25. Juli 2025

Zitatezettel zu Antisemitismus – falsch erklärt: Adorno & die kritische Theorie

Zitate in Vortragsreihenfolge aus: [1] Studien zum Authoritären Charakter, Theodor W. Adorno, Suhrkamp Verlag, 13. Auflage 2024 [2] Dialektik der Aufklärung, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, Fischer Verlag, 26. Auflage 2022 „Faschismus muss, um als politische Bewegung erfolgreich zu sein, eine Massenbasis haben. Er muss nicht nur die angstvolle Unterwerfung, sondern auch die aktive […]
99 ZU EINS

Zitate in Vortragsreihenfolge aus:

[1] Studien zum Authoritären Charakter, Theodor W. Adorno, Suhrkamp Verlag, 13. Auflage 2024

[2] Dialektik der Aufklärung, Max Horkheimer und Theodor W. Adorno, Fischer Verlag, 26. Auflage 2022

„Faschismus muss, um als politische Bewegung erfolgreich zu sein, eine Massenbasis haben. Er muss nicht nur die angstvolle Unterwerfung, sondern auch die aktive Kooperation der großen Mehrheit des Volkes sichern. Da er durch seine bloße Natur Wenige auf Kosten der Mehrheit begünstigt, kann er nicht gut verkünden, die Situation der Mehrheit ihren wirklichen Interessen entsprechend verbessern zu wollen. Er muss deshalb in erster Linie an emotionale Bedürfnisse – oft die primitivsten und irrationalsten Wünsche und Ängste – appellieren und nicht an das rationale Selbstinteresse.“ ([1] S. 13)

Die Studie “unterstellt, dass die Menschen im allgemeinen dazu neigen, diejenigen politischen und sozialen Programme zu akzeptieren, die ihrer Meinung nach den eigenen wirtschaftlichen Interessen dienen. Welcher Art diese Interessen sind, hängt im einzelnen Fall von der in wirtschaftlichen und soziologischen Kategorien zu bestimmenden Position des Individuums in der Gesellschaft ab (…) Zugleich wurde jedoch in Betracht gezogen, dass wirtschaftliche Motive nicht die beherrschende und entscheidende Rolle für das Individuum spielen mögen, die ihnen zumeist beigelegt wird. (…) Um zu erklären, warum Personen mit gleichem sozioökonomischem Status so häufig verschiedenen Ideologien und solche mit verschiedenem Status so häufig gleichartigen Ideologien anhängen, müssen andere als rein wirtschaftliche Bedürfnisse zugrunde gelegt werden.« ([1] S. 10)

„Wenn es ein potentiell faschistisches Individuum gibt, wie sieht es genau betrachtet aus? Wie kommt antidemokratisches Denken zustande? Welche Kräfte im Individuum sind es, die sein Denken strukturieren? (…) welches sind ihre Determinanten, wie der Gang ihrer Entwicklung? (…) Wie kommt es, dass bestimmte Personen solche Ideen akzeptieren, andere aber nicht?“ ([1] S. 2)

„Die objektive Situation des Individuums kommt als Ursprung solcher Irrationalität kaum in Frage; besser sieht man sich dort um, wo die Psychologie bereits die Quelle von Träumen, Phantasien und Fehlinterpretationen der Welt gefunden hat – in den verborgenen Bedürfnissen der Charakterstruktur.“ ([1] S. 12)

„Nach unserer Theorie ist der Charakter eine mehr oder weniger beständige Organisation von Kräften im Individuum, die in den verschiedenen Situationen dessen Reaktionen und damit weitgehend das konsistente Verhalten (…) bestimmen. So konsistent das Verhalten jedoch sein mag, es ist nicht Charakterstruktur; der Charakter liegt hinter dem Verhalten und im Individuum.“ ([1] S. 6)

„Die Kräfte im Charakter sind nicht Reaktionen, sondern Reaktionspotential, ob ein Potential offenen Ausdruck findet oder nicht, hängt nicht nur von der gegebenen Situation ab, sondern auch von Verhaltenspotentialen, die in Opposition zu jenem stehen.“ ([1] S. 6)

„Nach Horkheimers Theorie (…) geht äußere gesellschaftliche Repression mit innerer Verdrängung von Triebregungen zusammen. Um die ‚Internalisierung‘ des gesellschaftlichen Zwanges zu erreichen, (…) nimmt dessen Haltung gegenüber der Autorität und ihrer psychologischen Instanz, dem Über-Ich, einen psychologischen Zug an. Das Individuum kann die eigene soziale Anpassung nur vollbringen, wenn es an Gehorsam und Unterordnung Gefallen findet; die sadomasochistische Triebstruktur ist daher beides, Bedingung und Resultat gesellschaftlicher Anpassung. In unserer Gesellschaftsform finden sadistische so gut wie masochistische Neigungen Befriedigung. Bei der spezifischen Lösung des Ödipuskomplexes, welche die Struktur des hier besprochenen Syndroms bestimmt, werden solche Befriedigungen in Charakterzüge umgesetzt. (…) Der resultierende Hass gegen den Vater wird durch Reaktionsbildung in Liebe umgewandelt. Diese Transformation bringt eine besondere Art von Über-Ich hervor. Die schwierigste Aufgabe des Individuums in seiner frühen Entwicklung, Hass in Liebe umzuwandeln, gelingt niemals vollständig. In der Psychodynamik des ‚autoritären Charakters‘ wird die frühere Aggressivität zum Teil absorbiert und schlägt in Masochismus um, zum Teil bleibt sie als Sadismus zurück, der sich ein Ventil sucht in denjenigen, mit denen das Individuum sich nicht identifiziert: in der Fremdgruppe also.“ ([1] S. 323)

„Die Praktizierung staatsbürgerlicher Loyalität ist vielmehr die Befriedigung einer spezifischen psychologischen Bedürfnislage des mit einem autoritären Charakter ausgestatteten Bürgers, der ‚an Gehorsam und Unterordnung Gefallen findet‘. In der ‚autoritären Unterwürfigkeit‘ verwirklicht sich die ‚masochistische Komponente des Autoritarismus‘.“ ([1] S. 50)

„Man könnte sagen, dass in der autoritären Aggression die ursprünglich durch die Autoritäten der Eigengruppe erweckte und gegen sie gerichtete Feindseligkeit auf die Fremdgruppen verdrängt wird (…) Der Theorie der Verdrängung zufolge muss der Autoritäre seine Aggression aus innerer Notwendigkeit gegen die Fremdgruppe richten. Er muss es, weniger aus Unwissenheit in Bezug auf die Ursache seiner Frustration, als vielmehr seiner psychischen Unfähigkeit zufolge, Autoritäten der eigenen Gruppe anzugreifen.“ ([1] S. 51f.)

„Die psychische Dynamik, die nach dem antisemitischen Ventil verlangt – das ist im wesentlichen die Ambivalenz autoritärer und rebellischer Neigungen.“ ([1] S. 110)

„Das Konzept dieses Kapitels geht von der allgemeinen Annahme aus, dass die – weitgehend unbewusste – Feindschaft, die aus Versagung und Repression resultiert und sozial vom eigentlichen Objekt abgewandt wird, ein Ersatzobjekt braucht, durch das sie einen realistischen Aspekt für das Subjekt gewinnt, das radikaleren Äußerungen eines gestörten Kontaktes mit der Realität, d.h. einer Psychose, ausweichen muss.“ ([1] S. 108)

„…zum großen Teil unbewusst“, eine Folge eines „unbewussten Vernichtungswillens“. ([1] S. 108)

„Das heißt nicht, dass Juden Hass auf sich ziehen müssen oder dass eine unabwendbare historische Notwendigkeit sie eher als andere zum idealen Angriffsziel sozialer Aggressivität macht. Es genügt, dass sie diese Funktion im psychischen Haushalt vieler Individuen erfüllen können.“ ([1] S. 108)

„Die Fremdheit der Juden scheint die handlichste Formel zu sein, mit der Entfremdung der Gesellschaft fertig zu werden. Den Juden die Schuld an allen bestehenden Übeln zuzuschieben, mag die Dunkelheit der Realität erhellen wie ein Scheinwerfer, der rasche und umfassende Orientierung gewährt.“ ([1] S. 124)

“Die Juden sind heute die Gruppe, die praktisch wie theoretisch den Vernichtungswillen auf sich zieht, den die falsche gesellschaftliche Ordnung aus sich heraus produziert. Sie werden vom absolut Bösen als absolut Böse gebrandmarkt.” ([2] S. 177)

“Im Bild des Juden, das die Völkischen vor der Welt aufrichten, drücken sie ihr eigenes Wesen aus. Ihr Gelüste ist ausschließlicher Besitz, Aneignung, Macht ohne Grenzen, um jeden Preis. Den Juden, mit dieser ihrer Schuld beladen, als Herrscher verhöhnt, schlagen sie ans Kreuz, endlos das Opfer wiederholend, an dessen Kraft sie nicht glauben können. “ ([2] S. 177)

“Erst die Blindheit des Antisemitismus, seine Intentionslosigkeit, verleiht der Erklärung, er sei ein Ventil, ihr Maß an Wahrheit. Die Wut entlädt sich auf den, der auffällt, ohne Schutz.” ([2] S. 180)

„Die hohen Auftraggeber freilich, die es wissen, hassen die Juden nicht und lieben nicht die Gefolgschaft. Diese aber, die weder ökonomisch noch sexuell auf ihre Kosten kommt, hasst ohne Ende; sie will keine Entspannung dulden, weil sie keine Erfüllung kennt.“ ([2] S. 180)

“Wunschbild, als Grund des Antisemitismus: Der Bankier wie der Intellektuelle, Geld und Geist, die Exponenten der Zirkulation, sind das verleugnete Wunschbild der durch Herrschaft Verstümmelten, dessen die Herrschaft sich zu ihrer eigenen Verewigung bedient.” ([2] S. 181)

“Der bürgerliche Antisemitismus hat einen spezifischen ökonomischen Grund (!): Die Verkleidung der Herrschaft in Produktion ([2] S. 182)

„Die produktive Arbeit des Kapitalisten, ob er seinen Profit mit dem Unternehmerlohn wie im Liberalismus oder dem Direktorengehalt wie heute rechtfertigte, war die IDeologie die das Wesen des Arbeitsvertrages und die raffende Natur des Wirtschaftssystems überhaupt zudeckte. Darum schreit man: haltet den Dieb! und zeigt auf den Juden. Er ist in der Tat der Sündenbock, nicht bloß für einzelne Manöver und Machinationen, sondern in dem umfassenden Sinn, dass ihm das ökonomische Recht der ganzen Klasse aufgebürdet wird.” ([2] S. 182 f.)

“Die Juden hatten die Zirkulationssphäre nicht allein besetzt. Aber sie waren allzu lange in sie eingesperrt, als dass sie nicht den Hass, den sie seit je ertrugen, durch ihr Wesen zurückspiegelten” ([2] S. 182)

“Der Antisemitismus beruht auf falscher Projektion. Sie ist das Widerspiel zur echten Mimesis, der verdrängten zutiefst verwandt, ja vielleicht der pathische Charakterzug, in die diese sich niederschlägt. Wenn Mimesis sich der Umwelt ähnlich macht, so macht falsche Projektion die Umwelt sich ähnlich. Wird für jene das Außen zum Modell, dem das Innen sich anschmiegt, das Fremde zum Vertrauten, so versetzt dieses das sprungbereite Innen ins Äußere und prägt noch das Vertrauteste als Feind.“ ([2] S. 196)

„Das zwanghaft projizierende Selbst kann nichts projizieren als das eigene Unglück, von dessen ihm selbst einwohnenden Grund es doch in seiner Reflexionslosigkeit abgeschnitten ist.“ ([2] S. 201)

„Die psychoanalytische Theorie der pathischen Projektion hat als deren Substanz die Übertragung gesellschaftlich tabuierte Regungen des Subjekts auf das Objekt erkannt. Unter dem Druck der Über-Ichs projiziert das Ich die von Es ausgehenden, durch ihre stärke im selbst gefährlichen Aggressionsgellüste als böse Intentionen in die Außenwelt und erreicht es dadurch, sie als Reaktion auf solches Äußere loszuwerden, sei es in der Phantasie durch Identifikation mit dem angeblichen Bösewicht, sei es in der Wirklichkeit durch angebliche Notwehr.“ ([2] S. 201)

“Die Umwendung hängt davon ab, ob die Beherrschten im Angesicht des absoluten Wahnsinns ihrer selbst mächtig werden und ihm Einhalt gebieten.” ([2] S. 209)

„Hier ist der Widerspruch zwischen Urteil und Erfahrung derart krass, dass die Existenz des Vorurteils nur aus starken psychischen Impulsen zu erklären ist.“ ([1] S. 139)

„…so dass alle diese Bedingungen in hohem Maße von dem Phänomen ‚Jude‘ erfüllt werden. (…) Antisemitismus als ein Mittel, sich in einer kalten, entfremdeten und weithin unverständlichen Welt zu ‚orientieren‘.“ ([1] S. 108f.)

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