20. August 2025

Warum gibt es eine Geschlechterungleichheit im Kapitalismus? – mit Kris

Willkommen bei einer neuen Folge 99 ZU EINS. Ich starte heute in einer kleinen Reihe zum Thema Geschlechterungleichheit im Kapitalismus. Dazu wurde mir nämlich vor ein paar Monaten ein phantastisches Buch empfohlen, dessen Inhalte hier unbedingt mal vorgestellt, besprochen und evtl. diskutiert werden müssen. Und deshalb sitzt jetzt hier bei mir der Autor des Buches: […]
99 ZU EINS

Über das Verhältnis von Text und Autor kann man selbstverständlich so einiges sagen. Ich wünsche mir aber, dass sich nicht mit mir, sondern mit dem Text auseinandergesetzt wird. Eine Diskussion halte ich für fruchtbarer, wenn dabei auf Schubladen, Etiketten, aber auch auf Namen verzichtet wird. Ich glaube, ich kann sagen, uns geht es um die Sache. Die aktuellen, nennen wir es erst einmal »Geschlechtermissverhältnisse«, diese zu erklären, dazu sollen die Argumente geprüft werden. Ob die jetzt ich sage, Butler, Marx oder irgendwer sonst, sollte dabei keine Rolle spielen.

Was du zitierst, ist der Teaser, also die Möglichkeit für die Lesenden bzw. Hörenden, schon mal zu entscheiden, ob sie weiterlesen oder weiterhören wollen. Dazu musste ich mich also selbst etikettieren. Es noch einmal in anderen Worten zu tun und z.B. zu sagen: »Ich vertrete einen marxistischen Ansatz«, das macht es aber auch nicht besser. Unsere ganze Sendung heute wird quasi eine einzige Ausführung zu deinem Zitat sein.  

Ich gehe davon aus, dass die Menschen, die uns zuhören und ein Interesse an der Erklärung der Geschlechtermissverhältnisse haben, diese VERurteilen. Ok. Es geht aber letztlich darum, wie man sie BEurteilt, wie man sie genau kritisiert. Dabei kann man verschiedene, linke Grundpositionen unterscheiden, hier mal in Frageform: Leben wir in einer »männlichen Herrschaft« (Pierre Bourdieu), in einer »heterosexistischen Matrix« (Judith Butler), in einem »Patriarchat« (die Autonomen, Roswitha Scholz, die aktuelle Social Reproduction Theory) oder leben wir einer Gesellschaft wechselseitiger Diskriminierungsformen (Intersektionalitätsforschung)?

Nein! Diese Begriffe sind nach meiner Ansicht nicht notwendig und nicht wirklich hilfreich, die aktuellen Geschlechtermissverhältnisse zu begreifen. Um die Geschlechterverhältnisse ohne diese Begriffe zu verstehen, werden in der ersten Folge heute Thesen vorgestellt, die ich als Einladungen zur Diskussion verstehe. Sie betreffen einerseits das grundsätzliche Verhältnis von Kapitalismus und Geschlechtlichkeit. Andererseits sollen die Thesen die Dynamik der aktuellen Geschlechterverhältnisse erklären, was eine Patriarchatstheorie z.B. prinzipiell nicht kann.

Warum? – Die sogenannten Patriarchatstheorien benutzen zur Erklärung der Geschlechterungleichheiten Grundbegriffe, die statisch sind, wie z.B. toxische Männlichkeit(en) oder Heteronormativität. Sie implizieren von sich aus keinen Wandel. Den Wandel der letzten Jahrzehnte können diese Theorien darum nur mit ergänzenden Hilfstheorien begreifen. Sie selbst erklären den Wandel nicht, höchstens die Stabilität bzw. irgendwelche Rückfälle/Roll-backs. Das ist aber völlig ungenügend, da sich ja, wie alle wissen, die Geschlechterverhältnisse in den letzten Jahrzehnten enorm liberalisiert haben.

In einer zweiten Sendung wird sogar dafür argumentiert werden, dass „Patriarchat“ streng genommen kein theoretischer Begriff ist, sondern eher eine Kampfparole. Mit ihm will man anklagen und skandalieren, zumeist zu Recht, aber als kritischer Begriff bzw. als kritische Gesellschaftstheorie überzeugt er nicht und daraus resultieren viele Probleme und Sackgassen in der feministischen Praxis.

Ich bin ersteinmal mit dem selben Widerspruch konfrontiert wie alle: Permanent hören wir einerseits z.B. in den Nachrichten oder lesen wir in Studien, dass die Geschlechterungleichheit fortbesteht. Andererseits hören und lesen wir permanent, dass die Politik dem angeblich entgegenarbeitet. Das, dieser Widerspruch, ist doch auf zweifache Weise komisch. Da sollte man sich erstens doch mal fragen, warum schafft es die Politik nicht, ihre angeblichen Ziele zu erreichen? Und man muss sich zweitens noch grundsätzlicher fragen: Warum bedarf es überhaupt all dieser nicht enden wollenden politischen Maßnahmen wie Gleichstellungs- und Quotengesetze, Verordnungen in Verwaltungen bis zu EU-Richtlinien, pädagogischer Programme usw.?

Offenbar liegt in der Bundesrepublik (genau wie anderen Demokratien) etwas vor, das die Geschlechterungleichheiten immer wieder hervortreibt, das eben die politischen Maßnahmen quasi provoziert. Was ist das eigentlich, was unter dem Alltag, bzw. durch ihn hindurch, wie eine Art Naturgesetz dies immer wieder hervortreibt: die Gewalt zwischen den Geschlechtern, die Einkommens-, Vermögens- und Rentenunterschiede, die unterschiedliche Verteilung der Posten und nicht zuletzt die sexistischen Sprech- und Verhaltensweisen im Alltag?

Für grundlegend halte ich die kapitalistische Produktionsweise. Und das halten die meisten schon für unmöglich. Nach meiner Erfahrung denken die meisten, dass im Kapitalismus oder zumindest in der Demokratie die Menschen gleich behandelt werden – auch die Geschlechter, egal welche es gibt, und dann dürften über kurz oder lang keine statistischen Ungleichheiten mehr zustande kommen (im Gegensatz zu den Klassen, die durch den unterschiedlichen Besitz an Einkommensquellen gerade durch die Gleichbehandlung immer wieder neu hervorgebracht werden).

Viele denken auch, dass im Kapitalismus die Geschlechter zumindest zunehmend gleich behandelt werden und warten entsprechend darauf, dass die Unterschiede bald komplett aufgelöst sind. Wieder andere denken, dass der Kapitalismus die Geschlechter doch eigentlich gleich stellen könnte. Nur das böse Patriarchat hindere ihn daran.

Egal wie da über den Kapitalismus gedacht wird: Er ist, so betrachtet, Nicht der Grund für die Geschlechterungleichheiten.

Aber weder war die Gleichstellung im frühen Kapitalismus Realität – eher im Gegenteil haben sich im 18. und 19. Jahrhundert die Geschlechterungleichheiten sogar eher verstärkt – noch verschwinden die Ungleichheiten heute, trotz hunderter Gesetze, die Gleichheit befehlen. 

Die Varianten der Idee, dass die sogenannte Befreiung der Frau im Kapitalismus schon da ist, noch kommt oder doch zumindest bald kommt, wenn wir nur das Patriarchat abschaffen, das halte ich alles für Illusionen, die sehr, sehr hilfreich für diese Verhältnisse sind. So können sie immer weiter entstehen, quasi unerkannt, und der Kapitalismus bzw. die Demokratie bekommen das Lob, sie würden die Geschlechter doch angleichen – eigentlich oder tatsächlich. Dieses Lob haben sie aber nicht verdient, wie ich zeigen möchte.

Zweite Vorbemerkung: Wenn meine ersten Thesen gleich die Ökonomie besprechen, möchte ich aber noch etwas vorweg sagen: Nämlich, dass dies nicht die vollständige Erklärung der Geschlechterungleichheiten wird – hier also kein „Ökonomismus“ vertreten werden soll. Die bürgerliche Gesellschaft muss zwar von der Ökonomie her begriffen werden. Aber wirklich verstehen tut man sie nur mit einer Kritik des Staates nach innen wie nach außen, einer Kritik des Finanzkapital und dem Zusammenspiel von allem – kurzum: Es braucht eine Kritik der Konkurrenz, der sogenannten Oberfläche der kapitalistischen Gesellschaften, wie Marx das genannt hat. Nur, wenn man diese Oberfläche betrachtet und dann fragt, wie sich darin die Menschen verhalten (müssen), kann man die Geschlechterverhältnisse verstehen.

Also nun endlich die erste These zur Ökonomie:

Die ökonomischen Geschlechtsunterschiede im Kapitalismus werden verständlich, wenn Frauen als Mütter behandelt werden, beziehungsweise sich selbst als Mütter verhalten müssen. Darum, weil dies regelmäßig stattfindet, verdienen (statistisch) Frauen weniger und steigen weniger im Beruf auf. Aber nicht, weil sie Mutter werden oder als Frauen zu Müttern werden könnten, sondern, weil sie in dieser Gesellschaft als (mögliche) Mütter besser erpressbar sind.

Warum sind sie besser erpressbar? Weil sie ihre Kinder nicht dauernd vernachlässigen wollen/können/sollen – trotz mithelfender Väter, besserer Kitas oder unterstützender Großeltern.

Diese besondere Erpressbarkeit ist nur eine Weise, wie Lohn gedrückt werden kann.

Resultierende Unterschiede beim Lohn, Vermögen oder der Rente sind also geschlechtsneutral begründbar, ganz ohne eine Männerherrschaft, weil: Alle, egal welches Geschlecht sie haben, die (erstes Kriterium) mehr auf den Verdienst angewiesen sind, (zweitens) nicht jederzeit verfügbar sind und (drittens) nur diskontinuierlich arbeiten können, werden tendenziell schlechter bezahlt und steigen weniger auf, auch mal Männer oder wer auch immer.

Wegen dieser Geschlechtsneutralität, dieser Gleichbehandlung beim Weniger-Lohn-Kriegen, entstehen notwendig (statistisch) geschlechtsungleiche Ergebnisse. Dies ist die erste grundlegende Bestimmung der Geschlechterungleichheit im Kapitalismus. Und ich bin auch nicht der Erste, der dies behauptet. (Lise Vogel u.a.)

Mit grundlegend meine ich, dass diese Bestimmung für alle bürgerlichen Gesellschaften gilt. Wenn in Deutschland im Besonderen diese und jene Gründe beim Gender Pay Gap festzustellen sind, dann ist das kein Widerspruch zu dieser Bestimmung. Sie kommen nur hinzu bzw. besser gesagt sind Ausdruck des grundlegenden Begriffs – eben auch mit politischen Bestimmungen gemischt (s.u.). 

Generell muss man aber immer zum allgemeinen Begriff auch Folgendes hinzudenken: Um diese Bestimmung herum (bildlich gesprochen), um das biologische Mutter-Sein-Können herum findet man die ganzen kulturellen Konventionen, Stereotype usw., die von den Unternehmen ausgenutzt werden (funktional ausgedrückt), um Lohnkosten zu senken. Zu den grundlegenden Bestimmungen, wie Lohn gedrückt wird, sollte dies immer mitgedacht werden. Genauso, dass es selbstverständlich auch manchmal rein sexistische Benachteiligungen in der Wirtschaft geben kann – diese gehören mit dazu, sind aber Folgeerscheinungen.

Ein Beispiel zum Fall von ungleichem Lohn für gleiche Arbeit. Warum tritt das systematisch auf? Warum muss dem immer und ewig im Kapitalismus von den Gewerkschaften, mit beschränktem Erfolg, entgegenarbeitet werden?

In einer Fabrik werden oft Menschen für eine zweite Schicht gesucht: möglichst flexible AK zu niedrigem Lohn (eh klar), die man schnell wieder entlassen kann und auch nur wenige Stunden am Tag arbeiten lassen kann. Dafür sind Mütter von Kleinkindern wie gemacht, da sie dringend einen Teilzeitjob suchen, um das Familieneinkommen aufzubessern. Sie können nur dann arbeiten, solange ihre Kleinkinder in der Kita sind – vormittags. Einen niedrigeren Lohn nehmen sie deshalb in Kauf. »Hausfrauenschichten« wurden früher solche Arbeitsverträge für den Vormittag genannt, denn auch andere sogenannte »Hausfrauen« können hier Arbeit finden, wenn sie durch andere Pflegearbeiten oder anderes gebunden sind. Hier wird dieselbe Arbeit gemacht wie in der Vollzeitschicht, aber es kann weniger bezahlt werden. Zu diesen Verhältnissen gehört dann z.B. das Vorurteil, dass die unausgebildeten Hausfrauen weniger produktiv arbeiten als die Normal-Schicht-Männer, was oft gar nicht der Fall ist.

Weitere Beispiele, wie ungleicher Lohn zustande kommt, auch wenn die Kriterien geschlechtsneutral sind:

  • Aufstieg im Unternehmen basiert oft auf Übernahme von zusätzlicher Arbeit, z.B. wenn jemand in Schulen morgens früher in die Arbeit kommt, um den Vertretungsplan zu machen (Konrektorat)
  • am Wochenende arbeiten zu müssen, z.B. auf Tagungen, wie an Unis,
  • sich am Wochenende individuell fortbilden, um den Anforderungen weiter entsprechen zu können oder aufzusteigen
  • durch kontinuierliche Tätigkeit über Jahrzehnte, um Beziehungen zu Kunden pflegen zu können
  • durch eine geforderte räumliche Mobilität (Umzug im In- wie ins Ausland).

Dies alles können bestimmte Menschen aufgrund ihrer Lebenslagen oft nicht, so auch Mütter.

Die größten Lohnunterschiede (gender pay gap) kommen statistisch durch die unterschiedlich hohen Positionen in Betrieben zustande, aber auch durch die unterschiedlichen Berufe, die die Geschlechter wählen, »durch« den sogenannten segmentierten Arbeitsmarkt – dazu unten mehr als eigene These. 

Ja. Ein weiteres, aber eher historisches, geschlechtsneutrales Kriterium mit geschlechtshierarchischen Wirkungen ist die statistisch etwas höhere Körpergröße und -kraft von Männern. Dies kann in bestimmten Fällen auch mal zu besseren Lohn- und Aufstiegschancen führen – wo solche Qualitäten (noch) gefordert sind. Auch hier, wie oben, liegt das gleiche Verhältnis vor: Die geschlechtsneutrale Behandlung führt zu geschlechterungleichen Folgen, indem sie anknüpft an der Biologie, aber insbesondere die kulturellen Stereotype über diese benutzt.

Noch einmal: Nicht die Biologie ist hier das Argument oder der von mir behauptete Grund, sondern wie diese in der bürgerlichen Gesellschaft von ArbeitgeberInnen ausgenutzt wird, inkl. biologistischen Stereotypen – die also u.a. darum auch nie aussterben.

Und auch noch zur Klarstellung: Ich sage nicht, dass weil jemand rund um die Uhr zur Verfügung steht, seine Kinder vernachlässigt und nur noch fürs Unternehmen unterwegs ist, dass so jemand gar immer einen guten Lohn kriegt. Oder dass jemand wegen der Zeitnot immer schlechter bezahlt wird. Die Kalkulationen, von denen, die den Lohn zahlen, haben dies nur im Durchschnitt zur Folge. Grundsätzlich entscheiden immer die sogenannten Arbeitgeber, wie viel man kriegt, ja ob man überhaupt was kriegt. Es hängt an ihren Kalkulationen und nicht an den Eigenschaften der Arbeitskräfte, auch wenn die es sich noch so sehr einreden. Die Berechnungen eines Betriebs oder auch einer Verwaltung, nicht die Fähigkeiten oder Möglichkeiten der Arbeitskräfte, sind der Grund der Lohnhöhe. Oder anders gesagt: Meine Aussagen zur Lohnhöhe beziehen sich immer nur auf den Fall, dass Arbeitskräfte gebraucht werden, sich also sowieso für die Arbeitgeber rechnen.

Womit ich zum aktuellen Wandel der Geschlechtermissverhältnisse komme und warum dieser begrenzt ist bzw. wird:

In Organisationen (Lohnarbeit) gilt: Es werden Personen favorisiert und befördert, die homosozial sind – sozial ähnlich sind – nämlich der bisher brauchbaren und erfolgreichen Gruppe, die also den richtigen »Stallgeruch« haben. Man vertraut darauf und kann letztlich nur darauf vertrauen, dass diejenigen, die einem gleich sind, »das besser können als andere«. Sie werden nicht notwendig, aber eher genommen und befördert als andere. Wegen des Vertrauensvorschusses kriegen Ähnliche, Homosoziale, daher (statistisch) eher den Job und machen eher Karriere.

Das Kriterium des Vertrauens verallgemeinert nicht wie oben in These 1 vom Muttersein-Können auf alle Frauen, sondern betrachtet aus der Tradition heraus Frauen als Unähnliche beziehungsweise Fremde, misstraut ihnen. Aber nicht nur sie werden so betrachtet, auch z.B. Homosexuelle, Menschen mit gebrochenem Deutsch, langen Haaren, falscher Religion, Männer, die nicht mit in den Puff gehen, je nachdem… Alle Unähnlichen werden hier letztlich erst einmal gleich behandelt, geschlechtsneutral. 

Nicht nur, weil Frauen sowieso unterstellt wird, sie könnten Kinder kriegen (These 1), sondern weil zudem gedacht wird, dass sie hier, in unseren Betrieb, eigentlich nicht hingehören, darum sickern Frauen nur langsam in Männerberufe ein, kriegen evtl erst mal einen geringeren Lohn, werden weniger befördert, müssen sich mehr beweisen als andere und scheitern oft daran, die wirklich wichtigen Stellen zu bekommen (»gläserne Decke«) – trotz aller Diversity-Programme.

In der besonderen Situation der jungen Bundesrepublik existierten Arbeits- und Geschlechterverhältnisse, die für den Standort Deutschland heute überholt sind. Heute gibt es und braucht es nicht nur billige Frauen, sondern gut ausgebildete willige, die auch genug Zeit haben, auch für Lohn zu arbeiten. Neue Frauen, aber auch neue Männer und auch andere Geschlechter benötigt der deutsche Standort für seine Exportwirtschaft mit globalen Ambitionen. Gerade Frauen standen aufgrund ihrer Lage, ihrer Möglichkeiten und ihrer Bedürfnisse für diese Entwicklung bereit.

Hier sind insbesondere zu erwähnen:

  • Die sogenannte „weiße Revolution“ in den Küchen, die letztlich eine enorme Zeitersparnis bei der Hausarbeit ergab: Man denke nur daran, wie viel Zeit z.B. eine Waschmaschine oder auch ein Kühlschrank mit Eisfach spart.
  • Die Expansion der Dienstleistungsberufe gegenüber der Industrie, Stichwort: struktureller Wandel. (Frauen gelangten wenig in die Industrie, weil dort eher entlassen wurde. Sie gelangten in die neuen Dienstleistungsberufe – und es wurde das Stereotyp der Frau als geborene Dienstleisterin, Teamspielerin usw. daraus)
  • Die Flexibilisierung der Arbeitsverhältnisse, die Erosion des sogenannten Normalarbeitsverhältnisses (Gleitzeit z.B.)
  • Die Bildungsreform, von der junge Frauen profitieren, vor allem, wenn man sie mit ihren Müttern vergleicht. (Hier erleben dann junge Männer, dass sie von jungen Frauen überholt werden. Das traditionelle Männerbild passt da nicht dazu… ) 

Frauen konnten so im Laufe der Jahrzehnte immer mehr in die Lohnarbeit gelangen und aufsteigen, die weibliche Erwerbstätigkeitsquote stieg und stieg. Inzwischen gehören deshalb Frauen auch selbstverständlich selbst an die Spitze der größten deutschen Unternehmen oder der EU.

Die von vielen vorhergesagte und erhoffte Beseitigung der Geschlechterungleichheit kommt aber dann doch nicht zustande. Die Erwerbstätigkeitsquote sinkt mit ca. 30 Jahren, wenn Frauen Mütter werden, insbesondere wenn sie zwei oder mehr Kinder haben. Die Teilzeitquoten ändern sich kaum, insbesondere, wenn man die Mütter betrachtet usw. … die meisten dürften die Zahlen kennen. Letzte Woche gab es dazu insbesondere zwei Nachrichten (1.6.2025): Die Teilzeitquote der Frauen steigt gerade, statt zu fallen. Und: Die Tarifbindung geht weiter zurück. Beides dürfte den Gender Pay Gap nicht gerade schließen helfen.

Die Thesen 1 bis 4 zusammen ergeben schließlich das, was viele als Grund ansehen, aber nicht als Grund taugt, und selbst erklärt werden muss: der sogenannte geschlechtlich segmentierte Arbeitsmarkt. Ich denke, er ist die institutionalisierte Folge der obigen Thesen. 

Was ist mit dem Ausdruck gemeint? Einfach, dass es sogenannte Männer- und Frauenberufe gibt – was streng genommen natürlich Übertreibungen sind, die Stereotype bedienen. Wo aber selbstverständlich auch was dran ist, ist dass junge Menschen je nach ihrem Geschlecht bestimmte Berufe eher wählen als andere.

Die Theorien dazu sagen (vereinfacht), dass Geschlechterstereotype die unterschiedlichen Arbeitsfähigkeiten der Geschlechter bestimmen und dies die Gründe sind für die Berufswahlen usw. – psychologische oder sozialisationstheoretische Erklärungen dominieren hier.

Diese sind zunächst einmal grundsätzlich schon deshalb zurückzuweisen, z.B. weil damit nicht verständlich würde, wieso Wandel entsteht. Meist wird dann auf »den kulturellen Wandel« verwiesen – der dann aber wieder nicht erklärt wird. Aktuell ist es dann so, dass die Kontinuität des geschlechtssegmentierten Arbeitsmarkts solchen Theorien schleierhaft ist und sie dann wieder mit patriachalen Traditionen argumentieren – wie sie es halt gerade brauchen.

Die Geschlechterstereotype und die Vergeschlechtlichung des Arbeitsmarkts fallen aber nicht vom Himmel. Beides, die Vergeschlechtlichung des Arbeitsmarkts wie die (angebliche) Vergeschlechtlichung der Individuen, ist nicht Ursache, sondern Folge der oben angerissenen Zusammenhänge, also den Gesetzen der Lohnarbeit in ihrem nationalen Kontext. So meine These, was dann auch Wandel wie Stagnation erklären kann.

Ein Stereotyp über Frauen sagt beispielsweise, dass sie besser oder lieber kochen und backen als Männer. Trotzdem sind die Berufe, in denen gekocht und gebacken wird, in Deutschland zumeist von Männern dominiert. Schon komisch für den Alltagsverstand, der sich gerne die Welt mit Psychologie erklärt.

Aber: Wenn die Stereotype als Erklärung hier, und in anderen Fällen auch, ganz offensichtlich nicht funktionieren, woran liegt es dann? Es liegt am Kriterium Verfügbarkeit der Arbeitgeber; es liegt einfach an der geforderten Arbeitszeit, die für Mütter unmöglich zu realisieren ist. Das antizipieren junge Frauen schon bei ihrer Berufswahl – mögen sie persönlich noch so sehr von ihren Familien zum Kochen und Backen hin sozialisiert worden sein. Früh um 2 zum Brotbacken aufstehen und bis nachts um 2 in der Küche eines Restaurants Kochtöpfe zu putzen, das ist nicht kompatibel mit der Versorgung eines Kleinkinds.

Diese Frage nenne ich immer das Springen aus der Realität in einen Konjunktiv. Man denkt sich einen Konjunktiv aus: Wenn alle Männer zuhause mehr Care- oder Hausarbeit übernehmen würden, ja dann würde alles gut. Unterstellt ist also schon mal ein Eigentlich-ist-es-doch-alles-ganz-einfach-und-wir-wissen-doch-eh-was-man-zu-tun-hat. Und fragt dann scheinheilig nach, wieso das nicht real ist? Warum tun das nicht alle? Schließlich ist so jemand dann aber gar nicht mehr an einer echten Antwort auf diese Frage interessiert. Komisch. Wie wird da gedacht?

Dieser Art Konjunktiv, man-müsste-doch-bloß, und die nachgeschobene rhetorische Frage, warum-tun-wir-es-nicht-einfach, das bedient zuallererst eins: Den eigenen Wunsch, ein guter Mensch zu sein. Man stellt die rhetorische Frage und weiß von vornherein, dass sich der Wunsch an der Wirklichkeit blamiert. Warum fragt man überhaupt? Um Schuldige dingfest zu machen. Und: Zu denen gehört man selbst nicht. Die bösen Männer oder die falschen Manager oder die jetzige Regierung, die Rechten, die unbelehrbaren Linken usw. sind schuld daran, dass wir nicht schon längst alle geschlechtergerecht leben, vegetarisch essen, kein Auto mehr benützen, alle im Bio-Laden einkaufen usw. Ich selbst hatte als 15-Jähriger auf meiner Schultasche stehen: »Stellt dir vor es ist Krieg und keiner geht hin«. Ja, schöner Wunschtraum, aber wenn Krieg ist, dann sind leider schon alle da.

Wie kann man aber die rhetorische Frage tatsächlich beantworten, warum nicht alle Männer schon längst mehr zuhause mithelfen, damit Frauen so Vollzeit arbeiten gehen können (ein komisches Ziel übrigens …)? Ich stelle einfach mal ein paar Gegenfragen, um die einfachen Antworten aufzuzeigen: 

Ja, warum sollten die Männer auf ihre kleine Restmacht in der Familie verzichten und warum sollten sie keine Karriere machen wollen? Ja, warum sollten die Familien auf den statisch höheren Lohn der Männer verzichten und lieber den niedrigeren Lohn der Frau nehmen? Ja, warum sollten die Mütter plötzlich ihre Kleinkinder lieber nur noch schlafend sehen wollen, wenn sie nach der Lohnarbeit abends nach Hause kommen? Ja, warum sollten die Menschen plötzlich wie von Geisterhand, gegen alle Realität, alle gleichzeitig auf diese Ideen eines angeblich guten Leben kommen? Und schließlich hätte ich noch die Gegenfrage, wäre nicht stattdessen vielleicht etwas anderes zu tun, was deutlich effektiver wäre…?  Aber bleiben wir lieber bei der Erklärung der Realität, statt aus der Geschichte in den Konjunktiv zu springen, was theoretisch einfach Unsinn ist (Utopie-Frage …).  

Zusammenfassung zur Ökonomie und die Frage nach dem Einfluss der Tradition

Die Vielfalt der aktuellen Geschlechterungleichheiten entsteht u.a. als notwendige Folge der Lohnarbeit. Die Lohnunterschiede usw. sind im Wesentlichen aus den Gesetzen des Kapitals zu begreifen, aber auch denen des bürgerlichem Staats, worauf wir gleich kommen.

Die Doppelherrschaft von Kapital und Staat setzt die vorherige Herrschaft fort und benutzt auch die so genannte »patriarchale Tradition« – aber für ihre Zwecke. Betrachtet man diese Zwecke dann, stellt man fest, dass es gar keine patriarchalen mehr sind. Es herrscht gar keine personale Herrschaft mehr, sondern die Gesetze der Lohnarbeit und des Rechts, und trotzdem kommen sehr wohl Geschlechterungleichheiten heraus.

(Debatte um Sekundärpatriarchalismus (Übergang vom Primärpatriarchalismus zur Herrschaft des Rechts): Max Weber, Marianne Weber, Emma Oekinghaus, Rene König, Ursula Beer; → Theorie von Öffentlichkeit und Privatheit: Jürgen Habermas, Karin Hausen, Roswitha Scholz. Alles duale Modelle der GV, die Fragen der Homosexualität und die aktuellen Fragen der Geschlechtsidentitäten nicht erfassen können.)

Die Herrschaft von Kapital und Staat in Deutschland z.B. gewinnt ihre Erscheinungsformen nicht ohne die vorherige Herrschaftsweise. Das wäre auch ein falsches Springen aus der Realität. Die Geschichte muss zwar immer als notwendige Bedingung verstanden werden, wenn man etwas erklären will. Sie ist aber als Erklärung nicht hinreichend, z.B. um den Wandel wie aktuelle Stagnation der Geschlechterungleichheiten zu erklären. Wesentlich, also wirklich zur Erklärung führend, ist die kapitalistische Produktionsweise in Deutschland.

(Ein verwegener Vergleich, um diese methodischen Aussagen zu notwendigen, aber nicht hinreichenden und wesentlichen Gründen verständlicher zu machen: Wenn man bestimmen will, etwa was Basketball ist, also das Spiel, ja da hat man die Möglichkeit viele Dinge als notwendig zu betrachten: das Spielfeld und seine Linien, die Mannschaften, den Ball oder die Ballführung sind alle notwendig. Alles zusammen macht aber nur Sinn, wenn man von all diesen Eigenschaften den Korb als wesentlich bestimmt: Von ihm her erklärt sich alles. Basketball ist eben das Spiel, wo der Ball in den Korb soll.)

Die Antwort ist nicht, dass es eine grundsätzliche andere, ökonomische Stellung von Frauen im Kapitalismus gibt. Sondern, dass Mütter und verallgemeinert Frauen, aber auch z.B. Väter, notwendigerweise oft eine Lebenslage haben, die sie in dieser Form von Ökonomie benachteiligt. Sie sind also nicht »selbst schuld« oder gar ihre Körperlichkeit. Die kapitalistische Be- und Vernutzung der Menschen ist der Begriff bzw. das wirkende Gesetz, das die Geschlechterungleichheit immer wieder hervortreibt. Geschlechterungleichheit bleibt im Kapitalismus ewig, weil Unternehmen am liebsten Arbeitskräfte haben, die unabhängig und jederzeit zur Verfügung stehen. (Im Durchschnitt der Konkurrenz betrachtet, nicht immer.) Mütter aber auch Väter stehen aber nicht immer zur Verfügung, weil sie das nicht können und auch nicht wollen und auch nicht sollen (s.u.). Unternehmen brauchen natürlich auch schnell austauschbare, einfache Arbeitskräfte, die besonders billig sind. Hier haben sich die Prioritäten in Deutschland in den letzten Jahrzehnten eben verschoben und so haben sich die Geschlechterverhältnisse massiv verändert.  

Ich möchte die methodische Vorbemerkung wiederholen, ich hoffe, es nervt nicht zu sehr: Meine Argumente verweisen permanent auf die prinzipiellen Lebenslagen in einer bürgerlichen Gesellschaft, z.B. die Lagen junger Familien oder den Ausbildungsgrad von Arbeitskräften. Ich bin also damit (methodisch gesagt) auf der Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaft, nicht z.B. bei den Gesetzen im sogenannten idealen Durchschnitt, wie sie Marx im Kapital Band 1 formuliert. Ohne dies, also nur aus den ökonomischen Gesetzen/Begriffen des K1 heraus, ist eine Erklärung der Geschlechterverhältnisse nicht möglich. Die Gesetze bzw. Begriffe Ware, Geld, Kapital, Revenuequellen, aber auch Recht, Privateigentum und Identität konstituieren nur die Oberfläche der bürgerlichen Gesellschaftsform. An der Oberfläche, in der Konkurrenz, in der »Totalität der bürgerlichen Gesellschaft«, befinden sich die leiblichen Menschen und müssen zurechtkommen. Hier wird die biparentale Fortpflanzung des Menschen zu den jeweiligen Geschlechterungleichheiten – in sehr unterschiedlichen Erscheinungsformen, ja nach Land und geschichtlicher Situation, aber immer gerahmt bzw. beherrscht von diesen Begriffen bzw. Gesetzen. Der Begriff des Geschlechts wie die Geschlechterungleichheiten können nur auf dieser Ebene begründet werden, wesentlich bleibt das Wertgesetz. Aber direkt aus dem Wert (und einer Wertabspaltung/Scholz oder -abjektion/Müller) ist dies unmöglich. Es ergeben sich nur duale Bestimmungen, die die Vielfalt des Vergeschlechtlichens und der Sexualitäten nicht erklären.

Zuerst möchte ich betonen: Wenn ich von bi-parentaler Vermehrung spreche, dann erkläre ich damit nichts. Es ist nicht wesentlich zur Erklärung. Es ist nur eine Art unzureichende, aber notwendige Minimal-Anthropologie.

Ich meine mit bi-parentaler Vermehrung, dass die Menschen sich bisher mit zwei verschiedenen Keimzellen vermehrt haben. Sie müssen sich immer vermehren, jedes menschliche Kollektiv oder jede Gesellschaft muss dieses »Problem« lösen, einfach, weil wir alle sterblich sind. Wer das Gegenteil behauptet, soll sich bitte melden, dem oder der kann man es beweisen…

Auch wenn es im Science-Fiction oder in der Zukunft anders vorstellbar ist, bisher haben sich Menschen mit zwei Elternteilen vermehrt. Aus dieser Tatsache folgt aber gar nichts. Welche Stellung die beiden Elternteile zueinander haben oder zu den übrigen Menschen, ob es darauf aufbauend zwei oder mehr Geschlechter gibt, ob man dieses wechseln kann (episodenhaft oder nach Alter), ob dabei Herrschaft entsteht oder statistische Unterschiede, all das hängt einzig und allein von der Gesellschaft ab. 

Wofür ist dann der Ausdruck gut? Erstens, um kenntlich zu machen, dass biparentale Vermehrung nicht dasselbe wie Geschlechter ist (siehe Kapitel 2 des Buches) und zweitens, um trotzdem den Hilfsbegriff Geschlechterungleichheit einführen zu können, mit dem man sich erst einmal verständigen kann, wovon man spricht (es gibt die und die Unterschiede zwischen … und …). Auf die Probleme, die daraus resultieren, können wir unten ja noch eingehen.  

B Zur Politik und warum diese die Geschlechterungleichheiten zwar nivelliert hat, aber nie abschaffen wird. So meine These – was zu begründen ist.

Aber wieder die ähnliche Vorbemerkung wie oben: Neben der Illusion, dass der Kapitalismus die Geschlechter gleich mache, gibt es noch eine für ihn und seine Gläubigen sehr hilfreiche Illusion: Die Idee, dass es die Politik schon richtet, dass mit einer anderen Regierung, mit mehr Aufklärung, mit mehr Zeit, mit einer noch feministischeren Außenpolitik … die Verhältnisse schon gut werden – irgendwann.

Aber die Politik wird es niemals richten. Auch wenn es zwischen 1970 bis 2000 schwer den Eindruck machte! Warum? 

Der wesentliche Wandel der Geschlechterverhältnisse ging von staatlichen Maßnahmen aus. Diese hatten aber nur das Ziel, „Deutschland zu stärken“ und erreichten das auch. Dazu wurden Frauen sowie werden neuerdings auch diverse Menschen als gleichberechtigt erschlossen. Hierfür wurden Milliarden Steuergelder ausgegeben – mit Erfolg. 

Konkreter gesagt: Es gibt seit Jahrzehnten eine „Frauenförderung“ – zu was, wird nicht gesagt oder wird eh als selbstverständlich hingestellt. Frauen wurden durch unzählige Maßnahmen und Gesetze als Lohnarbeiterinnen gefördert. Durch Krippen, Kindergärten, Schulen und Hochschulreformen, Öffnungen des Arbeitsmarkts und Förderung der Geschäftstätigkeit von Frauen wurden diese für Deutschland produktiv gemacht. Keine Woche vergeht, in der nicht eine weitere Maßnahme kommt. 

Woran sieht man, dass die Maßnahmen letztlich nicht auf Frauen als Frauen zielen, wie die Politik es nahe legt, sondern diese als LohnarbeiterInnen zu gewinnen? Die Maßnahmen sind alle darauf ausgerichtet und selbst den Ansprachen der Verantwortlichen kann man es entnehmen. So auch, wenn sich Deutschland vergleicht mit anderen Ländern, werden immer die Erwerbsquoten der Frauen und der Mütter an erster Stelle genannt – und es wird sich versucht, etwas abzugucken, wo andere Länder höhere Quoten haben. So ist es schließlich auch ok, dass Frauen Militärdienst leisten sollen, obwohl das zu mir „als Frau“ nicht zu passen scheint. 

Hier sieht man dann auch schon, dass die staatliche Befreiung der Frau den Frauen nur als ihre eigene Tat erscheint, aber staatlichen Zwecken folgt und von ihm initiiert wurde – so wie die Frau früher vom Staat zur Hausfrau und zum Muttertier gemacht worden war.

Dort, wo die neue Frauenbewegung sowieso nur dasselbe wollte wie der Mann (Gleichheitsfeminismus), da war er auch erfolgreich. Differenzfeminismus wurde dagegen immer als abwegig angesehen und verkümmerte randständig. (Mehr dazu im Buch und wie der Feminismus mit der Gerechtigkeitskategorie mitten in der bürgerlichen Gesellschaft angekommen ist, Staatsfeminismus wurde.)

Dass der Staat hier das eigentliche Subjekt ist, sieht man gut daran, dass die Frauen-Emanzipation klare Grenzen hat und seit einiger Zeit nicht mehr weiter geht – obwohl das der Feminismus ja eigentlich will und sich ja auch massiv bemüht: Aber sieht man die Zahlen zum Gender Pay Gap oder die Zahlen zu Missbrauch und privater Männergewalt, die seit zwei Jahrzehnten fast gleich bleiben, sieht man, wer da regiert. Feministinnen setzen dann auf die verschiedensten Parteien, die aber, auch an der Regierung, die materielle Geschlechtergleichheit allesamt nicht vorangebracht haben.

Die These, dass der Staat die treibende Kraft in der Veränderung der Geschlechterverhältnisse ist, kann man auch belegen daran, dass sich die Liberalisierung für Personen mit weiteren Geschlechtsidentitäten fortsetzte und bis heute setzt. Dies ermöglicht der Staat auch wieder mit zig Gesetzen und Maßnahmen. Der Staat möchte eben, dass auch sie alle zu vollen bürgerlichen Subjekten werden, um für Lohn zu arbeiten, Steuern zu zahlen, für ihn im Krieg zu kämpfen und die Demokratie toll zu finden.

Es schon erstaunlich, dass viele Feministinnen immer noch glauben, dass es zu einer wirklichen Emanzipation kommt – trotz aller Realität, die anders aussieht. Darum habe ich übrigens mein Buch auch Warum hält sich die Geschlechterungleichheit? genannt. Weil, genau das sollten sich Feministinnen heute wirklich mal fragen.

Auch hier braucht man kein »Patriarchat«, keinen Donald Trump oder ein ominöses »Rollback«, um dies zu erklären. Man muss sich klar machen, dass der Staat nicht nur fleißige LohnarbeiterInnen, egal welchen Geschlechts braucht, sondern auch Kinder.

Die Liberalisierung der Gesellschaft, die Emanzipation der Frau, die Vervielfachung der Geschlechtsidentitäten hatte und hat genau dort ihre Grenzen, wenn die Regulierung der Bevölkerung in Quantität oder in Qualität leidet. Und sie musste durch die Förderung der weiblichen Erwerbsarbeit leiden. Die verbleibende Hausarbeit und private Care-Arbeiten sollten die Familien ja auch weiterhin machen.

Damit generationsübergreifend genügend und möglichst gut ausgebildete Menschen zur Verfügung stehen, werden Frauen und Familien motiviert, weiter Kinder zu bekommen und diese entsprechend gut zu fördern, Familien zu gründen. Frauen sollen weiter Kinder kriegen und nicht nur lebenslänglich lohnarbeiten. Ihre Kinder sollen bestmöglich gefördert werden – schon vor der Geburt und bis sie auch Arbeitskräfte sind. Die Väter sollen hier mitwirken und tun dies inzwischen auch oft. Dazu gab es weiterhin Kinderprämien und dutzende so genannter Familienhilfen.

Um das umzusetzen bekommt die Politik Hilfe von Forschung und Wissenschaft. Die feministische Politikwissenschaft untersucht dazu Hunderte staatliche Maßnahmen … damit ihr geliebter Staat dann auch genügend und gut ausgebildete Arbeitskräfte und SoldatInnen hat. 

Zusammengedacht mit der Ökonomie heißt das für junge Familien: Aus dem Zwang, dass ein Elternteil nicht voll arbeiten gehen kann und weil Frauenlöhne statistisch niedriger sind, entsteht so, dass es eher die Frauen sind, die in Teilzeit arbeiten und die weniger im Beruf aufsteigen – im Durchschnitt.

<Der arme Staat muss da wirklich viel herum überlegen, schließlich gewinnt er durch die Migration auch Arbeitskräfte und die muss er dann mitrechnen. AusländerInnen zählen für ihn aber nicht so viel, wie tolle Inländer …>

3. These

Schauen wir uns den Widerspruch näher an. In der Öffentlichkeit erscheint er als so genannte »Vereinbarkeitsproblematik« für Eltern und Familien: Es sind die sogenannten »stressigsten Jahre einer Familie« mit »Mehrfachbelastung«, Schlafmangel, hohen Scheidungsraten und weniger Sex.

Und in dieser konkreten Lebensrealität erscheint es genau umgekehrt zu meiner These! Nicht der Staat scheint hier »schuld zu sein«, sondern gerade andersherum. Diese Belastungen scheinen nicht staatlich verursacht, sondern umgekehrt stellt sich der Sozialstaat durch dutzende Maßnahmen als Helfer in der Not dar.

Warum fällt den Menschen nicht auf, dass die Politik sie in diese misslichen Lagen gebracht hat?

Weil die Menschen fälschlicherweise denken, dass sie selbst der Grund sind für ihr weniges Geld und ihre fehlende Zeit. Letztlich sei es ihre eigene Schuld: Hätten sie sich nur früher um einen Kita-Platz gekümmert. Würde mein geliebter Ehemann mal endlich mithelfen. Hätte ich nur was Gescheites gelernt. Würden wir eine billige Wohnung finden … ja dann wäre eigentlich alles gut und wir nicht nur eine glückliche Familie, sondern auch eine, der es gut geht.

Dass der Staat mit seinem Recht erst die ökonomischen Verhältnisse einrichtet, die die besondere Be- und Vernutzung der Menschen ermöglicht, das wird selten begriffen. Die Ökonomie und der Wohnungsmarkt erscheinen nicht als mit Gewalt eingerichtet, sondern als natürlich, alternativlos, die beste aller möglichen … Und so erscheint der Staat als der Gute, der die negativen Auswirkungen der Marktwirtschaft abmildert: soziale Marktwirtschaft ist scheinbar die beste aller Welten und ich muss mich nur anstrengen, dass ich ihre tollen Chancen nutze.

Der Staat ist scheinbar der, der die Schwächen der Marktwirtschaft kompensiert. Was die Ökonomie an bösen Auswirkungen hat, sollte er abdämpfen. Aber das stimmt weder bei den Geschlechterverhältnissen, noch hat der Sozialstaat die Armut abgeschafft oder der Klimakanzler den Klimawandel aufgehalten. Die staatlichen Kalküle und Zwecke sind offensichtlich andere, nämlich die Stärkung der Nation und ihrer Ökonomie. Die Bedürfnisse der Menschen sind, wie in der Ökonomie, dabei nicht das Ziel, auch wenn einem das immer wieder erzählt wird und dies auch viele glauben, vielleicht weil sie es sich wünschen. 

Das ewig bleibende Vereinbarkeitsproblem erfassen die statischen Begriffe der Patriarchatstheorien kaum bis gar nicht: Die Ausdrücke „Männer“, „Väter“, „Heterosexismus“ noch „hegemoniale oder toxische Männlichkeiten“ geben für sich keinerlei Auskunft über die Ursachen des Wandels z.B. der sog. Vereinbarkeitsproblematik in Deutschland. Meine These ist sogar:  Durch oder aus dem Begriff des Geschlechts ist sogar gar keine Begründung der Verhältnisse der Geschlechter möglich! Weder aus „Geschlechterrollen“ oder aus „Geschlechteridentitäten“. Das wird alles tautologisch. Das biologische oder auch das soziale Geschlecht erklären die Geschlechterverhältnisse NICHT. Sie müssen selbst erklärt werden.

Sie sollen erst einmal nur Brücken bauen, sind nur Hilfsbegriffe, um Beschreibungen zu ermöglichen. Wie schon gesagt: Sie bleiben aber selbst zur Beschreibung problematisch! Warum?  

Aus zwei Gründen sind sie problematisch:

Erstens weil man scheinbar unterstellt, dass man für Gleichheit ist, wenn man nach der Geschlechterungleichheit fragt. So wurde es mir auch sehr oft unterstellt. Weshalb ich auch heute den Begriff im Titel meines Buch eher nicht mehr verwenden würde.

Zweitens: Wenn man die für die Menschen unschönen Verhältnisse fälschlicherweise mit ungleichen „Positionen“ eben als eines Verhältnis der Geschlechter bestimmt, wenn man die Postionen vergeschlechtlichend als „Mann“ und „Frau“, „Hetero- und Homosexuelle“, Tans- und Inter- usw. beschreibt, so erscheint das nur als neutral – man macht aber das Vergeschlechtlichen schon mit, das Teil der Verhältnisse ist – wie man gut daran sehen kann, wenn es plötzlich neue Geschlechter gibt. 

Will man vielleicht sogar die Zahlen gar nicht erklären, sondern nur „für sich selbst sprechen lassen“ – z.B. als Gender-Pay-Gap, als überhäufige Selbstmorde von Homosexuellen, als häusliche Gewalt gegen Frauen usw., dann legt man aber immer eine Erklärung nahe: Weil Hetero-Männern hier in der Summe Vorteile haben, also statistisch am wenigsten vergewaltigt, geschlagen usw. werden, sind sie ein Kollektiv, letztlich ein gesellschaftliches Subjekt, nämlich eines Herrschaftsverhältnisses – das wird alles nahe gelegt. Aber aus der Statistik heraus kann dies nicht begründet werden. Und dass sie sich nicht verschworen haben und heimlich ein Patriarchat betreiben, das unterstelle ich einmal als Konsens. 

Die statistisch aufsummierte »Geschlechterungleichheit« ist kein theoretischer Begriff, nur eine fragwürdige Beschreibung von angeblichen Positionen. Diese gibt es aber gar nicht. Sie sind falsche Abstraktionen. Man macht eigentlich das ganze Vergeschlechtlichen der Verhältnisse mit, wenn man die Statistik zitiert und dann glaubt, irgendetwas Gehaltvolles gesagt zu haben. Schon wer von »den Männern« und »den Frauen« spricht bzw. einen statistischen Durchschnittsmann oder eine statistische Durchschnittsfrau konstruiert, legt falsche Erklärungen nahe.

Aktuell kommt es in kapitalistischen Gesellschaften zu Vorteilen für Männer, nicht immer und überall, aber im statistischen Durchschnitt. Sucht man nach den Gründen, warum dies der Fall ist, braucht man keine »Patriarchatstheorie«, um dies zu erklären. Benutzt man den Ausdruck Patriarchat, macht man zwar eine verständliche Gegnerschaft deutlich, aber kennt die GegnerInnen nicht – ja man verkennt sie, z.B. als »die Männer« oder als »hegemoniale oder toxische Männlichkeit«, MISSversteht die Verhältnisse als beherrscht von »Männerbünden« oder von »Männer-Netzwerken« usw.

Warum ist das so schwer zu erkennen? Die allgemeinen Gesetze des Kapitalismus, wie Marx sie im Kapital entwickelt hat, kennen noch keine Geschlechterungleichheit oder -hierarchie. Warum? Weil es hier um den allgemeinen Durchschnitt der Verhältnisse geht, also z.B. nicht um Lohnunterschiede, Renten oder wie sich die Regeneration der Arbeitenden in Familien gestaltet. Und weil die meisten den Marxismus allein mit K1 oder mit Historischen Materialismus gleichsetzen, können sie sich nicht vorstellen, dass doch eine Erklärung der Geschlechterverhältnisse aus Ware, Geld und Kapital möglich ist.

Dies ist aber möglich, nämlich, wenn man auch über den bürgerlichen Staat und sein Recht nachdenkt sowie die Situation der Menschen in den Konkurrenzverhältnissen einer besonderen bürgerlichen Gesellschaft, wie die der Bundesrepublik. Wenn man die Formbestimmungen von Ware und Recht auf die Menschen entfaltet und auf die besonderen Lage der Nation anwendet, dann wird Schritt für Schritt sichtbar, dass die biparentale Vermehrungsweise des Menschen in bürgerlichen Gesellschaften Ungleichheiten ergeben, die scheinbar geschlechtliche Positionen haben.

Die Menschen, und d.h. auch, wie sie sich vermehren, sind den Gesetzen bzw. der Herrschaft von Kapital und Staat unterworfen. Sie werden benutzt für Zwecke, die sie systematisch schädigen und es ergeben sich ungleiche Lebenslagen, auch der (nennen wir sie) Geschlechter, ob es nun zwei, drei oder mehr sind. Dabei werden die bisherigen GV erhalten oder überformt, je nach Bedürfnis der aktuellen Herrschaft. So entsteht eine ganze kulturelle Geschlechter-Ordnung, mit Millionen Phänomenen des Alltags, wie sie individuell und durch die Medien reproduziert und verändert werden. Diese Oberfläche ist als »Geschlechterungleichheit« beschreibbar – was aber eben höchst problematisch ist und ideologisch wird. 

Ich vertrete, dass die sogenannten Geschlechterungleichheiten bzw. die Geschlechterkultur letztlich auf zwei Gesetzen beruhen, die in jeder bürgerlichen Gesellschaft gelten. Erstens, dass Menschen, die der Lohnarabeit nicht voll zur Verfügung sehen können, auf dem Arbeitsmarkt und in den Unternehmen schlechter gestellt werden. Und zweitens, dass hiergegen der Staat zwar Maßnahmen erlassen kann, die diese Arbeitskräfte auch zu ihrer bestmöglichen Ausbeutung befähigen sollen. Dies hat aber immer ihre Grenzen dort, wo der bürgerliche Staat sein Volk in Zahl und Qualität fördern muss – um auch morgen noch die größtmögliche Machtbrumme zu sein.

99 ZU EINS
Author: 99 ZU EINS

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