Hinweis: Dieser Blogbeitrag ist ein Gastbeitrag. Die Inhalte und Meinungen liegen in der Verantwortung des jeweiligen Autors und stellen nicht zwangsläufig die Auffassung des Teams von 99 ZU EINS dar.
»Kantine« Melanie hat kürzlich zusammen mit dem »ethischen Säuberer« Marek in der 99-zu-EinsSendung »Ethik-Unterricht: Tiefes Nachdenken über Höchstwerte« (Ep. 533) den Aufbau des schulisch erstellten Ableitungsgebäudes von Ethik seziert. Diese ist ein Wertehimmel (zu dem Herbert Auinger mit Hinweis auf Folgeschäden resümierte: »Die Werte sind nichts wert.«). Dort oben stellen zuvörderst Freiheit und Gerechtigkeit unhintergehbare Werte dar. Sie seien nämlich direkter Ausfluss der Menschennatur. Nach Methode des Schulhauses und Disziplin der praktischen Philosophie wird quasi Wille und Wort dieser Veranlagung Fleisch in Gestalt von »Normen«, denen glücklicherweise Geburtshelfer Staat mit Recht und Gesetz gesellschaftlich gültige Anerkennung verschafft. Das bändigt, Gott und Hobbes sei Dank, die »dunkle Seite des Menschen«, die danach strebte, wenn man sie ließe, den anderen ein Wolf zu sein (zur Widerlegung dieser anthropologischen Erkenntnis hat Georg Loidolt das Nötige geschrieben).
Wie im Podcast dargestellt postuliert die Ethik, dass Werte zu haben den »Menschen« vor den Tieren auszeichne. Diese Generalabstraktion ist der Ausgangspunkt einer Aufgabe, der sich »der Mensch«, da er nun einmal einer sei, unterziehen müsse. Im Anschluss an große Denker gelte es, zu einer »Selbstfindung« zu schreiten; zur faustischen gedanklichen Beschäftigung damit, was denn nun einen selbst als Menschen ausmache, ohne damit andere vom Menschsein auszuschließen. Der Fokus richtet sich zuerst einmal auf schieres »Sein«; getilgt ist, wie »gewest« wird. Was hier (noch) nicht vorkommt: der den Mitgliedern des bürgerlichen Staats vorgegebene Zwang, ihre Partikularinteressen als Konkurrenzsubjekte – ein »bisschen Wolf« ist immer – frei, privateigentümlich und profitabel zu verfolgen.
Er wird jedoch im Anschluss, sobald es um »Normen« geht, als die Lösung individueller Orientierungsprobleme aus dem Philosophenhut gezaubert. Dann leitet sich das Nachdenken des Individuums aus den ihm gesetzten Bedingungen ein durchaus naheliegendes (Stichwort »Chancen!«) und nahegelegtes Einverständnis mit diesen ab. Und zwar nicht als die, die sie sind (weshalb die Frage »Warum muss das so sein?« auch nicht so abseitig wäre), sondern als einen Pfad zu Selbstverwirklichung im Hier und Jetzt. Das Müssen zu wollen, der Wille zur Bewährung im nun einmal Gesetzten, gibt sich mit dem Hilfsverb Sollen den werteadäquaten einsichtigen Imperativ an sich selbst. Diesem kommt der einzelne ziemlich selbstlos nach – mit dem Soldaten als Krone –, während die eigene Sittlichkeit anderen leider oft abgeht. Zum Glück gibt es Recht und Ordnung.
Es ist nun einmal »der Menschheit Würde in eure Hand gegeben«. Diese tonnenschwere Verantwortung wahr zu machen ist Meinungspflicht und reicht somit weit hinaus über die verdienstvolle Instanz von Ethikkommissionen und den preiswerten Slogan »hier bin ich Mensch, hier kauf ich ein« (dies ein wahrer Hohn); hinein bis in jeden Einzelnen – zumindest jeden, der es wert ist, ein solcher zu sein (Achtung, Asoziale!). Damit sind staatliche Maßnahmen, vom grundsätzlich unübertreffbaren ethischen Entwurf her, normative Werteverwirklichungen; und von diesem Entwurf her beglückt der Staat die von ihm als die Seinen Zusammengefassten mit – soziologisch, d. h. konstruktiv gesprochen – »Gesellschaftlichkeit« (wer ist schließlich gern allein?). Es ist also nur ein Gebot des Anstands, dass sich reflektierte und informierte Bürger als des hehren Entwurfs würdig erweisen: indem sie sich unter Berufung auf Ethik gleich Werte ständig darum sorgen, ob der Staat auch tatsächlich dieser seiner raison d’être mit der Erstellung angemessener Normen so nachkommt, wie er zumindest eigentlich sollte. Das ist zwar eine Sisyphusarbeit, aber der mündige Staat unterzieht sich ihr gerne im Austausch mit einer konstruktiven Bürgerschaft (bitte Petitionen unterklicken!).
Die Übereinstimmung der Politik mit von ihr Bestimmten ist so weit erfolgreich hergestellt (wozu auch der Ethikunterricht und die praktische Philosophie ihr Scherflein beigetragen haben mögen), dass das Debattiergebot der Stunde nun lautet: »Der Argumente sind genug gewechselt. Lasst Glauben sprechen!« Dieser Übergang zum Glaubensbekenntnis nebst Berufung auf dessen grundsätzliche Berechtigung ist attraktiv, da es sich hier um ein Meinen handelt, das weiß, dass seine Sicht die der Herrschenden ist und deshalb praktische Macht hat. Schließlich kann es frei wollen, was es soll – das ist sein gutes Recht –, und es entnimmt einem Dissens nur (noch) eines: Ein Einwand bezeugt ganz offensichtlich, dass dessen Vertreter nun einmal »einer von denen«, eben schlechte Gesellschaft ist. Das ist Auskunft genug zu »wes Geistes Kind«.
Wichtig ist, gerade in diesen schlimmen Zeiten, sich gegen »Diskussionsorgien« richtig aufzustellen. Und das geht am besten, indem man die erst gar nicht (mehr) eingeht. Glaubensbekenntnisse – »Für oder gegen?«, »Sag mir, wo du stehst!«, »Bam! In yer face!« – und die ihnen absolut, da menschenrechtlich zustehende Toleranz sind der die staatliche Doxa final verfugende ethische Kitt, mit dem Befürworter von z. B. Kriegstüchtigkeit sich von Versuchen zu Argumentation emanzipieren. Ihr Auseinandersetzung erübrigendes Extragewicht Kontrahenten gegenüber beziehen sie daraus, dass ihr Glaube der Glaube Europas ist. Und wie man weiß, gilt der nun mal – auch ethisch gesehen. Wegen »der Menschheit Würde. Bewahret sie« (Schiller). Der Wertehimmel ist halt immer noch das Höchste, an das Religiöse wie Atheisten, also alle, guten Gewissens glauben können. Zum Besten der »Menschheit«. An so was Edlem kann man einfach nicht irre werden wollen. Sollte man aber.

