde es zur Allgemeinbildung. Und Teile der Frauenbewegung haben, als Reaktion, mit der Vorstellung eines uralten Matriarchat einen Ort gebraucht, der beweist, wie mächtig und toll Frauen sein können. So war dies lange im Feminismus beliebt zu denken.

Wie kann man sich den Übergang verplausiblisieren, wenn man keine Zeitmaschine hat? Was passierte beim Sesshaft-Werden der Menschen, vermutlich? An unterschiedlichen Orten auf der Erde offenbar vergleichbare Prozesse, weil es überall ähnliche Funde gibt. Und das ist auch verständlich, weil: Die Menschen standen vor ähnlichen Herausforderungen, die sie zwar sicher nicht überall völlig gleich lösten, aber eben offenbar oft ähnlich lösten. Damit ist gemeint:

Ab dem Holozän (12.000 Jahre vor unserer Zeitrechnung) entstanden vielerorts gleichzeitig Ackerbau und Viehzucht. Dies brachte deutlich mehr und nahrhaftere Lebensmitteln als bisher. Das Mehr und die bessere Nahrung ließen zunächst die Erwachsenen länger leben. So konnten mehr Kinder geboren werden. Durch Tiermilch und Getreide erhielten die Säuglinge zusätzliche Nahrung, die vorher vielleicht gefehlt hatte – es überlebten so auch mehr Kinder. Die Menschengruppen wuchsen, aber die Geschlechter ungleich (so man hier schon von diesen sprechen kann).

Die Mütter mussten auf der Ernährungslage zwar nicht so lange stillen, wie früher. Sie konnten aber schneller wieder Kinder kriegen – was für die Gruppe schon immer wichtig war. Nun war es für die Gruppe neu bedeutsam, weil durch die neue Siedlungsform des Dorfes die Kinder mehr vor wilden Tieren geschützt waren und so weniger Belastung darstellten, ja sie bei vielen Tätigkeiten mithelfen konnten: Viehzucht und Ackerbau machten es leichter, Kinder in die Produktion und Zubereitung von Lebensmitteln einzubinden. Eine anderer Aspekt der erhöhten Zahl der Kinder war aber auch, dass die Mütter durch mehr Schwangerschaften belastet waren. Vor allem: Sie starben also auch öfters durch die Risiken einer Geburt. Ein „Männerüberhang“ war die Folge.

Das nun enge Zusammenleben mit den Tieren hatte auch die Folge, dass sich öfters Krankheiten in den Menschengruppen ausbreiteten und diese existentiell gefährdeten. Zudem bestand regelmäßig die Gefahr von Missernten, die zu massivem Hunger der Gruppen führen konnte. Insbesondere dieser Hunger führte wohl zu dem in der Forschung durch Knochenfunde gut belegten Aufkommen von vielen kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Gruppen. Die Gruppen mussten nun ihre Nahrung als Besitz auffassen. Ihn bei anderen zu rauben, lag nahe, wenn man sich überlegen wähnte. Das Risiko dabei zu sterben und als Gruppe ausgelöscht zu werden, ist wohl aber der Grund, dass diese Kriege insbesondere aufgrund der Hungersnöte entstanden oder wenn Bakterien und Viren die Gruppe massiv schwächten.

Dies hatte alles weitere Auswirkungen auf die „Geschlechterverhältnisse“. Mütter waren zwar weiter zentral für jede Gruppe, für die Gruppengröße/-stärke und um die Reproduktion zu sichern. Der vermehrte Krieg und die nun bekannte Zeugung durch die Männer machten ihre auch damalig durchschnittlich größere Körperkraft und Körpergröße nun bedeutsam. Männer gewannen deutlich an Einfluss in der Gruppe und fassten sich so vermutlich auch irgendwann als einheitliche Gruppe auf.

Spätestens in der Bronzezeit (2200 bis 800 v.u.Z) zeigt die Archäologie, dass die Frauen meist in der Hierarchie der Gruppen hinter die der Männer gesunken waren. Sichtbar nicht nur an den Grabstätten und Knochenfunden, sondern auch an getrennten Orten des Essens, was gegessen wurde (Protein-Analysen) oder am aufkommenden patrilokalen Heiratssystem, das Frauen weiter abwertet. Die gefundenen Frauenleichen wurden kleiner und litten öfters als Männerleichen an Mangelernährung.

Der Wandel spiegelt sich auch bei den verehrten Gottheiten wieder. Hatten die Heiligenfiguren und sogar die Kultorte der Frühzeit noch überwiegend mütterliche Formen, so waren später die Götter zunehmend männlich. (Siehe den Kampf der Götter in der griechischen Mythologie.)

Aber dieser hier nur umrissene Wandel ist kein Automatismus gewesen. So finden sich immer auch wieder Belege dafür, dass Frauen in diesen Gruppen eine starke Stellung hatten – selbst noch z.B. bei den Kelten gab es Fürstinnen.

Schließlich noch ein paar Literaturhinweise zum historischen neueren Übergang zur bürgerlichen deutschen Gesellschaft. Also zum Übergang zum bürgerlichen Recht heutiger Bauart: Das ist die sog. Debatte um Sekundärpatriarchalismus (Übergang vom Primärpatriarchalismus zur Herrschaft des Rechts: Max Weber, Marianne Weber, Emma Oekinghaus, Rene König, Ursula Beer. Hieraus entstanden dann die  Theorie von Öffentlichkeit und Privatheit: Jürgen Habermas, Karin Hausen, Roswitha Scholz. Alles duale Modelle der Geschlechtermissverhältnisse, die Fragen der Homosexualität nur schwer und die aktuellen Fragen der Geschlechtsidentitäten nicht mehr erfassen können.

Literatur:

Leisewitz, Andre/Schwarz, Winfried: Geschlechterverhältnisse und Engels „Ursprung“. in: Z – Zeitschrift für marxistische Erneuerung: Heft 120 und 122. (eher eine Fortschreibung des Geschichtsdeterminismus als ein In-Frage-Stellen)

Türcke, Christoph: Sexus und Geist. (Aufklärung des Selbst-Verkennens des Geistes als männlich …)

ZDF (Terra X): Warum wir im Patriarchat leben? https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/warum-leben-wir-im-patriarchat-fuenf-fakten-100.html

ZDF (Terra X): Mächtige Männer – ohnmächtige Frauen? https://www.zdf.de/dokumentation/terra-x/maechtige-maenner-ohnmaechtige-frauen-102.html

99 ZU EINS
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