Hinweis: Dieser Blogbeitrag ist ein Gastbeitrag. Die Inhalte und Meinungen liegen in der Verantwortung des jeweiligen Autors und stellen nicht zwangsläufig die Auffassung des Teams von 99 ZU EINS dar.
Wo Freiheit von Meinen und Glauben ein staatlich eingeräumter Rechtsgrundsatz ist, gibt es eine Vielfalt dessen, was gedacht werden kann: zu »Umweltbeschaffenheit«, d. h. zu nationalstaatlich organisierten Kapitalverwertungsgesellschaften; zu deren Umgang mit ihnen Zugehörigen; zu deren Geostrategie genannten ökonomisch-militärischen Einflussnahmen auf Gegenden des Globus; und zu deren Nutzung des Rohstoffs Natur (stellenweise, z. B. auf albanischen Inseln, mit paradiesischen Folgen gemäß der Visionen der Trump-Familie). Im stillen Kämmerlein – Danke dafür – lässt sich alles mögliche so oder so sehen.
Was das Verbreiten einer eingenommenen Sichtweise angeht, so gelten für es (wie auch selbstverständlich für ein eventuelles Handeln nach ihr) die Grenzen von Recht und Ordnung mit ihren staatlich vorgesehenen Verhütungs- und Ahndungsoptionen. Eine für »problematisch«, »umstritten« erachtete Meinung öffentlich-medial zu äußern kann existentiell teuer zu stehen kommen; gerade heute, wegen des unüberhörbar von Deutschland vorgetragenen Anspruchs, im Kampf gegen das Böse Krieg »immer und überall« als ein Mittel einzusetzen, für dessen Stärkung in jedweden Disziplinen alles getan werden muss und nichts unterlassen werden darf.
Weil es für die Nation darauf und damit auf einen bereitwilligen Gehorsam der meinenden Bevölkerung ankommt, lautet die Aktualisierung des Spruchs vom Alten Fritz: Räsoniert nicht mehr falsch, sondern richtig! Ihr alle müsst doch endlich Deutschlands Weltmachtprogramm mit allem Drum und Dran wollen! So gibt es dann statt schnöden Gehorsams etwas Höheres: einen moralischen Kompass, mit dem sich der Staatsbürger selbstverwirklicht; die Erfüllung einer mit Einsicht (vgl. dazu Melanies und Mareks Beiträge zu Ethik) freiwillig beherzigten Pflicht.
Wenn sich ständiges Kritikastertum von desinformierenden und fehlgeleiteten »Bedenkenträgern« und »Abwieglern« (ein Vorwurf, den zu entkräften sich die Partei Die Linke alle Mühe gibt) an der Größe anstehender nationaler »Herausforderungen« spaltend zu schaffen macht, dann kann dies, weil »wir« es so wollen, nicht länger »einfach durchgehen«. Räsonieren wir also positiv; freuen wir uns, dass der Außenminister zu Deutschlands Misserfolg bei der Bewerbung um einen Sicherheitsratssitz in der UNO Bescheid weiß: dabei hat wieder einmal Putin Strippen gezogen. Das war ja klar. Und freuen wir uns, dass Wolfram Weimer den versifften Meinungsmarkt aufräumt. Denn »die Partei – sorry, das muss heißen: unser geläuterter Staat – hat immer recht«. Natürlich »nur« im Prinzip!
Denn es gibt kein 360-Grad-Kritikverbot. Kritik, zumal patriotisch gesinnte, ist dem Staat nach wie vor willkommen. Eben soweit sie, wie er es von seiner Bürger Mündigkeit erwartet, konstruktiv ausfällt, sich also daran abarbeitet, was dem Allgemeinwohl, das er ja tatsächlich garantiert und steuert, auch mit Krieg, wenn es sein muss, am meisten entspräche. Ein solches Mosern, z. B. darüber, dass die deutsche Selbstdarstellung in internationaler Diplomatie gerade keine bella figura (mehr) abgebe – welche Schmach! –, wird wie eh und je auf regierungs- und oppositionsseitiges Verständnis stoßen. Manches läuft eben, zumeist wegen gegnerischer Ränke, bisweilen nicht so rund, und »man kann nicht immer gewinnen«. Am Gewinnenwollen dort, wo es um die Wurst geht, lassen »wir« uns jedoch nichts abhandeln. Nehmt das, Putin und Xie! Und Ohnemichels wie Ole Nymoen und andere Spalter sollen einfach mal den Rand halten. Die verträgt die wehrhafte Einheit, die unser Land braucht, einfach nicht. Nicht in diesen bösen Zeiten.
Sie sind welche, weil in ihnen »ohne Sicherheit alles nichts ist«. Dafür (wie heißt es so schön? Vorkehrungen treffen!) ist möglicherweise ein enormer Preis, ein »Nichts von allem«, zu zahlen. Dann nämlich, wenn Russland sich dazu entschließt, deutsche und verbündete Kriegsanstrengungen und -handlungen mit direkten Gegenschlägen zu beantworten. Zur Inkaufnahme der Waffengangskosten, egal wie hoch, ist die europäische Front trotz alledem bereit und dabei guten Mutes. Sie räsoniert ja auch auf jeden Fall richtig (?).
Falls der Schuss nach hinten losgeht und ihre Staaten zu einem Nichts werden, könnten es sich deren movers & shakers ja vielleicht mit einem »Es ging halt nicht anders« auf Inseln der Trump-Familie plüsch machen. So nähmen sie nur, im Gegensatz zum Fußvolk von Schlachtfeldbewohnern, ein Exitprivileg wahr. Das steht, wie jeder transaktionsgeschulte Assetverwalter weiß, denjenigen zu, die irgendwo und überall sein können (»anywheres«), weil die Welt tatsächlich ihre »Auster« ist. Ein »nowhere to hide, nowhere to run« gilt trotz eines Restrisikos für die nicht, die »anders«, da Reiche sind. Idyllische Rückzugsorte, an denen die Verdienste klugen Vermögenseinsatzes ohne Reue, unbehelligt von staatlicher gleich unsachgemäßer Einmischung genossen werden können, bewirbt z. B. der die umwälzende Kraft von KI preisende Peter Thiel. Seine Visionen extrapolieren das Marktgesetz, dass Plätze von Vermögenden keine Genussorte von Habenichtsen sein können. Das, darin sind sich die Anführer Europas mit ihrer Schutzmacht einig, gilt; wie im Frieden, so auch im und nach dem Krieg. Vielleicht – bloß eine Spekulation à la Mark Fisher – trägt diese Ewigkeitsgarantie auch etwas zur hiesigen »Dr. Seltsam«-Zuversicht bei.

